Manchen Bürgern sind die bestehenden Stromleitungen schon zu viel, andere rufen nach deutlich mehr, weil das letztlich einen preisdämpfenden Effekt hätte.

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Im Jahr 2018 waren die Sorgen groß, was denn wohl werden würde mit dem Strompreis in Österreich, wenn die gemeinsame Preiszone mit Deutschland aufgetrennt würde. Aufgetrennt deshalb, weil der sehr viel billiger mit Windkraftanlagen im Norden Deutschlands erzeugte Strom zu Verbrauchern in Gewerbe, Industrie und Haushalten nach Österreich geflossen ist, die innerdeutschen Leitungen dafür aber nicht ausgelegt waren.

Im Oktober 2018, als der grenzüberschreitende Stromhandel von und nach Deutschland eingeschränkt und die Mengen auktioniert wurden, fielen die Preisunterschiede noch nicht stark ins Gewicht; dafür jetzt aber umso mehr.

160 Millionen Mehrkosten im November

Einer Erhebung der Österreichischen Energieagentur zufolge beliefen sich die Mehrkosten in Österreich allein im Monat November und nur für Industrie- und Gewerbekunden hochgerechnet auf 160 Millionen Euro. Zum Vergleich: Von Oktober 2018 bis September 2019, den ersten zwölf Monaten nach Auftrennung der gemeinsamen Strompreiszone mit Deutschland, summierten sich die Mehrkosten in Österreich aufgrund der hierzulande höheren Großhandelspreise auf "nur" 220 Millionen Euro. Aber warum gibt es überhaupt so große Differenzen zwischen den Großhandelspreisen für Strom in den einzelnen Ländern?

Franz Angerer, im Herbst neu bestellter Geschäftsführer der Energieagentur, und Karina Knaus, Leiterin des Bereichs Volkswirtschaft, Konsumenten und Preise ebendort, erklärten das bei einer Onlinepräsentation am Donnerstag unter anderem mit den unterschiedlichen Erzeugungsstrukturen. Und mit der sogenannten Merit-Order. Diese bezeichnet die Reihenfolge, wie Kraftwerke, die zu unterschiedlichen Kosten Strom erzeugen, ans Netz genommen werden.

Teuerstes Kraftwerk setzt Preis

Das teuerste Kraftwerk, das zur Stromproduktion gerade noch herangezogen werden muss, um zu jedem Zeitpunkt exakt die nachgefragte Menge an elektrischer Energie erzeugen zu können, setzt den Preis für alle. Erneuerbare Energie aus Windkraft- oder Solaranlagen, bei denen die Brennstoffkosten gleich null sind, drücken ihrerseits den Preis nach unten und drängen immer wieder vergleichsweise teure Kohle- oder Gaskraftwerke aus dem Markt.

Erneuerbare Energien haben einen preisdämpfenden Effekt – sie haben keine Brennstoffkosten.
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Deutschland hat im Zeitraum 2010 bis 2020 die Stromproduktion aus Wind- und Fotovoltaikanlagen um rund 30 Prozent gesteigert, der Anteil erneuerbarer Energien an der gesamten Stromproduktion ist von 18 Prozent auf rund 50 Prozent gestiegen. In Österreich liegt der Anteil erneuerbarer Energien an der gesamten Stromerzeugung nicht zuletzt dank der vielen Wasserkraft in den Alpen und entlang der Donau von jeher weit darüber – jetzt bei mehr als 70 Prozent. Es sind aber gerade Wasser und Fotovoltaik, die im Herbst und Winter in Österreich nur in reduziertem Umfang zur Verfügung stehen. So müssen dann teurere kalorische Kraftwerke, die mit Gas befeuert werden, ans Netz, wobei das teuerste wiederum den Preis aller anderen bestimmt. So gesehen sei es "kein Wunder", dass der Spread zwischen deutschen und österreichischen Großhandelspreisen im Herbst und Winter am größten sei, sagt Knaus.

Große Preisdifferenz

Die Energieexpertin verdeutlicht das anhand eines Beispiels: Am extremsten war der Preisunterschied im heurigen Jahr am 1. Dezember mit 91 Euro je Megawattstunde (MWh) in Deutschland und 244 Euro je MWh in Österreich. An dem fraglichen Tag habe es in Deutschland 54 Prozent Einspeisung von Windenergie in das Stromnetz gegeben, nur fünf Prozent des Stroms steuerten Gaskraftwerke bei, in Österreich aber lag der Gasanteil an der Stromproduktion fast neunmal höher bei 44 Prozent.

Für einen Industriebetrieb mit einem Jahresstrombedarf von 4,6 Gigawattstunden (GWh) belaufen sich die Mehrkosten aus der Strompreiszonentrennung auf durchschnittlich 12.000 bis 13.000 Euro im Monat, hat die Energieagentur errechnet. Guter Rat sei teuer, sagen die Experten. Am besten wäre die Rückkehr zu einem gemeinsamen, integrierten Strommarkt, am besten einen für ganz Europa. Dazu müsste aber das Stromnetz europaweit ertüchtigt und viel engmaschiger gestrickt werden, was angesichts großer Widerstände in der Bevölkerung zumindest auf mittlere, aber auch auf längere Sicht unrealistisch erscheint.

Trippelschritte

Deutschland selbst kommt beim notwendigen Ausbau der Stromleitungen von den Windkraftanlagen im Norden des Landes in die Industriezentren von Bayern und Baden-Württemberg nur mit Trippelschritten voran. Weil eine Auftrennung Deutschlands in eine billige Preiszone im Norden und eine teurere im Süden politisch wohl kaum durchzusetzen gewesen wäre, wurde eine "künstliche" Trennung an der Grenze zu Österreich verordnet.

Einige Ratschläge hat Energieagentur-Chef Angerer trotz der wenig erbaulichen Situation dennoch für betroffene heimische Unternehmen: in Energieeffizienz investieren und Möglichkeiten nutzen, in die Eigenstromproduktion einzusteigen oder diese auszubauen, insbesondere durch Fotovoltaik. Und die Chancen der Digitalisierung nutzen, etwa für Demand-Side-Management – sprich Strom dann verbrauchen, wenn genug Strom da ist.(Günther Strobl, 17.12.2021)