Ein breite PCR-Testinfrastruktur in ganz Österreich ist nur eine der Maßnahmen, die die Pandemie langfristig bewältigbar machen könnten.

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Wien – Expertinnen und Experten der Forschungsplattform "Covid-19 Future Operations" fordern in einem aktuellen Papier mehr langfristige und evidenzbasierte Planung politischer Maßnahmen, um die Pandemie in den Griff zu bekommen. Deren Ende sei nicht absehbar, subjektiv könne sie aber in den Hintergrund treten, "wenn wir gewisse Handlungen zur Gewohnheit machen, ähnlich wie wir z. B. unsere Kleidung dem Wetterbericht anpassen".

"Im Sinne einer Routine des täglichen Handelns kann die Pandemie dann die Dominanz über Politik, Psychologie, und Wahrnehmung verlieren", schreibt die Expertengruppe, der etwa Politikwissenschafterin Barabara Prainsack, Peter Klimek vom Complexity Science Hub (CSH) Vienna, Thomas Czypionka vom Institut für Höhere Studien (IHS) oder der Bundesrettungskommandant des Österreichischen Roten Kreuzes, Gerry Foitik, angehören.

Hohe Inzidenzen bei Schulkindern

In Zeiten mit sehr hohen Infektionszahlen seien Kontaktbeschränkungen wichtig und zum Teil unerlässlich. Dieser Schritt müsse aber nachvollziehbar gemacht und die psychosozialen, ökonomischen und ethischen Auswirkungen berücksichtigt werden. Angesichts der mittlerweile hohen Pandemiemüdigkeit brauche es außerdem größtmögliche Planbarkeit.

Noch während der laufenden Kontaktbeschränkungen muss es aus Sicht der Expertinnen und Experten gelingen, die Impfquoten zu steigern. Dafür sollen unter anderem Bürgermeister oder Menschen aus Gesundheitsberufen verstärkt zum Impfen motivieren, zusätzlich brauche es angepasste Kommunikation für Gruppen mit geringer Impfbereitschaft oder spezielle Impfangebote etwa für Jugendliche. Außerdem soll es beim Impfangebot Zielvorgaben für die Bundesländer geben. Handlungsbedarf sehen die Experten angesichts der hohen Inzidenzen bei den Schülerinnen und Schülern, für diese soll es niederschwellige Information, Impfangebote und altersgemäße Impfanreize (etwa Impfen an ungewöhnlichen Orten) geben. Insgesamt müsse man auf individuelle Impfängste einfühlsam und ohne Polarisierung eingehen und auch die geplante Impfpflicht psychologisch gut vorbereiten und begleiten.

Flächendeckendes Testsystem

Regelmäßige PCR-Tests auch von geimpften und genesenen Personen bleiben aus Sicht der Expertinnen und Experten entscheidend, um früh Infektionsketten zu durchbrechen, pandemische Welle zu brechen und damit Lockdowns zu verhindern. Dafür brauche es ein funktionales flächendeckendes Angebot an PCR-Tests wie in Wien, wo mit "Alles gurgelt" die PCR-Gurgeltests daheim durchgeführt und in diversen Geschäften abgegeben werden können. Ziel soll der Aufbau eines bundesweiten Systems von 2G plus (geimpft/genesen mit Ablaufdatum plus aktueller PCR-Test) sein, bei dem alle unabhängig vom Impfstatus regelmäßig PCR-testen. Bis die Kapazitäten entsprechend ausgebaut sind, sollen Schulen, Bildungseinrichtungen, Krankenhäuser, Senioren- und Pflegeheime Vorrang haben. Der Zugang zu Kultur- und Freizeiteinrichtungen (vom Kino über Wirtshaus bis zum Fitnessstudio) soll grundsätzlich nur Geimpften und Genesenen offenstehen, je nach Inzidenz zusätzlich auch mit Masken- beziehungsweise PCR-Testpflicht. Außerdem sollte stärker auf digitale Möglichkeiten bei der Kontrolle gesetzt werden (digitale Überprüfung des grünen Passes beziehungsweise Überwachung der Quarantäne).

Drei PCR-Tests pro Woche an Schulen

Bei den Schulen sollte angesichts der psychischen Belastungen bei Schließungen die Frage auch bei hohen Inzidenzen nicht mehr sein, ob diese offen bleiben können, sondern unter welchen Maßnahmen. Das Sicherheitskonzept der Forschungsplattform sieht etwa drei PCR-Tests pro Woche für alle Schüler und Lehrer vor. Außerdem könnten Quarantänemaßnahmen für Kontaktpersonen reduziert werden, indem nach einem Fall in der Klasse eine Woche lang täglich PCR-getestet wird. Ein ähnliches Testsystem fordern die Experten auch für die Kindergärten, wobei die Probe per "Lolli" statt durch Spülen abgenommen werden könnte.

Intensivbelegung als schlechter Ratgeber

Bei höheren Inzidenzen sollte an Schulen – wie schon aktuell vorgeschrieben – durchgängig (FFP2-)Masken getragen werden. Wann Maßnahmen verschärft werden, sollte allerdings nicht von der Belegung der Intensivstationen, sondern der Infektionshäufigkeit in der entsprechenden Altersgruppe abhängen. Außerdem sollten mögliche Maßnahmenpakete (etwa Vorziehen der Weihnachtsferien bei weiterhin zu hohen Inzidenzen) zur besseren Planung frühzeitig bekanntgegeben werden. Am Arbeitsplatz solle, wo immer möglich, Homeoffice umgesetzt bzw. an Arbeitsplätzen im Innenraum konsequent FFP2-Maskenpflicht umgesetzt werden.

Für eine mittel- bzw. langfristige Planung (Analyse der Effekte von Maßnahmen, Planbarkeit auf zwei bis drei Monate im Voraus) fordern die Vertreter der Forschungsplattform die Einrichtung eines Teams aus Experten verschiedener Fachrichtungen, das einen Stufenplan mit verbindlichen Schwellenwerten für Maßnahmen (von altersbezogener Mortalität über Anstieg psychischer Erkrankungen bis zu Arbeitslosigkeit und Bildungsindikatoren) miterarbeitet. Bei einem wissenschaftlichen Konvent könnten zudem Maßnahmen erarbeitet werden, die verhindern sollen, dass Österreich im Herbst 2022 in eine ähnliche Situation kommt wie jetzt. Dafür bräuchte es auch umfassende und hochqualitative Daten. Langfristig wirksam könne ein Konzept außerdem nur dann wirkungsvoll sein, wenn stärker auf Bürgerbeteiligung (etwa von migrantischen Communitys, Lehrlingen, Jugendlichen etc.) gesetzt wird. (APA, 9.12.2021)