Die New Yorkerin Alicia Keys reicht mit "Keys" ein üppiges Menü. Es ist durchwegs gelungen, aber mit 26 Gängen in eineinhalb Stunden dann doch recht schwer.

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Es knistert so schön, weihnachtlich nachgerade, wie Feuer im Kamin. Aber darauf käme nur, wer noch nie eine alte Schallplatte abgespielt, die Nadel in die Anlaufrille versenkt hat. Dieses Knistern ist es, das Alicia Keys’ neues Album oft heimelig klingen lässt. Der Kunstgriff ist so alt wie Hip-Hop und das Sampling, funktioniert aber immer noch. Und er findet auf dem neuen Album der New Yorker Musikerin reichlich Einsatz.

Das Album ist nach ihrem professionellen Nachnamen betitelt, nachdem der Vorgänger von 2020 schlicht Alicia hieß.

Keys ist ein Doppelalbum – also im klassischen Formatsinn gedacht, in dem das Werk aber noch gar nicht erschienen ist: Im Moment ist nur der Stream freigegeben. Der umfasst 26 Stücke und dauert – Festhalten! – eine Stunde und 33 Minuten. Die Frage kann also durchaus lauten: Kino oder Keys?

Diese eineinhalb Stunden sind einem Konzept geschuldet: Alicia Keys, 40, ungeschminkt, hat unter dem Eindruck der Pandemie Songs geschrieben und sie wahlweise intim oder etwas aufwendiger produziert. Deshalb gibt es eine Unterteilung des Albums in "Originals" und "Unlocked" – Letztgenannte sind die meist üppiger ausstaffierten Tracks, die für das Leben da draußen in den Lockdownpausen gemacht worden sind.

Bettschwer

Die "Originals" verströmen hingegen häusliche Atmosphäre: Alicia allein zu Hause. Stimmt nur nicht, alles wurde im Studio hergestellt. Und das Hören bestätigt, was angesichts der eineinhalb Stunden Länge vorab vermutbar war: Auf die Hälfte eingedampft, wäre das ein richtig tolles Album geworden.

Alicia Keys

Schon wie der Plentiful sich mit geiler Basslinie und Beats aus der Oberliga des Jahres 1994 ins Zeug legt, lässt frohlocken: Ein paar Tropfen Piano, Orgelstöße, schon ist ein perfekter Song erschaffen. In der Qualität legt sie noch öfter nach, die Themen sind situationsadäquat gewählt, es geht um Einsamkeit, Herzscheiße, Empathie.

Nichts ist schlecht

Ein paar Klavierballaden hätten dafür gereicht, doch ohne gesellschaftliche Verpflichtungen im Lockdown werden halt selbst den Superstars die Tage lang. Und ihre Alben. Also spielt sie und spielt und hört nicht mehr auf. Nichts ist schlecht, es ist bloß zu gut gemeint. Und, bei den sich in den Besprechungen von Keys häufenden Vergleichen mit Aretha Franklin muss man schon sagen: Halt! Aretha war ein Naturereignis im Vergleich zu der eher verträumt durch ihre Songs schwebenden Alicia Keys.

Die ist am besten, wenn sie in den reduzierten Tracks mit einnehmenden Beats und Keyboards auskommt. Dazu schauen ein paar Gäste wie Lil Wayne, Pusha T oder Brandi Carlile vorbei. Doch nach der vollen Länge fühlt man sich wie nach dem Feiertagsbraten: bettschwer und arterienverstopft. Oder wie Keys die Völle deutet: "My heart is heavy like a stone." Drei Samarin, bitte. (Karl Fluch, 15.12.2021)