Hausherr vor verschlossener Tür: Die staatlichen Hilfen haben trotz vieler Sorgen das große Clubsterben verhindert.
Foto: Claudio Farkasch

Monatelang hatten Clubs geschlossen, dann konnten sie von Juli bis November öffnen. Wie geht es weiter mit der gebeutelten Branche? Wie kann man Orte der Freiheit zwischen strengen Maßnahmen und Lockdowns erhalten? Der Wiener Clubbetreiber Gregor Imhof zur Lage der Clubkultur. Die Videoversion dieses Gesprächs finden Sie hier.

STANDARD: Jetzt endet der Lockdown, die Nachtgastro bleibt weiterhin zu. Wann reicht’s Ihnen?

Imhof: Persönlich ist es ermüdend, ich habe nach wie vor keine Planungssicherheit. Dieser Lockdown wäre vermeidbar gewesen. Es reicht mir, was die Politik dargeboten hat über das letzte Jahr. Was mein Eintreten für die Clubkultur betrifft, da reicht es mir noch lange nicht.

STANDARD: Was hätte man anders machen können?

Imhof: Sicherlich vieles. Man war sich ja bewusst, dass Österreich ein sehr "impffaules" Land ist. Dann ist es schwierig, wenn der damalige Bundeskanzler im Sommer verkündet, die Pandemie sei vorbei. Das war ein fahrlässiges Totalversagen. Bei der Clubkultur merkt man den Verlust erst, wenn sie plötzlich nicht mehr da ist. Und auch was das Ausbleiben dieses soziopsychologischen Ventils gesellschaftlich bedeutet. In der Szene haben wir uns durch die Krise anders vernetzt und sind auch laut geworden. Uns wurde bewusst, was wir für eine schöne Nachtpflanze zu pflegen haben.

STANDARD: Das Sass wurde gepflegt und hat überlebt. Letztes Jahr hat man das "Massensterben der Clubs" prophezeit. Schließen musste aber kaum einer, es haben sogar neue eröffnet – geht es Ihnen wie vor der Pandemie?

Imhof: Nein. Es gab schon einige Clubs, die geschlossen haben oder übernommen wurden. Was wir der Bundesregierung lassen müssen: Wir wurden sehr gut abgestützt. Die Hilfen kamen zeitgemäß, und deshalb ist es auch nicht zur großen Flut gekommen. Jetzt besteht die Gefahr, dass das umsonst war, wenn man uns nicht adäquat weiterhilft. Wir stehen vor der Problematik, dass viele Betriebe – wie auch wir – verschuldet sind, weil Stundungen und Kreditraten fällig werden.

STANDARD: Dieses Jahr wurden Wiener Clubs mit 1,65 Millionen Euro gefördert. Böse Zungen behaupten, dass die staatlichen Hilfen mehr Geld in die Kassen gespült haben, als der Betrieb eingebracht hätte. Stimmt das?

Imhof: Nein, natürlich nicht. Ganz egal wie hoch die Hilfen waren, sie können keinen Clubbetrieb ersetzen. Ich kenne keinen Club, der gesagt hat: "Hurra, wir bleiben zu! Wir bekommen so viel Geld und fahren jetzt alle Porsche." Die genannte Förderung haben wir dazu genutzt, um den Raum mit einer UV-Licht-Anlage auszustatten, um einen sicheren Betrieb zu garantieren. Der Rest ging an Künstler und Künstlerinnen, die bei uns aufgetreten sind oder aufgelegt haben. Die Förderungen waren gut, sie waren sinnvoll.

STANDARD:Clubs seien sichere Orte, verkündete Gesundheitsminister Mückstein im Juni. Dennoch kam es zu Clustern. Hätten da die Regelungen strenger sein müssen?

Imhof: Wir hatten von Anfang an ein strenges Covid-19-Konzept plus Contact-Tracing. Bei uns gab es keine uns bekannten angesteckten Personen. Und wir waren von Anfang an für eine 2G-Regel oder breite PCR-Testung. Gegen Ende des Sommers kam es auch zu vielen Fälschungen von Zertifikaten. Ich kann nicht für die ganze Branche sprechen, aber es gab sicher auch Leute, die das nicht ernst genommen haben. Man kann die Menschen nicht vom Feiern abhalten. Im Sommer passiert das im Freien, im Winter hinter verschlossenen Türen. Das Problem: Dort gibt es keine Kontrollen.

STANDARD: Für die Nachtgastro wird es bei einer Wiedereröffnung Maßnahmen wie 2G oder 2G plus geben. Welche Auswirkungen hatte das bisher auf das Publikum?

Imhof: Unser Publikum hatte nie ein Problem mit dem strengen Sicherheitskonzept. Sobald es ging, waren auch alle geimpft. Die 2G-plus-Regelung kurz vor dem Lockdown war aber problematisch für uns. Vor allem, weil in der übrigen Gastronomie nur 2G herrschte. Wenn bei der Wiedereröffnung wieder 2G plus kommt, muss das für die ganze Gastro gelten. Das würde sich finanziell für uns nicht ausgehen. Wenn das hippe Gasthaus bis vier Uhr mit 2G offen hat, übernimmt es unsere Aufgabe.

STANDARD: In der Zeit, in der die Clubs wieder offen hatten, hörte man davon, dass sich sexuelle Übergriffe und Drogenmissbrauch gehäuft haben – können Sie das bestätigen?

Imhof: Nein. Ich habe auch nichts von nationalen Kollegen gehört, im internationalen Kontext gab es aber Vorfälle. Im Sass haben wir bei der Wiedereröffnung eine Kampagne gestartet. Heutzutage ein Clubkonzept ohne Awareness-Team zu machen ist fast fahrlässig. Wir wollen einen Raum haben, der für alle Geschlechter offen ist und für Diversität steht. Das funktioniert nur, solange niemand die eigene Freiheit einschränkt. Daran werden wir immer arbeiten müssen. Deswegen reden wir auch von der Utopie Safer Space und nicht von Safe Space. So einen gibt es in der Nacht nicht.

STANDARD: Clubkultur scheint präsenter als früher, plötzlich ist der Begriff auch in der Politik geläufig ...

Imhof: Das ist natürlich total schön. Vor der Pandemie hätte das so nicht stattgefunden. Der nächste Schritt ist, dass wir endlich von der Unterscheidung von Pop- und Hochkultur wegkommen. Berlin betrachtet seine Clubs als Kulturräume. In Wien stecken wir da noch in den Kinderschuhen. (Katharina Rustler, 12.12.2021)