Der Autor nimmt sich vor, sämtliche Geschenke, die er auf den Gabentisch legen wird, zu stehlen.

Foto: Reuters / Christian Mang

Als ich in einer Auslage einen Adventkranz mit einer brennenden Kerze entdecke, verspüre ich das Bedürfnis, die Menschen in meinem Leben zu beschenken. Dieses Jahr will ich mir besonders viel Mühe geben. Etwas ganz und gar Einzigartiges soll alles, was von mir kommt, miteinander verbinden.

Unverzüglich erkläre ich mein Unterwegs-Sein zum Einkaufsbummel und den Fotoautomaten in der Unterführung zu meiner ersten Station. Mit wichtigtuerischem Gebrumme druckt er gerade einen Bilderstreifen aus. Anstatt, wie vorgesehen, in ein aus Metallstäben geflochtenes Körbchen zu fallen, bleibt er allerdings dort, wo er herausgekommen ist, hängen, was aussieht, als zeige mir der Automat eine seiner unzähligen, aus nichts als Fotos bestehenden Zungen.

Aus dem Inneren der Kabine dringt Gekicher, und ich sage mir, wer derart guter Laune ist, legt zweifellos keinen Wert darauf, gestört zu werden. Die Fotos nehme ich mit und habe auf dem verbleibenden Weg durch die Unterführung das Gefühl, ein paar Unbekannte – ich konnte die Stimmen von zumindest zwei Personen ausmachen – hätten sich mir angeschlossen.

Ein Hauch von Spiritualität

Es handelt sich um zwei junge Frauen, die einander umarmen. Genau genommen befindet sich die Umarmung sogar im Mittelpunkt der Aufnahme. Die beiden Frauen wirken eher, als würden sie eine solche Pose einnehmen, und insofern richtet sich die Fotografie an einen Zuschauer und damit an jemanden wie mich.

Eine Umarmung, denke ich, würde sich hervorragend als Namensschild an einem Geschenk eignen. Diese Umarmung ist für – wäre darauf zu lesen – siehe umseitig. Ich muss an Gustav Klimt denken, der mithilfe zweier von ihm gemalter Figuren der ganzen Welt einen Kuss geschenkt hat.

Jetzt weiß ich, was ich mir für die bevorstehenden Festtage vornehme: Ich werde sämtliche Geschenke, die ich auf den Gabentisch lege, stehlen. Nicht unbedingt stehlen, aber entwenden, mitgehen lassen, sie jedenfalls nicht durch schnödes Bezahlen in meinen Besitz bringen. Neben Selbstbasteln – dazu fehlt es mir an Muße – ist das eine der wenigen Verfahrensweisen, um Weihnachtsgeschenke zumindest mit einem Hauch von Spiritualität aufzuladen.

Teil einer Behörde

Als Nächstes führt mich meine Einkaufstour zum Postamt. Ich beziehe an einem der Stehtische Position, nehme einen an einem spiralförmig gedrehten Kunststoffband befestigten Kugelschreiber in die Hand und tue so, als würde ich einen Aufgabeschein ausfüllen. Tatsächlich kritzle ich Frohes Fest auf ein Stück Papier, das ich in meiner Manteltasche gefunden habe.

Plötzlich – als würde mich die von mir geleistete Unterschrift dazu berechtigen – reiße ich das Band, an dem der Kugelschreiber hängt, aus seiner Verankerung und verstaue ihn in der Innentasche meines Mantels, aus dem ich zuvor das Stückchen Papier hervorgeholt habe.

Als Kugelschreiber macht der Kugelschreiber zwar nicht unbedingt viel her, das spiralförmige Band hingegen vermag eine ganze Menge zu erzählen. Zum Beispiel, dass das daran befestigte Schreibzeug wo dazugehört, dass es über eine Herkunft verfügt. Es ist, oder besser war, Teil einer Behörde, Teil der Zivilisation, in deren Auftrag es den Menschen jahrelang dazu gedient hat, Briefe zu adressieren.

