Absprung ins Achtelfinale: Auch in einem fast leeren Stadion wussten die siegreichen Salzburger zu feiern.

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Salzburgs Champions-League-Spiele haben eine Neigung zum Spektakulären. Dass das 1:0 gegen Sevilla eine der aufregungsärmsten Partien ihrer Königsklassengeschichte war, ist ein Ritterschlag für alle Beteiligten – insbesondere für Trainer Matthias Jaissle. "Wir wussten, dass ein 0:0 fürs Weiterkommen reicht. Dementsprechend haben wir gewusst, wie wichtig die Defensive wird", sagte der 33-jährige Deutsche nach seinem Meisterstück.

Zugegeben, die Partie hätte auch schiefgehen können. Sevillas Kicker waren im Schnitt fast sechs Jahre älter, wirkten anfangs um Jahrzehnte abgeklärter. Die aufgezuckerten, aber nervösen Bullen erwürgten ihre aussichtsreichen Konter-Ansätze regelmäßig mit Pässen aus der Vorhölle des Fußballs.

Aber: die Defensive. Obwohl Sevilla von Beginn an zum Toreschießen verpflichtet war, blieb Munir El Haddadis Lattenkopfball die einzige echte Großchance. "So ein Topspiel gehst du vielleicht taktisch noch einen Tick anders an", sagte Jaissle. "Wir haben früh gepresst, Sevilla konnte seine Muster gar nicht spielen." Das frühe Pressing war freilich nur ein Bruchteil der Wahrheit, aber ein guter Zauberer verrät seine Tricks auch nach dem Erfolg nicht.

Stabilitätspakt

Zum ersten Mal im 18. Anlauf blieb Salzburg in einer CL-Partie ohne Gegentor. Vergangenes Jahr stand der von Jesse Marsch bewirtschaftete Bullenstall weit offen, man kassierte in der Gruppenphase 17 Goals. Diesmal waren es sechs.

Vergessen scheinen die Zeiten, in denen zwischen Mittelfeld und Abwehrkette hektargroße Freiräume blieben oder Verteidiger vogelwild durch den Strafraum irrten. Goalie Philipp Köhn hatte kaum zu tun; was auf ihn zukam, verarbeitete er fachgerecht. Der vormals aussortierte Jêrome Onguéné und der scheinbar angeschlagene Oumar Solet bildeten ein Innenverteidigungsbollwerk, die Außenpracker Rasmus Kristensen und Andreas Ulmer waren unter den stärksten Spielern des Abends.

Dank eines Glanzmoments des sonst blassen Sturmduos Karim Adeyemi und Noah Okafor reichte das für den in den Worten von Sportdirektor Christoph Freund "größten Tag der Klubgeschichte". Und der wollte gefeiert werden. "Natürlich herrscht Ausnahmezustand, bei uns geht es rund", sagte Freund nach der Partie auf Sky. "Es war sicher der schönste Abend meiner Karriere", sagte Kristensen. Adeyemi sprach von einer "geilen Mannschaft" und sagte: "Ich kann an nichts anderes denken, als mit den Jungs bis Samstag zu feiern." Ein Segen der Jugend, dass sich Derartiges mit 19 Jahren noch verkraften lässt.

Jaissle selbst verschwand nach dem ersten Jubel einige Minuten. "Es war sehr emotional. Ich habe zwei, drei Minuten für mich gebraucht, um das Ganze zu realisieren. Es ist ein Stein vom Herzen gefallen, der Druck war spürbar." Ein Scheitern wäre auch angesichts des tollen Starts enorm bitter gewesen. Mit sieben Punkten aus den ersten drei Partien schien Salzburg das Achtelfinale kaum mehr zu nehmen, es folgten zwei vergebene Aufstiegschancen gegen Wolfsburg (1:2) und Lille (0:1).

Wiedersehenshoffnung

Und jetzt? In der Verlosung sind am Montag Liverpool, Real Madrid, Manchester City, Juventus Turin, Ajax Amsterdam, Bayern München und das zum Lieblingsgegner auserkorene Manchester United. "Zum dortigen Trainer haben wir eine spezielle Beziehung", sagte Freund mit einem Grinser über Ralf Rangnick. Der Deutsche hatte in Salzburg einst die Strukturen etabliert, die den Verein nun unter die besten 16 Europas gebracht haben.

Jaissle hat zu dem Fußballvordenker eine besondere Beziehung: 2007 holte Rangnick den damals 18-Jährigen zum Regionalligisten Hoffenheim und machte ihn zum Stammspieler. Der Innenverteidiger erlebte so Hoffenheims rasanten, wenn auch umstrittenen Aufstieg mitsamt dem sensationellen Bundesliga-Herbstmeistertitel 2009, ehe Verletzungen seine Spielerkarriere beendeten.

Doch auch wenn es nicht die "Red Devils" werden, ist ein Kracher garantiert. Das unangenehmste Los wäre wohl Ajax Amsterdam. Mit den Niederländern gab es bereits ein reichlich legendäres Europa-League-Duell, trotz des vergleichsweise weniger spektakulären Namens zählen sie derzeit zu den allerbesten Mannschaften Europas. (Martin Schauhuber, 9.12.2021)