Geschenke von der Müllhalde der Geschichte: der Edelsteinbaum, die gehäkelte Klopapierpuppe auf der Hutablage im Auto, die Plastikgondel auf dem Fernseher, der singende Fisch (Don’t Worry, Be Happy!), das Galileo-Thermometer mit den schwimmenden Glasblasen, das Familienväter, die alles hatten, sich aber für nichts interessierten, geschenkt bekamen. Was ist der Wert der Flamenco-Tänzerin aus Kunststoff mit dem Rüschenkleid, wenn sie inzwischen die einzige überlebende Zeugin des Spanienurlaubs von 1972 ist, dafür aber 1000-mal existiert?

Der Duden definiert simpel: Ramsch ist minderwertige Ware, wertloses Zeug, Plunder. Er lässt den historischen Faktor aus: Erst seit der industriellen Revolution und der Massenproduktion gibt es Produkte in sehr hoher Auflage, die sich unter dem Begriff "Ramsch" subsumieren lassen. Was gilt sonst noch als Ramsch? Dinge aus der Wühlkiste, die bereits im Geschäft selbst schon den Glanz des Neuen aushauchten, was über ihre Qualität wiederum wenig aussagt.

RAMSCH & ROSEN: Im Laden von Franz Dude gibt's Krimskrams im besten Sinn.
Foto: Regine Hendrich

Eine Frage der Definition

Ich nähere mich der Frage nach der Definition von Ramsch quasi von der "falschen" Seite und telefoniere mit dem Auktionshaus Dorotheum. "Auch Jugendstilrahmen waren einmal Ramsch", erklärt mir Pressesprecherin Doris Krumpl, im Sinne von: Es hat sehr viel davon gegeben, und kein Hahn hat damals danach gekräht. Regina Herbst ist beim Dorotheum Expertin für Fayencen, Keramik, Kleinkunst, Handtaschen und Accessoires sowie asiatische Kunst. "Bei mir gibt’s keinen Ramsch", erklärt sie freundlich, aber bestimmt. Bei der aktuellen Auktion, die sie betreut, findet sich unter anderem eine "Kelly Bag" aus Krokodilleder aus dem Jahr 1962 mit einem Startpreis von 15.000 Euro – quasi das Paradebeispiel für das Gegenteil des R-Worts. Das legendäre Handtaschenmodell, in den 1950ern zwecks Marketing nach seiner berühmten Trägerin Grace Kelly umbenannt, ist handgefertigt, es gibt Wartelisten, mehr künstliche Verknappung geht nicht.

Ganz allgemein gilt, so Herbst: "Qualität ist niemals Ramsch", allenfalls ein Schnäppchen, das im Wert steigt, "das war vor 20 Jahren schon ein Qualitätsprodukt", so Herbst – aus gutem Material und gut gefertigt. Bei Schmuck macht das Material (Gold, Edelsteine) seinen Wert auch bei wechselnden Moden beständig. Die Auflage macht ebenfalls den Wert aus, Manufakturware steht klarerweise über der Fabriksware, beispielsweise bei Geschirr. "In Sachen Wertschätzung gegenüber dem Kunsthandwerk tut mir weh, wie wenig man hierzulande weiß. Österreich war einmal marktführend bei Brillengestellen, Dior hat noch in den 1960er-Jahren in Österreich produzieren lassen", sagt Herbst.

Der Wert ist ideell, das ist nicht wenig.
Foto: Regine Hendrich

Auch die Gegenstände, die bei ihr landen, haben einen Wert ideeller Natur, doch der lässt sich nicht immer zu Geld machen. Das Hochzeitsservice der Großmutter kann weniger wert sein als die Vase, die im Schrank verräumt wurde, weil sie niemandem gefiel, obwohl sie ein heute recht wertvolles Produkt der Wiener Werkstätte war.

Historischer Klimbim

Grundsätzlich plädiert Herbst dafür, Designstücke, die um wenig Geld im Original zu haben sind, nicht nachgemacht in Möbelhäusern zu kaufen, vor allem nicht Replika, also Nachbauten. Alte Gegenstände soll man benützen: "Viele Dinge halten mehr aus, als man glaubt. Porzellan ist hochgebrannt. Alte Gläser sind meistens sogar standfester. Und bei alten Textilien sind Stoffe und Nähte besser, man kann leicht etwas ändern." Kommen ihr auch Fälschungen unter? "Es kommt schon vor, dass der Ex-Mann eine falsche Tasche oder einen Ring von schlechter Qualität hergegeben hat." Auch eine Geschichte von Wertigkeiten, aber anderer Natur.

