Ein Nikolo – ohne Krampus-Begleitung – beschenkt Fernfahrer.

Foto: dpa/Uwe Anspach

Der Nikolo kam heuer in den meisten öffentlichen Einrichtungen allein zu den Kindern, ohne Krampus. Der schwarze Teufel verstört die Kleinen, sagen viele Pädagogen. Sein Erscheinen kann zu Traumatisierungen führen. Aber manchen geht er auch ab.

Viele Migrantenkinder haben vom Krampus noch nie gehört. Wer ist der Krampus, fragte Mohammed, Wiener Volksschüler aus Afghanistan, seine Förderlehrerin. Und war ein wenig enttäuscht, als er erfuhr, dass der Nikolo, der weißbärtige Gute, früher mit einem schwarzgehörnten Bösen an der Seite aufgetreten ist, im Gegensatz zu jetzt.

Spannendes Paar

Nikolo und Krampus waren ein spannendes Paar. Es gibt inzwischen oft auch sonst keine Bösen mehr in der Kinderwelt, keine böse Hexe, keinen bösen Wolf und keine böse Stiefmutter. Die Kehrseite der Medaille: Damit verlieren auch die klassischen Grimms Märchen ihre Pointe. Ohne Hexe keine Hänsel und Gretel, ohne Wolf kein Rotkäppchen, ohne Stiefmutter kein Schneewittchen.

Wie lebt man in einer Welt ohne die Dialektik von Gut und Böse? Wie geht man mit dem real existierenden Bösen um, das es ja immer noch gibt? Die Märchen zeigen es vor: Man kann es bekämpfen, besiegen oder auch zähmen und zum Guten wenden, wie der Nikolo seinen Begleiter, den Krampus. Oder den schwarzen Gesellen selbstbewusst zurückweisen wie in dem alten Kindervers: "Kramperl, Kramperl, Besenstiel, beten kann ich gar nicht viel, aber was ich beten kann, geht den Kramperl gar nichts an."

Weiteres Dilemma

Demnächst steht Weihnachten vor der Tür, und damit tut sich für Lehrerinnen und Kindergärtnerinnen ein weiteres Dilemma auf. Soll man den Kindern, von denen ein großer Teil keinen christlichen Background hat, die Weihnachtsgeschichte erzählen oder nicht? Christkind oder Weihnachtsmann? Oder einfach nur Lichterkitsch und mehr oder weniger teure Geschenke? Kommt Weihnachten von Wein, fragte im Deutschkurs eine Asylwerberin aus Nordafrika, eingedenk der damals allgegenwärtigen adventlichen Punschstände. Und war zufrieden, als sie die Erzählung vom armen Flüchtlingskind im Stall hörte.

Hanno Loewy, der Direktor des Jüdischen Museums in Hohenems, machte sich vor kurzem im Radio Gedanken über das schwierige Konkurrenzverhältnis von Weihnachten und Chanukka. Und bemerkte, dass schließlich in der Krippe in Bethlehem ein jüdischer Kommunist lag.

Schwierigkeiten mit dem Kreuz

Viele muslimische Kinder haben Schwierigkeiten mit dem Kreuz, einem Symbol, das vielerorts als haram gilt, also verboten. Lauter Probleme, die es früher nicht gab, die aber in einem Einwanderungsland wie Österreich akut sind und bedacht gehören.

Aber sie sind nicht unlösbar. Die großen Erzählungen, die es in jeder Kultur und in jeder Religion gibt, haben allen etwas zu sagen. Und es schadet niemandem, wenn er oder sie neben der eigenen auch andere Erzählungen kennt. Und noch etwas spricht für das Festhalten an überlieferten Festen und Traditionen: Sie sind einfach interessanter als die Geschenkkataloge von Amazon. Inklusive Krampus. (Barbara Coudenhove-Kalergi, 9.12.2021)