In China wird Bargeld zunehmend durch digitale Zahlungen ersetzt.

Foto: AP/Chinatopix

Jeremy Fleming, Leiter des britischen elektronischen Geheimdiensts GCHQ, warnt in einem Interview mit der "Financial Times" vor Chinas Plänen zur Einführung eines digitalen Renminbi. Denn dieser könnte verwendet werden, um Nutzer zu überwachen und die Kontrolle über globale Finanztransaktionen zu erlangen, so der Geheimdienstchef.

China baue seine Spionagetätigkeiten zunehmend aus und suche nach Kontrolle über digitale Infrastruktur, erklärte Fleming. Aktuell bewirbt China seine digitale Währung vor allem im Vorfeld der Olympischen Winterspiele in Peking, die von 4. bis 20. Februar 2022 stattfinden werden.

Digitale Währungen als "Datenfallen"

Dass Kritiker in der Digitalisierung von Finanzströmen eine Gefahr für Datenschutz und Anonymität sehen, ist per se ein alter Hut – neu ist, dass diese Bedenken auch von einem hochrangigen Geheimdienstmitarbeiter geäußert werden. "Wenn es falsch implementiert wird, gibt es einem feindlich gesinnten Staat die Möglichkeit, Transaktionen zu überwachen", wird Fleming zitiert: Der Staat bekomme die Kontrolle über das, was mit den digitalen Währungen durchgeführt wird.

Zugleich betont der Geheimdienstchef, dass man weiterhin offen gegenüber China sein und auf diversen Ebenen, etwa bei der Bekämpfung des Klimawandels, kooperieren müsse. Richard Moore, Leiter des britischen Geheimdienstes MI6, hatte zuvor gewarnt, dass China ein weltweites "Netz der autoritären Kontrolle" mit Hilfe von "Datenfallen" aufsetzen könne.

Eine dieser Datenfallen könnte die Digitalwährung sein. Für diese haben sich bereits 140 Millionen Einzelpersonen und Unternehmen angemeldet, wie die "Financial Times" mit Bezug auf Daten der chinesischen Zentralbank, der People's Bank of China, schreibt. Laut Fleming hofft China, dass ausländische Gäste im Rahmen der Olympiade die digitale Währung ebenso nutzen wie inländische Bürger. Fleming wünscht sich hier von Peking ein Mehr an Offenheit und Kooperation.

Siegeszug der Apps

Chinas Pläne in Bezug auf die Digitalisierung der eigenen Währung gelten als äußerst fortgeschritten. Die chinesische Zentralbank hatte 2014 begonnen, an derartigen Möglichkeiten zu forschen, im Jahr 2017 wurden die Pläne für den digitalen Renminbi offiziell genehmigt und Banken sowie Tech-Unternehmen wie Alibaba, Tencent und Huawei mit an Bord geholt. Seit April 2020 laufen die ersten Tests in größeren chinesischen Städten, inzwischen kann in den Testregionen in diversen Geschäften damit gezahlt werden.

Hintergrund dieser Entwicklung ist auch, dass im Jahr 2017 laut Daten der Weltbank noch fast 20 Prozent der Chinesen im Alter über 15 Jahren kein Bankkonto hatten. Im Gegensatz dazu hatten im Februar 2021 bereits 87 Prozent der Bevölkerung Zugang zu Fintech-Apps wie jenen von Wechat Pay oder Alipay. In den großen Städten sind die Apps der beiden Anbieter für 90 Prozent der Bevölkerung die bevorzugte Payment-Form. Die Apps haben somit klassische Bankkonten und Plastikkarten überholt – unter anderem, weil sie leichter zu bedienen und obendrein gratis sind. Der digitale Renminbi trifft also auf fruchtbaren Boden in Form einer Bevölkerung, die bereits offen für digitales Bezahlen ist.

Warten auf den digitalen Euro

In der EU könnte der digitale Euro im Jahr 2026 eingeführt werden – bis es soweit ist, müssen aber noch viele offene Fragen geklärt werden, wie der STANDARD zuletzt Ende November berichtete. Unter anderem soll hier ein starker Fokus auf den Schutz der Privatsphäre gelegt werden – anonyme Zahlungen soll es aber auch in Europa mit dem digitalen Geld nicht geben. (stm, 19.12.2021)