Revision eines Musicalklassikers: Ariana DeBose als Anita in Steven Spielbergs Neuverfilmung der "West Side Story".

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Opernstar mit gewaltbereiten Ehemann: Marion Cotillard in Leos Carax' "Annette".

Für beide Filmemacher, Steven Spielberg (74) und Leos Carax (61), ist es eine erstaunlich späte Berufung. Erstaunlich deshalb, weil man gleich denkt: Das Filmmusical hätte sie eigentlich schon früher locken müssen. Kein anderes Genre eint Illusion und Realität stärker, und kaum eines vermag das Innenleben einer Figur so bildstark nach außen zu kehren. Beide Regisseure standen ja stets der imaginären Seite des Kinos nahe: Spielberg oft überbordend, auch sentimental-naiv; Carax zuletzt in Holy Motors (2012) mit Lust an der fantastischen Grenzüberschreitung.

20th Century Studios

Gleich vorweg lässt sich sagen: Spielberg geht es mit Respekt, fast Ehrerbietung an und versteht sich doch als Korrektiv von Leonard Bernsteins Musicalklassiker. Carax sprengt wieder einmal alle Kategorien: Unter der Leitung des kalifornischen Pop-Avantgarde-Duos Sparks bereitet er eine Celebrity-Ehekatastrophe auf – eine schräge Parabel über toxische Männlichkeit mit MeToo-Bezug. Von Eskapismus und Weltflucht kann diesmal also wirklich keine Rede sein.

Verhärtungen des Landes

Spielbergs Aktualisierung von Robert Wises Erstverfilmung von 1961 – nur vier Jahre nach der Musicalpremiere – zeigt sich vor allem im wirkungsvollen Detail, das Drehbuch stammt von Tony Kushner. Nun wird eine der Jugendbanden, die puerto-ricanischen Sharks, die sich auf den Straßen New Yorks in den 1950ern mit den weißen Jets bekriegen, von Latinos gespielt – 2021 geht das auch nicht mehr anders. Zudem wurden die geschlechterpolitischen Konflikte und Schräglagen neu kalibriert. In der Rolle der Maria strahlt die Newcomerin Rachel Zegler nicht nur stimmlich Selbstbewusstsein aus, sie glüht auch vor innerer Leidenschaft, wenn sie sich gegen ihren Bruder Bernardo (David Alvarez) aufbäumt, der sie wie ein Kind herumkommandiert.

Noch expliziter wird Rita Moreno. Im Original war sie die oscargekrönte Anita, nun wird sie als neue Figur Valentina zur moralischen Instanz: "Ihr seid zu Vergewaltigern herangewachsen", schleudert sie der Burschenbande entgegen.

Klassizistische Verve

Trotz solcher Nachschärfungen, die auf kulturelle Sensibilitäten achten, wirkt Spielbergs "Remake" nicht inhaltlich überladen. Das liegt auch an der klassizistischen Verve, mit der er die Tanz- und Gesangseinlagen inszeniert. Man sieht gleich: Hier will sich einer an der Grandezza des alten Hollywood messen. Die Nummern setzen auf ausgetüftelte Choreografien und expressive Licht- und Farbdramaturgien, einerlei, ob sie Ekstase auf den Straßen New Yorks oder Messerduelle auf einem Fabrikgelände zeigen.

Die Nebenfiguren bleiben insgesamt jedoch markanter als das zentrale Paar. Die umstandslose Liebe zwischen Ansel Elgorts Tony und Maria erscheint immer noch wie aus der Zeit gefallen. Die Verhärtungen des letzten Jahrzehnts, den Rassismus und die Spaltung der US-Gesellschaft findet man dennoch wieder. Die Jugend agiert orientierungsloser, gewalttätiger, der romantische Nimbus ist dahin.

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Carax’ Annette geht da noch weiter und gleicht doch einem Irrlicht. Unschuld findet man darin keine mehr, der Spielraum zwischen Leben und Kunst – und da ist der Film auf der Höhe der Zeit – wird immer enger. "Laugh, laugh, laugh", raunt der übelgelaunte Komiker-Rebell Henry McHenry (Adam Driver) ins Publikum. "Sick, sick, sick", kommt es als Antwort zurück. Der Humor hat sich die Finger verbrannt.

Das Ehepaar, Henry und die berühmte Operndiva Ann Desfranoux (Marion Cotillard), singt zwar mit dem typisch ironisch gebrochenen Pathos des Films We Love Each Other So Much beim Spaziergang und bei Oralsex. Doch die Liebe ist durch Missgunst beeinträchtigt – auf mehreren Ebenen: Es geht um Eifersucht und Neid, um männliche Destruktivität und weibliche Rache, aber auch um eine beschädigte Privatheit durch eine gierige Öffentlichkeit.

Töten und Totkitzeln

Der Archetypus der scheiternden Liebe bleibt in Annette eine Erfahrung, die man mit widerstreitenden Gefühlen verfolgt. Carax’ stilistische Einfälle, sein Sinn fürs Groteske lassen keine einfachen Schlüsse zu. Die Musik der Sparks liefert dazu die grelle Synthiepopvariation eines Musicalrepertoires. Tanz und Choreografie braucht es da gar nicht mehr. Wird die Geburt des Kindes durch den Chor der Hebammen ("Breathe in, breathe out") noch als bunter Spitalsschlager gefeiert, entwickelt der Film hernach einen immer unheimlicheren Sog. Auch Tochter Annette, ein merkwürdiges Holzpüppchen wie Pinocchio, bringt keine Balance in die Ehe.

Carax erzählt eine MeToo-Fallgeschichte mit Elementen des Schauermärchens, er lädt Erinnyen wie aus einer Tragödie hinzu und verweist im nächsten Moment auf Sunset Boulevard. Er zeigt, wie sich das Unheil wiederholt, immer und immer wieder. Und doch weiß man nicht, wo das Totkitzeln aufhört und das Töten beginnt. Wahrscheinlich ist Annette mit seiner unauflöslichen Masche aus Ernst und Unernst auch ein Film über unseren trübe gewordenen, einseitigen Blick – mithin eine notwendige Irritation.

Spielbergs West Side Story und Carax’ Annette könnten kaum unterschiedlicher sein, aber beide zeugen von einer verblüffenden Gegenwärtigkeit des Musicals. (Dominik Kamalzadeh, 17.12.2021)