So ein Fußball-Großevent ist eine richtige Dreckschleuder! Für einen leidenschaftlichen Fan der schönsten Nebensache der Welt, der drei der vier letzten Europameisterschaften und die letzte WM in Russland besuchte, schreibt sich das umso härter. Aber es lässt sich nicht leugnen: Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Jeweils fast drei Millionen Tonnen CO2 verursachten die rund einmonatigen Events zuletzt – angefangen vom Energieverbrauch in den Stadien bis hin zu den Reisen von Spielern und Fans. Das ist deutlich mehr als etwa die Inselstaaten Malta oder Island über ein ganzes Jahr emittieren. Nicht zuletzt deshalb hagelte es heftige Kritik, als man das EM-Turnier 2021 erstmals auf den ganzen Kontinent verteilte, anstatt den Bewerb wie bisher in einem oder zwei Ländern auszutragen.

Nun will niemand den Fans die Reisen mit dem Fußball-Nationalteam oder magische Europapokalnächte verwehren. Bis eine Dekarbonisierung der Luftfahrt und ein entsprechend schnelles, günstiges und gut ausgebautes Schienennetz aber verfügbar sind, braucht es auch andere Zeichen aus der Branche, dass man die Verantwortung und Vorbildwirkung ernst nimmt.

Der grünste Verein der Welt

Während das Thema Nachhaltigkeit in den Kantinen und Funktionärsbüros global gesehen nur sehr zögerlich Einzug hält, zeigt ein englischer Verein vor, wie derlei funktionieren kann. Die Forest Green Rovers aus Nailsworth – zwischen Bristol und Oxford gelegen – tragen die Nachhaltigkeit nicht nur traditionellerweise im Namen. Seit dem Einstieg des millionenschweren Industriellen Dale Vince leben sie die Philosophie auch.

Jahrelang reiste Dale Vince in einem ausgemusterten Feuerwehrauto um die Welt. Jetzt will er mit seinem Fußballklub ein Zeichen für eine nachhaltigere Welt setzen.
Foto: EPA/WILL OLIVER

Der oft als "reichster Hippie" der Insel bezeichnete Vince machte sein Geld mit Windkraftanlagen und reformierte die Ausrichtung des heutigen Viertligatabellenführers seit seiner Übernahme 2010 grundlegend. Nach einem Jahr im Amt verbannte er rotes Fleisch aus dem Speiseplan der Spielerinnen und Spieler sowie von den Rängen. 2015 wechselte der Verein gänzlich auf vegane Ernährung.

Anfänglicher Skepsis widersprachen nicht nur viele der von den Rezepten begeisterten Fans, sondern auch die Umsätze. Viermal mehr Essen verkaufte der Verein zuletzt – was teilweise freilich auch dem Aufstieg in die unterste Profiklasse geschuldet sein könnte.

Mittlerweile wird das vegane Essen in großem Stil nicht nur im, sondern auch außerhalb des Stadions vertrieben.
Forest Green Rovers F.C.

Bereits 2017 zeichnete die Fifa die Green Forest Rovers als grünsten Verein der Welt aus, ein Jahr später folgte die Auszeichnung als erster klimaneutraler Klub der Welt durch die Uno. Auf dem Stadion liegen Solarpaneele, Regenwasser wird für die Bewässerung des Rasens aufgefangen. Letzterer wird pestizidfrei bearbeitet und von solarbetriebenen Rasenmähern geschnitten.

Die gesamte aufgewendete Energie kommt aus nachhaltiger Quelle. Ecotricity, die Firma des Besitzers, stellt den Strom zur Verfügung und lässt alle Fans, die mit dem E-Auto zu Spielen anreisen, gratis aufladen. Dafür darf man das Trikot als Hauptsponsor zieren. Auf den aus recycelten Kaffeebohnen oder Bambus hergestellten Leiberln findet sich das Logo der Meeresschutzorganisation Sea Shepherds – wie überhaupt nur nachhaltige Firmen den Verein sponsern dürfen.

Neben Bambus werden auch alte Kaffeebohnen für die Produktion der meistens ausverkauften Trikots verwendet.
Foto: FGR/filmthistyler.co.uk/via REUTERS

Der nächste große Schritt ist die Errichtung eines 5000 Personen fassenden Stadions aus Holz nach Plänen aus dem Büro der 2016 verstorbenen Stararchitektin Zaha Hadid. Die nachhaltige Arena soll die Ökobilanz weiter verbessern und besser ans Öffi-Netz angeschlossen sein. Baugenehmigungen liegen vor, Baubeginn ist bald.

Zäher Fortschritt

Vergleichbare Projekte sucht man in den größten Ligen der Welt vergebens. Knapp 8000 Tonnen CO2 fallen an einem Spieltag der deutschen Bundesliga an. Schön langsam kommt aber Bewegung rein. Ausgerechnet die Volkswagen-Werks-Elf aus Wolfsburg schloss sich als erstes Team einer Top-Liga der UN-Initiative Sports for Climate Action an. Bis Mitte des Jahrzehnts will man die Netto-Emissionen auf null bringen und Energie, die nicht aus Erneuerbaren kommt, zumindest kompensieren. Werder Bremen produziert Solarstrom, andere Clubs stellen auf E-Autos um.

So soll es einmal ausschauen, das Stadion der Forest Green Rovers.
Foto: CGI by VA, Courtesy of Zaha Hadid Architects/

In Österreich, wo Vereine mitunter von Linz nach Klagenfurt fliegen, hat der nationale Fußballverband zumindest einen Nachhaltigkeitsbericht veröffentlicht, in dem ÖFB-Mitarbeitenden durch Flüge, Hotelaufenthalte und Energiekonsum eine durchschnittliche CO2-Belastung von 13,3 Tonnen pro Kopf und Jahr zugeschrieben wird – in etwa das Doppelten von dem, was Frau und Max Mustermann in Österreich sonst so ausstoßen.

Dass es nicht nur bei der symbolischen Pflanzung von 500 Bäumen bleiben kann, scheint bekannt. Konkrete Pläne wie die Nachhaltigkeitswende im heimischen Fußball gelingen kann, liegen aber noch nicht vor. (Fabian Sommavilla, 12.12.2021)