Kugelschreibern wie diesem ist es zu verdanken, dass Sendungen ihre Empfänger erreicht haben. Mit der Zeit haben die über den Globus verstreuten Destinationen diesen Stift neugierig gemacht, und es grenzt an ein Weihnachtswunder, dass es ihm – dank meiner Unterstützung – gelungen ist, auszubüxen, um sich zumindest ein wenig in der Welt umzuschauen. An Heiligabend werde ich ihn in die Obhut eines anderen Menschen übergeben.

Abenteuerlust trifft Orientierungslosigkeit

Nach wie vor an seiner gekappten Nabelschnur hängend, wirkt der Kugelschreiber aber auch entwurzelt. In ihm trifft Abenteuerlust auf Orientierungslosigkeit, was ein bisschen an diejenigen erinnert, die Bob Dylan so eindringlich besingt. Dylan ist ja auch eher ein Mann des Kugelschreibers als der Feder.

Im Kaffeehaus zerbreche ich mir den Kopf, was ich mitgehen lassen könnte – den Salzstreuer (quasi eine Schneekatastrophenkugel inklusive Gegenmaßnahme), den Pfeffer (so sieht Schnee nach ein paar Tagen Großstadt nun mal aus)? Die Tischdekoration besteht aus einem Teelicht, unter einer papierenen Ummantelung, in die winterliche Motive wie Schneeflocken geschnitten wurden. Ich kann unmöglich riskieren, dass jemand glaubt, ich hätte so etwas selbst angefertigt. Die Hand bereits an der Türschnalle, greife ich nach einem eleganten Herrenschirm, der stramm im Schirmständer steht.

Seine Ausstrahlung hat mich beim Auskundschaften des Gästeraums noch eingeschüchtert. Nunmehr springen mir seine übertrieben guten Manieren geradezu bei. Mit einem solchen Zepter der Wohlerzogenheit in der Hand fürchte ich keine Reklamationen.

Schließlich gibt es nicht nur einen Gentleman, und sollte sich einer von den anderen nicht zu schade sein, mir bis auf die Straße hinaus nachzulaufen, wird er mir ohne weiteres glauben, dass ich für gewöhnlich einen ganz ähnlichen Schirm dabeihabe. Außer ich habe ihn vergessen, was ihm zweifellos ebenfalls schon passiert sein dürfte – richtig?

Zum Nachdenken

Kurz darauf konfisziere ich ein Schild mit der Aufschrift "Komme gleich". Jemand hat es leichtsinnigerweise außen an der Ladentür hängen lassen – quasi ein Schnäppchen. Gleichzeitig ein Geschenk, über das sich wunderbar sinnieren lässt, bedenkt man, dass ich es ohne lange nachzudenken in einem einzigen Augenblick an mich gebracht habe, während unser komplex gewordener Alltag auf umsichtigem Haushalten mit Zeit basiert.

Die aus zwei Worten bestehende Info erinnert im Übrigen entfernt an den Titel einer jener Lieder, die viele von uns gerade in der Vorweihnachtszeit so gerne hören. Die fehlende Begründung, warum man überhaupt habe wegmüssen, regt ebenfalls zum Nachdenken an – genauso wie mein Entschluss, das Schild an mich zu nehmen. Und sollte sich der damit Beschenkte nicht davon anregen lassen, dann zumindest diejenige, die es bei ihrer Rückkehr vermissen wird.

In einer Bäckerei erkundige ich mich, ob ich mir ein Päckchen Zucker nehmen darf, und reagiere enttäuscht, als die Frau hinter der Verkaufstheke durch das Senken ihrer beiden Augenlider signalisiert, ich möge mich bedienen. Einer solchen Mimik entnehme ich, dass sie so tun werde, als hätte sie es nicht gesehen. Gehorsam lege ich den kleinen Becher zurück – zumindest den, den ich in der rechten Hand halte, der andere wandert in meinen Gabensack.

