Vom Kreml so gut wie nie beim Namen genannt: Alexej Nawalny.

Foto: AP

In einem großen Interview hat der Leiter des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR, Sergej Naryschkin, noch einmal die Nawalny-Affäre aufgerührt. Der seit seiner Rückkehr aus der deutschen Reha zu Jahresbeginn inhaftierte Oppositionspolitiker sei vom Westen als "sakrales Opfer" gebracht worden, um einen Regimesturz in Moskau herbeizuführen, so der 67-Jährige.

Moskau warte immer noch auf eine Erklärung, wie Spuren des chemischen Kampfstoffs in sein Blut gelangt seien, nachdem er nach Berlin überstellt wurde, erklärte Naryschkin. Der darin implizierte Vorwurf: Nawalny wurde entweder nachträglich vom (dann vermutlich deutschen) Geheimdienst mit Nowitschok vergiftet oder – weniger dramatisch – die Blutprobe des Kreml-Kritikers wurde gefälscht, um die russische Führung unter Druck zu setzen.

Die Affäre habe "in unserem Land eine massenhafte Protestbewegung inspirieren" sollen, doch die Operation sei gescheitert. "Die russische Bevölkerung erwies sich als deutlich besonnener und vernünftiger, als westliche Politologen in ihrer Arroganz gewöhnlich über sie denken", sagte Naryschkin.

Ersatz für den "Berliner Patienten"

Das Interesse an Nawalny, den der Geheimdienstchef nach Kreml-Sprechart nicht beim Namen, sondern "Berliner Patient" nennt, gehe in Russland stetig zurück, sodass die westlichen Geheimdienste ihre Niederlage inzwischen eingesehen hätten, sagte Naryschkin. "Mehr noch, sie suchen schon nach einem Ersatz, der als Logo der Protestbewegung dienen soll", fügte er hinzu.

Neben Nawalny ging Naryschkin auch auf den zweiten Nowitschok-Skandal ein, der den russischen Behörden, konkret dem Militärgeheimdienst GRU, vorgeworfen wird: die Skripal-Affäre. Auch hier bestritt Naryschkin eine Moskauer Beteiligung.

Russische Agenten beglichen keine alten Rechnungen und liquidierten keine Überläufer. Vielmehr litten diese unter Verfolgungswahn, behauptete er. Schlimmste Strafe der Vaterlandsverräter sei ohnehin ihr schlechtes Gewissen, das "sie bis ans Ende ihrer Tage" drücke.

Gegen die "Natur des Menschen"

Die Logik gilt übrigens nicht für die Gegenseite: Der russische Geheimdienst sei stolz auf die von ihm gewonnenen Helfer im Ausland, "die allgemeinmenschlichen Werten und Idealen" dienten, wenn sie für Russland spionierten. Schließlich sei Moskau der Verteidiger der traditionellen Werte, während die "liberale Ideologie der Natur des Menschen widerspricht", so Naryschkin, der vor seiner Tätigkeit beim Geheimdienst Chef des russischen Parlaments war.

Die letzte Aussage verdeutlicht das Denken der russischen Elite, ruft aber zugleich Erinnerungen an einen Vorgänger Naryschkins als Duma-Chef hervor: Boris Gryslow wurde mit dem Satz "Das Parlament ist kein Ort für Debatten" berühmt.

Botschaften aus der Haft

Nawalny selbst übrigens meldete sich trotz Naryschkins Abgesangs auf ihn in dieser Woche noch einmal zu Wort. Der derzeit wohl bekannteste Häftling Russlands beschrieb seinen Lageralltag, in dem er monatlich 9.000 Rubel (110 Euro) für Einkäufe im Gefängniskiosk zur Verfügung hat.

Dabei verglich er seine Lage mit der russischer Rentner, den größten Verlierern der rasanten Inflation in Russland. Viele Lebensmittel hätten sich in dem einen Jahr seiner Haft so verteuert, dass er sie sich nicht mehr leisten könne, schrieb Nawalny. Er habe zwar auch schon zuvor soziale Ungerechtigkeit in Russland angemahnt, aber erst jetzt sei er (gezwungenermaßen) imstande, sich in die Lage der Ärmsten im Land hineinzuversetzen, sagte er. (André Ballin aus Moskau, 17.12.2021)