Geschäftsführerin von Ärzte ohne Grenzen Österreich Laura Leyser kritisiert in ihrem Gastkommentar, dass sich viele Menschen innerhalb der Organisation noch immer mit strukturellen Hindernissen konfrontiert sehen.

Es gibt vieles, worauf wir als Ärzte ohne Grenzen anlässlich unseres 50. Gründungstags stolz sein können. Allein im Vorjahr waren wir in rund 80 Ländern im Einsatz. Die Corona-Pandemie hat die Notwendigkeit medizinischer Hilfe sichtbar gemacht: Wenn sogar hervorragende Gesundheitssysteme kurz vor dem Kollaps stehen, wird für viele Menschen noch besser nachvollziehbar, wie groß der Hilfsbedarf dort ist, wo die medizinische Versorgung auch in "guten Zeiten" schlecht ist. Aber ein Thema wird uns viel stärker beschäftigen müssen als bisher: Diversität.

Ärzte ohne Grenzen wurde am 22. Dezember 1971 von zwölf weißen Ärzten und Journalisten in Paris gegründet, von einer Gruppe engagierter Männer, deren Vision es war, medizinische Nothilfe gemäß der humanitären Prinzipien Neutralität, Unparteilichkeit und Unabhängigkeit zu leisten. Immer noch sind die fünf Einsatzzentralen in Europa angesiedelt. Das ist historisch so gewachsen. Eine sechste, die sich auf West- und Zentralafrika fokussiert, ist kürzlich mit Teams in Dakar und Abidjan eingerichtet worden.

Das Thema Diversität wird Ärzte ohne Grenzen in Zukunft stärker beschäftigen müssen.
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Neue Regelwerke

Auf internationaler Ebene wird stark daran gearbeitet, die gewachsenen Strukturen zu hinterfragen und ein "neues Ärzte ohne Grenzen" zu denken. Antidiskriminierungs- und Rassismusdebatten werden geführt und Regelwerke aufgestellt, um entsprechend zu handeln.

Wir wissen, dass noch ein weiter Weg vor uns liegt. Dafür brauchen wir auch starke Stimmen innerhalb der Organisation, wie jene von Bern-Thomas Nyang’wa. Er war Anfang der 2000er-Jahre der erste malawische Arzt, der für Ärzte ohne Grenzen arbeitete. Die Karriereleiter zu erklimmen war für ihn nicht leicht, und er berichtet von Hürden, die eine Ärztin aus einem europäischen Land aufgrund der teils unterschiedlichen Regeln für "internationale" und "lokal angeheuerte" Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht nehmen muss. Viele Menschen sehen sich bei Ärzte ohne Grenzen immer noch mit strukturellen Hindernissen konfrontiert, die Chancengleichheit verhindern. Umso wichtiger ist die derzeitige Dynamik innerhalb der Organisation.

In Zukunft werden wir unsere Strukturen und die Verantwortungen weiter auch in den globalen Süden verlagern. Damit einher geht allerdings eine andere Herausforderung: Der Großteil des Spendeneinkommens erfolgt immer noch im globalen Norden. Damit verbunden ist auch eine gewisse Erwartungshaltung. Nach wie vor sind oft nur die "weißen Helferinnen und Helfer" zu sehen, und allzu häufig beherrschen Stereotype den Versuch, finanzielle Mittel zu sammeln. Das gilt nicht nur für Ärzte ohne Grenzen: Die ganze NGO-Szene muss sich die Frage gefallen lassen, ob die Darstellung von Hilfsbedürftigkeit noch zeitgemäß ist. Wir sind der Meinung, dass Hilfe stärker "auf Augenhöhe" stattfinden und auch kommuniziert werden muss – in diesem Punkt müssen auch wir selbst besser werden.

Wir bewegen uns in einem Spannungsverhältnis: Auf der einen Seite die "Stimme aus Österreich" zu zeigen, die es einem breiten Publikum erleichtert, sich für schwierige Themen, die weit weg sind, zu interessieren: eine steirische Hebamme, die aus dem Südsudan berichtet macht Hilfe oft "greifbarer". Gleichzeitig wollen wir die große Vielfalt unseres Personals weltweit sichtbar machen und unsere Patientinnen und Patienten auch selbst zu Wort kommen lassen. Das Ziel bleibt: Wir werden weiter von einer "westlich" geprägten zu einer wahrlich globalen, diversen Organisation wachsen. (Laura Leyser, 20.12.2021)