Franz Dude vom legendären Geschäft Ramsch & Rosen in der Neubaugasse im siebenten Wiener Bezirk hat keine Scheu vor dem Begriff "Ramsch". Auch er unterschreibt: "Man darf nicht zum Sklaven der Dinge werden." Wer hier hereinkommt, ist geblendet und auch ein wenig überfordert vor lauter historischem Klimbim vom Bleikristall bis zu altem Spielzeug, Orden, Taschen, Porzellan, kistenweise gibt es alte Fotografien und Postkarten. Der studierte Kameramann weiß trotzdem, wo was steht, es ist "wie Memory spielen in den Regalen".

Auf dem Beleg beim Bezahlen steht hier "Alltagshilfen für jedermann". Konkretes suchen kann man schon, "aber es ist besser, wenn man schaut, was man findet", so Dude.

Und nein, nicht immer geht es um den Nutzen. "Mit dieser Schere wird wahrscheinlich nie wieder jemand schneiden, aber die hat mal wer geschmiedet, und sie ist 160 Jahre alt." Es wäre schade, sie wegzuwerfen, "kauft sie halt wer um fünf Euro", sagt er, Vermittler der Dinge zwischen den Welten (nur NS-Ramsch wird aussortiert, aus Prinzip, damit will man kein Geld machen).

Mit alten Fotos stellen sich manche eine Ahnengalerie zusammen.
Foto: Regine Hendrich

Theaterkarten von einst

Seine Kundschaft setzt Gegenstände, die anderswo knapp dem Schicksal "Restmüll" entkommen wären, in einen neuen Kontext. Die alten Fotos kaufen zum Beispiel meist Menschen, die die darauf abgebildeten Gegenstände sammeln, "bei manchen hab ich auch das Gefühl, dass sie sich ihre Ahnengalerie zusammenstellen". Ein Mann hat einmal auf einem Foto seine Mutter erkannt, das Foto entsetzt zurückgeworfen und das Geschäft schnurstracks verlassen – die direkte Verbindung bleibt rätselhaft.

Und sogar in der Masse erzählt so ein Gegenstand plötzlich doch sehr konkrete Geschichten, auch von Klassenzugehörigkeit: "In jeder einzelnen Lederhandtasche, die wir hier verkaufen, befinden sich ein Zahnstocher in Papier, eine Theaterkarte aus der Volksoper oder aus der Oper, ein Papiertaschentuch und ein Pfefferminzzuckerl."

Um Perlenketten ist derzeit ein großes G'riss. Auch um "stinknormale" alte Kameras mit 35-mm-Kleinbildfilm, sie werden auch verwendet. Gmundner Keramik ist beliebt, Landhaus-Style im Lockdown, Mineralien werden wieder gesammelt. Begonnen hat alles mit den Originalsetzkästen der Druckereien, die zusperrten. Die befüllte man mit alten, kleinen Schätzen. Dann wurde wiederum der aussortierte historische Setzkasten billig nachgebaut, und es wurde sogar "extra Kleinkram dafür hergestellt, der nie als Soloding funktioniert hätte". Ramsch auf der Metaebene.

Nicht teuer, aber unbezahlbar

Franz Dudes berufsbedingte Superkraft: altes Zeug sauber zu kriegen. Sein Geheimnis: Der Geschirrspüler, auch für den braun gerauchten Luster (ohne Fassungen, versteht sich). "Ab und zu explodiert halt ein Aschenbecher, dafür glitzern sie nach der Reinigung so schön." Sündteuer war das Bleikristall einst, die Originalpickerln erzählen vom staubigen Vitrinendasein. Auch alte Mörser und Bügeleisen, viel weniger wert als früher, befreit Dude von den Fettspuren vergangener Küchenjahrzehnte. Ein Galileo-Thermometer steht hier herum, natürlich, und auch eine spanische Tänzerin in ewiger Plastikpose.

Der Wert der Ware hier ist eher ideell, und so schließt sich der Kreis: Ein ungemein rares Gut tauchte kürzlich in Form von zwei Kisten voll mit echter Aleppo-Seife auf – als die syrische Stadt Aleppo längst dem Erdboden gleichgemacht war. Gar nicht teuer, und doch unbezahlbar. (Julia Pühringer, 15.12.2021)