Schreibt, um "die Verwirrung in mir zu klären": Abdulrazak Gurnah mit der Literaturnobelpreis-Medaille, die der aus Tansania gebürtige Autor wegen der Pandemie am Montag in London überreicht bekam. Am Dienstag kritisierte er in einer Pressekonferenz Großbritannien für seinen Umgang mit Flüchtlingen im Ärmelkanal.

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Zwei Monate nach der Zuerkennung des Literaturnobelpreises an den tansanischen, seit 50 Jahren als Literaturprofessor in England lebenden Abdulrazak Gurnah kann man sich als deutschsprachiger Leser endlich selbst ein Bild von dessen Werk machen. Der Penguin-Verlag hat in einer Schnellaktion Gurnahs vierten Roman Das verlorene Paradies wieder aufgelegt. 1994 erlebte Gurnah damit seinen Durchbruch, schon kurz darauf wurde der Titel nebst vier anderen auch ins Deutsche übertragen. Sie stießen jedoch auf wenig Interesse seitens des Publikums, 2006 war wieder Schluss mit den Übersetzungsambitionen.

Schade, wie nun nicht nur die Auszeichnung, sondern auch die Lektüre beweist. Auch wenn für die Neuausgabe Paradise nicht neu übersetzt, sondern die 25 Jahre alte Übersetzung von Inge Leipold wiederverwertet wurde. Die inzwischen vergangene Zeit merkt man ihr am ehesten in einer "editorischen Notiz" an, die nun die Notwendigkeit von manchen nicht mehr politisch korrekten Begriffen wie "Wilde" bekräftigt. Denn die Geschichte spielt um 1900 zur Zeit der deutschen Kolonien in Ostafrika.

Gold und Kautschuk

Hauptfigur ist der Bub Yusuf, der von seinem Vater zur Tilgung seiner Schulden dem arabischen Kaufmann Aziz überlassen wird. Als Teil von dessen Handelsexpeditionen nach Gold und Kautschuk entdeckt Yusuf das Innere des Kontinents. Erstmals wandte sich Gurnah (72) damit einem historischen Stoff zu.

Gurnahs Literatur wird vom Nobelpreiskomitee etwa für "sein Durchdringen der Auswirkungen des Kolonialismus" ausgezeichnet. Warum ihm an diesem Thema liegt, das erklärte der Autor am Dienstag in der obligatorischen, wegen Corona per Video gehaltenen Lecture.

Darin identifizierte er unter anderem ein Gefühl von Heimweh und Fremdsein während seiner frühen Zeit in England. 1968 war Gurnah von der tansanischen Insel Sansibar geflohen, als nach dem britischen Protektorat eine Revolution eingesetzt hatte, bei der Arabischstämmige wie er verfolgt wurden. "Vielleicht habe ich wegen der Erleichterung zu schreiben begonnen, die ich dabei verspürte, etwas von der Verwirrung in mir zu klären."

Falsche Narrative

Ebenfalls prägend sei eine Reise in seine Heimat viele Jahre nach seiner Flucht gewesen, auf der er eine Entwürdigung von Orten und Menschen erlebt habe. Deren Furcht, die Erinnerung zu verlieren, habe es "notwendig" gemacht, "die Geschichten zu retten, von denen diese Menschen lebten und durch die sie sich verstanden", so Gurnah. Er wollte einer von Siegern gemachten Geschichtsschreibung bequemer, falscher Narrative entgegentreten.

Wie liest sich dieser auch heute hochaktuelle Anspruch einer Geschichtsschreibung von "unten" im konkreten Fall? Bunt und lebhaft!

Gurnah beschreibt einerseits eine Welt aus duftenden Speisen, überwältigenden Landschaften, wilden Tieren. Ein Kniff liegt darin, dass er nichts von oben herab deutet, sondern alles zeigt, wie Yusuf es wahrnimmt: An der Seite des Heranwachsenden taumelt der Leser so vorwärts durch ein multiethnisches Tansania, und manches bleibt vage und subjektiv. Lässt Gurnah in seinem Personal Araber, eingeborene Stämme und die indische Bevölkerung exemplarisch aufeinandertreffen, wird einmal heiter palavert, und ein anderes Mal zeichnen sich Konfliktlinien ab. Andeutungsreich verweigert sich diese Fülle dem eurozentrischen Blick: Nehmt euch nicht zu wichtig, weiße Leser! Hier gab es Geschichte vor euch!

Andererseits wird Das verlorene Paradies zu Recht als eine Anklage der deutschen Kolonialverbrechen gelesen. Zunehmend treffen die Abenteurer auf Deutsche, die schon rein körperlich mit rotfleckiger Haut oder dämonischen Gesichtern verstören. "Sie machten, was sie wollten, und niemand konnte sie daran hindern", heißt es über ihre Gier und Grausamkeit. Sogar böse magische Kräfte werden den als übermächtig Empfundenen, die andererseits aber auch rettend ins Geschehen eingreifen, nachgesagt.

Kolorit und Bilder

Gurnah verweigert sich konsequent flachen Zuschreibungen, hängt keiner klaren Täter-Opfer-Ideologie an, setzt auf Ambivalenz.

Die Expedition der Karawane wird ein mehrmals lebensbedrohlicher Fehlschlag. Mit Kolorit bedient Gurnah so eine Sehnsucht des Lesers nach Bildern, vergisst aber zugleich nicht die diskursive Ebene. Dass in Yusuf spät ein Widerstand gegen die Versklavung bei Aziz wächst, ist als Höhepunkt des Entwicklungsromans, der Das verlorene Paradies auch ist, nur folgerichtig.

Schreiben könne nicht nur Kampf und Polemik sein, sagte Gurnah in seiner Nobelpreisrede: Sowohl Hässlichkeit als auch Tugend des Menschen sollten zur Geltung kommen. Die Verbindung von Politischem und Menschlichem glückt.

Das verlorene Paradies soll kein Testballon sein, um die Marktgängigkeit Gurnahs neu zu prüfen, bekräftigt Penguin. Schon für kommendes Jahr sind weitere Titel geplant, darunter sowohl Wiederauflagen als auch Neuübersetzungen. (Michael Wurmitzer, 9.12.2021)