Sie redet viel, ist stur, klug und dominant: Anne of Green Gables (Victoria Hauer) im Theater der Jugend.

Sophie Menegaldo

Bühnenfassungen und Stückneudichtungen sind es, die das Wiener Theater der Jugend unter der Leitung von Thomas Birkmeir seit bald zwanzig Jahren prägen. Kinderbuchklassiker wie Momo, Dschungelbuch, Alice im Wunderland oder Die Schneekönigin werden hier neu in Dialogform gebracht. Auch Stoffe aus dem Lektüregebiet älterer Semester erfahren einen jugendgerechten Zuschnitt: Schuld und Sühne, Hamlet, Der talentierte Mr. Ripley. Von Birkmeirs eigenen Stückbearbeitungen existieren laut Theater-Angaben mehr als siebzig nachfolgende Neuinszenierungen. Der Bedarf scheint groß zu sein, Klassiker für heutige Perspektiven neu auszurichten. Anne of Green Gables gehört seit Dienstag auch dazu.

"Sister Act"-Stimmung

Waisenkind-Geschichten, wie sie das 1908 erschienene Buch der kanadischen Autorin Lucy Maud Montgomery erzählt, haben in der Vorweihnachtszeit bekanntlich Hochsaison. Birkmeirs Fassung ist turbulent und launig und entpuppt sich in seiner Regie als Musical mit unzähligen Liedern (Komposition Gerald Schuller), die die notwendigen emotionalen Ausbrüche bündeln. Das verströmt zu Beginn, da Anne bei den Schwestern des Barmherzigen Ordens aufwächst, veritables Sister Act-Feeling und wechselt dann, auf der Farm der Adoptiveltern namens Green Gables, in viele akkurat gerappte Zwiegespräche und -gesänge.

Anne ist eine Vorläuferin von Pippi Langstrumpf und nur marginal besser frisiert und gekleidet als ihre rothaarige Ahnin. Aufgrund ihrer beider Ablehnungserfahrungen sind sie kämpferische Kinder geworden. Dass Anne im Renaissancetheater ihrem Schulfreund aber gleich eins mit der Schultafel über den Schädel zieht, kann diskutiert werden. Einem Buben würde man diese Gewalt jedenfalls ankreiden. Empfohlen ab sechs Jahren. (Margarete Affenzeller, 16.12.2021)