Die umstrittene Impfpflicht in Österreich könnte zahlreiche unerwünschte Nebenwirkungen haben: noch vehementere Abwehr bei jenen, die sich vom Staat gegängelt fühlen, eine noch tiefere Angst vor Impfungen jeglicher Art, eine noch massivere Abkapselung von Menschen auf der anderen Seite des Meinungsspektrums. Für den Verhaltensökonomen Florian Spitzer kommt es auch nicht überraschend, dass so viele weiterhin zurückhaltend sind, was die Corona-Impfung betrifft.

Spitzer beschäftigt sich am Institut für Höhere Studien (IHS) schon länger mit der Frage, wie effektiv eine Impfpflicht sein kann und was Menschen für oder gegen den Stich motiviert. Aus der einschlägigen Forschung wisse man, dass Menschen dazu neigten, Risiken und Nebenwirkungen falsch einzuschätzen, und sich damit schwertäten, darauf basierend vernünftige Entscheidungen zu treffen. Aktivitäten mit unmittelbaren Kosten, aber nicht sofort ersichtlichem Nutzen würden gerne aufgeschoben.

Die Angst vor der Impfung nehmen – und das auf allen Kanälen – ist nun dringend angesagt.
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Impfungen gehören für viele dazu: Die Kosten wie eventuelle Nebenwirkungen fallen sofort an, der Nutzen in Form des Schutzes vor Ansteckung kommt erst langfristig zum Tragen bzw. für manche gar nicht. Denn wer sagt, dass man sich tatsächlich mit dem Virus infiziert? Wahrscheinlichkeiten würden falsch eingeschätzt, das Risiko einer ernsthaften Erkrankung unter- und jenes der unmittelbaren Nebenwirkungen der Impfung überschätzt, so Spitzer. Dazu kommt der Frust wegen der langen Dauer der Pandemie, die allen Entbehrungen abverlangt.

Ordentlich umsetzen

Man hätte vieles besser machen können, das zeigen Beispiele wie Portugal mit einer Impfquote von 88 Prozent. Doch dieser Zug ist abgefahren. Eine Rücknahme der Impfpflicht sei in dieser Phase auch nicht mehr angezeigt, ergänzt Spitzers Kollegin Katharina Gangl. Das würde für noch mehr Verunsicherung sorgen. Jetzt gelte es aber zumindest die Impfpflicht so gut wie möglich umzusetzen.

Ein Schlüssel dazu liegt laut Gangl beim Personal. Die Forscherin beschäftigt sich mit der Frage, wie Menschen dazu zu bewegen sind, Vorschriften zu befolgen, und das möglichst freiwillig – weil sie Behörden und Institutionen vertrauen. Dazu bedürfe es der entsprechenden Expertise und Professionalität – und das direkt an der Front: "Wir haben zu wenige Leute, die mit den Menschen auch reden können", warnt Gangl. Personen, die etwa mit Konfliktmanagement vertraut seien. "Wie muss ich ein Aufklärungsgespräch führen mit Angstpatienten, mit Radikalisierten, aber auch mit Menschen, die ihren Termin einfach vergessen haben?"

Nun brauche es massiv mehr befähigte Menschen, die Angst nehmen, aufklären oder kalmieren.
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Für diese Aufgaben brauche es "massiv mehr Personal", ist Gangl überzeugt. Zudem müsse der Staat dem drastischen Überangebot an Fake-News etwas entgegensetzen – online, per Telefon, vor Ort, und das zielgruppengerecht. Wie ein gut orchestrierter Wahlkampf müsse das laufen, rät die Forscherin zu Botschaften via Plakate, Hausbesuche, an Straßenständen und in Social Media. Und das durch Expertinnen, Vorbilder, Polizisten, Krankenschwestern oder durch Betroffene selbst. Politiker und Politikerinnen kommen in Gangls Liste nicht vor.

Aufklärung zuerst

Führt all das nicht zum Ziel, dass Menschen sich impfen lassen, hält die Expertin es für ratsam, bei möglichen Strafen nicht mit der Keule zu beginnen und sich nicht auf Geldstrafen zu beschränken. Letztere sollten an die finanziellen Möglichkeiten der Betroffenen angepasst werden, so Gangl. Am Anfang sollte aber Aufklärung stehen, eine mögliche Konsequenz könnte außerdem eine Therapie oder auch gemeinnützige Arbeit sein. So könne man sicherstellen, dass sich Reiche nicht so einfach "freikaufen" können. Gangl empfiehlt darüber hinaus, Betroffenen Wahlmöglichkeiten einzuräumen – beim Impfstoff oder bei der Wahl des Arztes. "Sie sollen das Gefühl haben, auch mitreden zu können."

Noch etwas sei wichtig, so die IHS-Forscher: Die Impfpflicht dürfe nicht dazu führen, dass die bisherigen Maßnahmen zur Steigerung der Impfbereitschaft einschlafen. (Regina Bruckner, 10.12.2021)