Keine Gefahr

Als mein Blick auf eine Telefonzelle fällt, überkommt mich ein nostalgisches Gefühl. Ein vorsintflutlicher Telefonhörer in Erinnerung all der Gespräche, die man mit einem solchen geführt hat, würde ein schönes Geschenk abgeben. Allerdings befindet sich unter meinen Gaben bereits ein Kugelschreiber, der an einer Vergangenheit hängt, die verlorengegangen ist.

Unweit der Telefonzelle drehe ich eine Glühbirne aus der Fassung einer Lampe über einem Gartentor. Das dazugehörige Haus liegt ein paar Meter weit vom Gehsteig entfernt, als wolle es mit dem Rest der Straße so wenig wie möglich zu tun haben. Sollte mich jemand beobachten, bleibt mir genug Zeit, um wegzulaufen. Aus der Nachbarschaft droht keine Gefahr. Wahrscheinlich begrüßt man es dort sogar, dass jemand diesen eingebildeten Herrschaften eins auswischt.

Ähnlichkeit zum Einzelhandel

Auch meine Ausbeute in der Nachbarschaft ist ansehnlich: ein Gartenzwerg, der seine Laterne in die Höhe hält, die Düse eines Gartenschlauches, mit der sich der Wasserstrahl regulieren lässt, und ein Topf samt Untersetzer aus Ton. Einen Klappstuhl, der, von der warmen Jahreszeit erschöpft, an einer Hausmauer lehnte, hätte ich gerne mitgenommen, aber ich weiß nicht, wie ich all das, was ich bereits erworben habe, tragen soll.

Allmählich ist es an der Zeit, meinen Einkaufsbummel zu beenden. Ich kenne gar nicht so viele Menschen, wie ich mittlerweile beschenken könnte. Mir ist auch niemand bekannt, der Gitarre spielt, und doch ist ein Plektron in meinen Besitz gelangt. Ich habe – um es auszuprobieren – so lange Luftgitarre gespielt, bis der Ladenbesitzer mit dem Rauchen seines Joints fertig war und sein Blick, der die ganze Zeit über auf mir ruhte, nur noch registrierte, was gar nicht geschah.

Als ich die restlichen Plektren zurückerstattete, indem ich sie auf die Verkaufstheke leerte wie eine Handvoll Münzen, fiel mir auf, dass meine Form des Erwerbs eine bestechende Ähnlichkeit zum konventionellen Einzelhandel aufweist. Ich bezahlte, behielt mir jedoch eine Art Gage für eine Darbietung, um die mich der Besitzer des Ladens gar nicht gebeten hatte. Für ihn ging dennoch alles mit rechten Dingen zu, was es in Wahrheit ja auch tat. Es war sein Joint, der ihm zu dieser Sichtweise verhalf.

Wunschkennzeichen

Mittlerweile habe ich mehr als genug. Unter anderem auch ein Wunschkennzeichen – nur eines, ich möchte niemanden in Schwierigkeiten bringen – und eine riesige, vielleicht sogar (ich hoffe es) geweihte Opferkerze. Meines Erachtens nach eines der würdevollsten Geschenke. Eine solche Kerze beinhaltet alles, worauf es beim festlichen Austausch von Gaben ankommt: Selbstlosigkeit, Andacht und ein vergänglicher Moment.

Das wahrscheinlich attraktivste Geschenk begegnet mir, wie an solchen Einkaufsnachmittagen üblich, ganz zum Schluss. Ich darf es mir aus einem Stapel Pakete, den ein Lieferant auf einer Rodel vor einem Hauseingang stehengelassen hat, selbst aussuchen.

Dem Mythos des Weihnachtsmannes auf der Spur, stellt er wohl gerade etwas zu, und ich fische, ohne auf irgendwelche Aufschriften zu achten, eine Schachtel, die nicht zu schwer ist, aus seiner Lieferung. Zu Hause werde ich, immer noch ohne hingeschaut zu haben, Adresse und Absender übermalen und somit über die perfekte Überraschung verfügen.

Der Umstand, dass ich es zum Abschluss meiner Tour erstanden habe, lässt es mir nur gerecht erscheinen, es mir im Rahmen der Bescherung selbst zu überreichen. (Hanno Millesi, ALBUM, 11.12.2021)