Die gewalttätigen Konflikte in Myanmar weiten sich teilweise auch über die Grenzen aus: Im indischen Mizoram zeigt ein Widerstandskämpfer Fotos der "Chinland Defence Force".

Foto: Reuters / Rupak de Chowdhuri

Rund hundert Soldaten sind am Montag in ein Dorf im Nordwesten Myanmars eingedrungen. Die Einheiten der staatlichen Armee, der Tatmadaw, seien plötzlich da gewesen, berichteten Augenzeugen lokalen Medien. Sie hätten um sich geschossen und schließlich die Häuser des kleinen Ortes namens Kaebar niedergebrannt. Die Bewohner der Häuser seien in Panik in die angrenzenden Wälder geflohen. Als einige von ihnen Stunden später zurückkamen, seien die meisten Häuser nur noch Schutt und Asche gewesen. Andere Dorfbewohner würden aus Angst weiterhin im Wald verharren, schreibt das Portal "Radio Free Asia".

Die Ereignisse vom Montag sind ein weiterer Höhepunkt einer nicht enden wollenden Serie von Gewalttaten der regierenden Militärjunta. Bereits vor einer Woche kursierten Bilder auf Twitter, die elf verkohlte Leichen zeigten. Die Armee hatte die Personen aus dem Dorf Don Taw bei lebendigem Leib angezündet. Den zwischen 14- bis 40-Jährigen wurde vorgeworfen, sich einer der vielen lokalen Widerstandsgruppen angeschlossen zu haben.

Das Massaker in Don Taw, das Niederfackeln von Kaebar – beides geschah in der burmesischen Region Sagaing im Nordwesten des Landes, nicht allzu weit von der Großstadt Mandalay entfernt. Beide Male sollen den Gräueltaten Angriffe von örtlichen Widerstandsgruppen vorausgegangen sein. Mit improvisierten Sprengsätzen oder selbst gebastelten Bomben sollen sie Soldaten der Tatmadaw angegriffen haben.

Was sich in den vergangenen Wochen zeigt: Die Junta geht bei ihren Vergeltungsschlägen immer aggressiver gegen Aufständische vor. Dabei sind nicht nur bewaffnete Widerstandskämpfer Ziel der Angriffe, sondern auch Zivilisten.

Denn in der vergangenen Woche wurden in derselben Region auch ein Lehrer, der sich einer friedlichen Streikbewegung angeschlossen hatte, und junge Aktivisten während ihrer Befragung durch Sicherheitskräfte erschossen.

Seit dem Militärputsch im Februar versinkt das Land immer tiefer in Gewalt. Bereits gegen die friedlichen Massenproteste direkt nach dem Putsch Anfang Februar war die Junta rasch brutal vorgegangen. Viele Aktivisten und Aktivistinnen sahen sich daher gezwungen, selbst zu den Waffen zu greifen.

Gewalt von allen Seiten

Zu dutzenden ohnehin existierenden Milizen im Land kamen noch weitere sogenannte People's Defence Forces (PDF) dazu. Teilweise kooperieren diese Gruppen miteinander, teilweise agieren sie unabhängig voneinander. Eine aus dem Untergrund und dem Exil agierende Parallelregierung (National Unity Government, NUG) unterstützt die PDF und ruft zum bewaffneten Widerstand auf.

Foto: Der Standard

Die NUG besteht hauptsächlich aus Parlamentariern, die bei Wahlen vor dem Putsch eigentlich gewählt worden sind. Sie bemüht sich daher um internationale Anerkennung. Um Spenden zu erleichtern, gab sie am Dienstag bekannt, nun auch die Kryptowährung Tether als offizielles Zahlungsmittel anzuerkennen.

Noch kurz nach dem Putsch gab es die Hoffnung, dass sich die Junta und die geschassten Demokraten friedlich einigen würden. Dass die Militärjunta unter General Min Aung Hlaing keine derartigen Pläne verfolgt, zeigt sie nun mit alter Härte. Das Verbrennen von Dörfern gehörte bereits in den vergangenen Jahrzehnten zum Standardrepertoire des Militärs, das seit den 1960ern in Myanmar an der Macht ist. Nach der Demokratisierungswelle um 2010 waren die Hoffnungen groß, dass diese Tage überwunden werden können. Doch die jüngsten Entwicklungen in Sagaing zeigen, dass sich die Gewaltspirale in Myanmar bloß immer schneller dreht. Auch die Nachbarregion Chin hat sich in den vergangenen Monaten zu einem traurigen Epizentrum von Gewalt entwickelt.

USA fordern Ende der Gewalt

US-Außenminister Antony Blinken sagte am Dienstag im indonesischen Jakarta, dass sein Land die Junta dazu drängen werde, die Gewalt im Land zu beenden. Der US-amerikanische Chefdiplomat befindet sich gerade auf seiner ersten offiziellen Tour durch Südostasien.

Dabei versucht er eigentlich, Länder in der Region für stärkere Allianzen im Indopazifik zu gewinnen. Während die USA bereits enge Kooperation mit Australien eingegangen sind, um sich China entgegenzustellen, sind Länder wie Indonesien, Malaysia und Thailand zaghafter in ihren Zusagen.

Über das Südchinesische Meer mit China nachbarschaftlich verbunden, gehen jene Anrainerstaaten vorsichtiger mit dem mächtigen Nachbarn im Norden um, als es den USA wohl lieb wäre. Nach seinem Antrittsbesuch in Indonesien wird Blinken daher auch in Malaysia und Bangkok vorstellig.

In welcher Intensität dabei Myanmar diskutiert werden wird, ist offen. Die Stabilität in dem Land liegt allein aus geografischer Sicht im Interesse aller Nachbarstaaten: Die Gewalt, die vor allem im Nordwesten immer mehr aus dem Ruder läuft, drängt hunderttausende Burmesen in die Flucht. In Thailand kommen immer mehr Flüchtlinge an. Auch über die Grenze nach Indien sind seit dem Putsch laut Uno bereits tausende Menschen geflohen. (Anna Sawerthal, 14.12.2021)