Juvenel Moïse wurde am 7. Juli 2021 ermordet.

Foto: AP Photo/Dieu Nalio Chery, File

Es liest sich wie der Plot einer Actionserie auf einem billigen Kanal: Der Präsident eines Entwicklungslands wird in seinem Bett im Schlaf ermordet, weil er mächtigen Drogenkartellen im Weg stand – und darin verstrickt sind nicht nur seine politischen Gegner, sondern auch jene Teile der politischen Kaste, die den Aufsteiger einst ins Präsidentenamt gehievt hatten.

Die "New York Times" haben nun in einer aufwendigen Recherche nachgezeichnet, wie es zu dem Mord an dem haitianischen Präsidenten Jovenel Moïse im Juli kam, wer möglicherweise dahintersteckt. Fest steht: Die Realität übertrifft jede Fiktion.

Liste mit Namen

"Man müsste ein Narr sein, um zu glauben, dass die Drogenmafia nichts mit dem Mord zu tun hat", zitiert die Zeitung einen US-Diplomaten, der bis vor kurzem auf der Karibikinsel – dem ärmsten Land der westlichen Hemisphäre – zu tun hatte. Moïse, der nur 53 Jahre alt wurde und vor seiner Ermordung mit Korruptionsvorwürfen und weiter wachsender Armut in weiten Teilen der Bevölkerung kämpfte, hatte dem Bericht zufolge eine Liste anfertigen lassen, auf der die Namen von in Drogengeschäfte verwickelten Beamten und Geschäftsleuten stehen. Auch die Namen von Politikern, die Moïse zu seinem Aufstieg ins höchste Amt der Insel verholfen haben, sollen sich darauf befinden.

Kurz vor seiner Ermordung soll der frühere Bananenproduzent Vertrauten angekündigt haben, die Liste an die US-Behörden zu übergeben, die seit langem besorgt auf die internationalen Geschäfte der haitianischen Drogenkartelle blicken.

Ehefrau sagte aus

Die Frau des ermordeten Präsidenten, Martine Moïse, überlebte den Angriff des Todeskommandos im ehelichen Schlafzimmer. Die Täter, zu denen auch ehemalige kolumbianische Soldaten gehörten, hätten nach den Schüssen die Residenz durchsucht, sagte sie aus – ein weiteres Puzzleteil, das in dem Kriminalfall der "New York Times" zufolge auf einen Zusammenhang mit Drogenbanden schließen lässt. Einige der insgesamt 45 Verhafteten in dem Fall hätten zudem ausgesagt, dass Moïses Liste das eigentliche Ziel der Aktion gewesen sei.

Premierminister Ariel Henry, der wenige Tage vor dem Mord noch von Moïse selbst ins Amt gehievt worden war, wollte den Bericht vorerst nicht kommentieren. (red, 13.12.2021)