2013 entdeckten Archäologen im Gräberfelder von Yanghai bei Turfan im Nordwesten Chinas einen vollständig erhaltenen Schuppenpanzer aus dem ersten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung. Die schürzenartige Weste bestand im ursprünglichen Zustand aus über 5.500 Lederschuppen und gehörte einst einem etwa 30 Jahre alten Reitersoldaten. Dass die Rüstung die zurückliegenden zweieinhalb Jahrtausende so gut überdauern konnte, ist dem extrem trockenen Klima der Turfan-Senke zu verdanken.

Besonders spannend an diesem Panzer ist, dass er ein eindrucksvolles Beispiel für frühen west-östlichen Technologietransfer darstellt. Denn er stammte keineswegs aus heimischer Produktion, sondern wurde wahrscheinlich im fernen Neuassyrischen Reich hergestellt. Zu diesem Schluss kommt ein internationalen Team um Patrick Wertmann von der Universität Zürich nach einer eingehenden Analyse und Vergleichen mit anderen Funden.

Der Lederschuppenpanzer aus einem Reitergrab in Yanghai wirft einige Fragen auf.
Foto: Xu /Wertmann/Yibulayinmu

Leichter und bequemer

Schuppenpanzer sind vergleichsweise leicht und schützen dennoch die lebenswichtigen Organe, jedoch ohne die Bewegungsfreiheit der Kämpfer einzuschränken. Wie die Schuppen eines Fisches wurden Plättchen in einander überlappenden Reihen auf eine feste Unterlage aufgenäht. Aufgrund der kostspieligen Materialien und der aufwendigen Herstellung waren solche Rüstungen wertvoll und galten als Privileg der Elite. Anfangs wurden sie dem Krieger deshalb nur selten mit ins Grab gegeben.

Im Laufe der Antike, mit dem Aufkommen mächtiger Großreiche und ihren riesigen Armeen, stieg der Bedarf an kostengünstigen und dennoch wirksamen Rüstungen für das Gros der einfachen Soldaten. Der Panzer aus Yanghai ist ein hervorragendes Beispiel für eine solche Massenware.

Das Neuassyrische Reich (hellgrün) während seiner größten Ausdehnung um 670 vor unserer Zeitrechnung. Das Gräberfelder von Yanghai liegt nördlich des Himalaya.
Grafik: Wertmann et al./red

Die Gruppe um Wertmann konnte die Entstehungszeit der Rüstung mittels Radiokarbondatierung auf einen Bereich zwischen 786 und 543 vor unserer Zeitrechnung eingrenzen. Für die Herstellung wurden ursprünglich insgesamt 5.444 kleine und 140 größere Schuppen aus Rindsleder verwendet. Zusammen mit Lederschnüren und dem inneren Futter ergab sich ein Gesamtgewicht von vier bis fünf Kilogramm.

Die Truppen von König Tiglat-Pileser III. (745–726 vor unserer Zeitrechnung) greifen mit Belagerungsmaschinen eine feindliche Stadt an. Die Bogenschützen tragen Schuppenpanzer.
Foto: Mary Harrsch

"Professionelles Massenprodukt"

Die Form des Panzers erinnert an eine Weste, die den Oberkörper des Trägers im Bereich der Brust, Leisten, Seiten sowie im unteren Rückenbereich schützt. Er konnte schnell und selbstständig angelegt werden und eignete sich für unterschiedliche Körpergrößen. "Bei diesem Fund handelt es sich um ein professionell hergestelltes Massenprodukt", sagt Wertmann.

Als die Kriege im Nahen Osten vermehrt mit Pferdestreitwagen geführt wurden, entstand ab dem 9. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung eine spezielle Rüstung für berittene Soldaten. Diese gehörte später in standardisierter Form zur typischen militärischen Ausrüstung des Neuassyrischen Großreichs (911 bis 605 vor unserer Zeitrechnung), das sich über Teile des heutigen Irak, Iran, Syrien, der Türkei und bis in den Süden Ägyptens erstreckte.

Die Rüstung aus der Arms and Armor Collection des Metropolitan Museum of Art New York (MET) gleicht in vielen Details dem Lederpanzer aus Yanghai.
Foto: Metropolitan Museum of Art New York (MET)

Rüstung auf großer Reise

Obwohl der Fund des 2.700 Jahre alten Schuppenpanzers im gesamten Gebiet Nordwestchinas einzigartig ist, zeigt eine zeitgenössische Rüstung im Metropolitan Museum of Art New York (MET) viele stilistische und funktionelle Übereinstimmungen. "Ein so hoher Grad an Standardisierung der militärischen Ausrüstung im 7. Jahrhundert ist nur für die Neuassyrischen Streitkräfte bekannt. Wir vermuten, dass der Herstellungsort beider Rüstungen das Neuassyrische Reich war", schreiben die Forscher im Fachjournal "Quaternary International". Die beiden Rüstungen wirkten demnach bis ins Detail, als stammten sie aus verschiedenen militärischen Einheiten derselben Armee.

Ob der Träger der Yanghai-Rüstung selbst ausländischer Soldat war oder ein Einheimischer im Dienst der assyrischen Armee, der seine Ausrüstung mit nach Hause brachte, lässt sich aktuell noch nicht beurteilen. Vielleicht hat er die Rüstung auch von jemandem erbeutet. "Auch wenn der genaue Weg des Schuppenpanzers aus Assyrien bis in den Nordwesten Chinas nicht mehr rekonstruiert werden kann, ist der Fund doch ein Beleg für den militärischen Technologietransfer über den eurasischen Kontinent hinweg", sagt Wertmann. (red, 13.12.2021)