Otto Rafetseder ist heute 58 Jahre alt und arbeitet für das Land Wien.

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Mit 30 Jahren war er der erste Einsatzmitarbeiter, der von MSF Österreich entsandt wurde.

Er leitete das Feldspital für (süd)sudanesische Flüchtlinge an der Grenze in Uganda.

Es war ein Jahr der Neuanfänge: 1994 entschied sich Österreich für den Beitritt zur Europäischen Union, Michael Häupl wurde nach dem Rücktritt von Helmut Zilk Wiener Bürgermeister, und Otto Rafetseder reiste nach Uganda. Letztgenannter war der erste Einsatzmitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen Österreich. Der Erste, der von Wien aus offiziell auf Mission ging, wie die Einsätze genannt werden.

Die Gründung der Mutterorganisation Médecins Sans Frontières (MSF) in Genf war da schon fast ein Vierteljahrhundert her. Vor 50 Jahren hoben zwölf Mediziner und Journalisten am 22. Dezember die Hilfsorganisation aus der Taufe. Zu frustriert waren Ärzte, die im nigerianischen Biafra gegen die Hungersnot oder in Bangladesch für Flutopfer kämpften, darüber, dass sie unter dem Banner des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz nicht offen über die Situation sprechen durften. MSF sollte sich davon unterscheiden: Die Einsatzmitarbeiterinnen und -mitarbeiter sollten nicht nur Betroffenen helfen, sondern auch öffentlich Missstände anprangern.

Der Pionier

Mit MSF in Berührung gekommen war Rafetseder schon vor seinem Engagement. Nach dem schweren Erdbeben im Jahr 1988 in der armenischen Stadt Spitak, die damals noch in der Sowjetunion lag, sah der Jungmediziner die Einsatzkräfte der Hilfsorganisation in Aktion. Ebenso 1991 in einem Feldspital der Vereinten Nationen im iranischen Kurdengebiet, wo er sich selbst engagierte.

Rafetseder war also schon auslandserprobt, als ihn der Gründer von MSF Österreich, Clemens Vlasich, für den Einsatz rekrutierte. Damals bestand das Büro aus einem Faxgerät, das bei Vlasich zu Hause stand – später zog man in ein Büro in der Wiener Gumpendorfer Straße um. "Das war für zweieinhalb Personen und deshalb groß", erinnert sich Rafetseder. "Weil sie ja nur zu zweit waren."

Im Spätsommer 1994 landete der damals 30-jährige Allgemeinmediziner an der heute südsudanesischen Grenze in Uganda. "Nach einem halben Tag Einschulung in Genf", wie sich Rafetseder erinnert. In einer "großen Kleinstadt", wie er Adjumani nennt, sammelten sich tausende Flüchtlinge aus dem Sudan – den Südsudan gab es damals offiziell noch nicht. Der zweite Bürgerkrieg war im Nachbarland im Gang. Doch diesmal war es nicht der Kampf des Südens gegen den Norden, sondern einer zwischen den Ethnien des Südens. Die Nuer zogen gegen die Dinka in den Krieg. Eine Auseinandersetzung, die bis heute andauert und bereits Anfang der 1990er-Jahre mehr Tote gefordert hatte als die Unabhängigkeitskämpfe gegen den Norden.

Aktionismus und Hilfe

Rafetseder leitete das Lagerspital in der Grenzregion und wurde zu Beginn von einigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für seinen fehlenden "MSF-Spirit" kritisiert. Die noch junge Hilfsorganisation setzte zwischenzeitlich nämlich auch auf Aktionismus. Der junge Arzt aus Österreich war aber ein Fan von "Methodik und Evidenzbasierung", wie er heute sagt. Ein Beispiel: Als das World Food Programme zwischenzeitlich mit Lieferengpässen zu kämpfen hatte, wollten einige MSF-Angestellte einfach allen hungernden Kindern die gleiche Mahlzeit geben. Doch Rafetseder plädierte für Kriterien, nach denen die Kleinen behandelt werden, um das Essen bestmöglich zu verteilen. "Meine fachliche Kompetenz glich die Unterschiede aber aus", schrieb der Arzt in einem Magazin für Ärzte ohne Grenzen über den Einsatz.

Späteres Musterland

Womit er es in dem Flüchtlingslager vor allem zu tun hatte? Einer grassierenden HIV/Aids-Epidemie. Damals waren in Uganda bis zu 30 Prozent der Menschen mit dem HI-Virus infiziert. "Eine Behandlung gab es damals nicht", erzählt Rafetseder. "Es gab wahnsinnig viele Fälle." Man setzte unter anderem auf Aufklärung. Uganda galt einige Jahre später als Musterland in Sachen Virusbekämpfung. Die Regierung schaffte es mit internationaler Hilfe, die Infektionsrate auf eine einstellige Prozentzahl zu drücken.

Zwei Jahre blieb Rafetseder in Uganda, danach ließ er sich noch für ein Jahr ins bürgerkriegsgebeutelte Angola versetzen. Für ihn ein großer Unterschied: "Ich durfte kein einziges Mal selbst mit dem Auto fahren, nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr aus dem Haus." Zwischen den Zonengrenzen der Regierung und der bewaffneten Separatisten war es besonders gefährlich. "Regelmäßig kam es zu Minenunfällen", erinnert sich Rafetseder. Es war auch die Zeit, in der die britische Prinzessin Diana ins Land kam, um auf die Gefahr der Landminen aufmerksam zu machen.

Im August 1997 kehrte der Österreicher schließlich heim. Lang sollte er es dort aber nicht aushalten. Denn nach seinen Einsätzen für MSF war der Allgemeinmediziner noch für die Weltgesundheitsorganisation im Kampf gegen Polio im Einsatz. Unter anderem impfte er in Pakistan Kinder, um die Krankheit auszurotten. Nun arbeitet Rafetseder für das Land Wien in der Gesundheitsverwaltung. Einen erneuten Einsatz für Ärzte ohne Grenzen schließt er nicht aus: "Vielleicht ist mir in der Pension ja noch einmal fad", sagt der 58-Jährige. (Bianca Blei, 22.12.2021)