Verbotene Früchte

Likörflascherln

Die Schokoflascherln mit dem picksüßen Likör drin sind wie eine Zeitmaschine. Kaum hat die eigentlich fürchterliche Mischung die Geschmacksnerven erreicht, ist man wieder Kind und steht erwartungsvoll vor dem Christbaum der Großeltern. Dort waren die Flascherln wie Früchte vom verbotenen Baum – strengstens den Erwachsenen vorbehalten, was die Attraktivität des bunten Baumbehangs natürlich nur noch steigerte. Der Lieblingsopa, Meister im Deuten kindlicher Blicke, löste dann vorsichtig ein Flascherl aus dem Tannengrün heraus: "Aber nur eines!" Schneller Blick zur besten Oma, diese nickte unmerklich, aber zustimmend. Zuerst der Biss in die harte Schokolade, dann ergoss sich die Flut an flüssigem Zuckerwasser samt Alkohol im Mund. Ehrlich: Es schmeckte schauderhaft und raubte einem den Atem. Aber das Kind gehörte für einen kurzen Moment zu den Großen. Das war und ist es immer noch wert. (Birgit Baumann, 21.12.2021)


Kein Weihnachten ohne Schokoschirme und Co.
Foto: Heidi Seywald

Tropische Weihnacht

Schokobananen-Behang

Es gibt gewisse Aromen, die erzeugen sofort ultimative Weihnachtsstimmung. Ganz genau, die Rede ist natürlich von Banane! Heiligabend habe ich zwar noch nie in tropischen Gefilden verbracht, aber das macht überhaupt nichts. Denn die Banane, um die es hier geht, hat ungefähr so viel mit der echten Frucht zu tun wie eine Palme mit einer Nordmanntanne. Ein Christbaum kann noch so schön aufgeputzt sein, fertig dekoriert ist er erst, wenn seine Äste ausreichend mit Schokobananen behangen sind. Unter einer knackig-dünnen Schicht dunkler Schokolade verbirgt sich diese luftig-schaumige gelbe Masse, die so herrlich nach künstlicher Banane schmeckt und sofort Kindheitserinnerungen weckt. Es war früher immer meine Aufgabe, vor dem großen Festtag die mit bunten Zuckerperlen bestreuten Ringerln an den Christbaum zu hängen. Müßig zu erwähnen, dass es ein guter Teil der Süßigkeiten nicht an sein Ziel geschafft hat. (Michael Steingruber, 21.12.2021)


Geheimnisträger

Süßes im Wickelpapier

Weihnachtszeit ist Auspackzeit. Aber auch Einpackzeit! Sogar beim Baumschmuck. Rein mit den süßen Sachen ins bunte Seidenpapier. Dann ist man bei der Andacht von den Logos handelsüblicher Pralinen nicht kapitalistisch abgelenkt. Ich persönlich war immer schon der Wickeltyp und habe die monotone Arbeit des Konfekt-Einrollens und Verschnürens von jeher geschätzt. Tagtraumchance! Es wird doch alljährlich erwartet, dass alle knapp vor Weihnachten gelassener werden – dafür ist der Wickelpapierjob wie gemacht. Die fransigen Papiere sind nicht nur als Deko ein echter Knaller, sie sind auch Geheimnisträger. Denn wer weiß schon mit Sicherheit zu sagen, welches Zuckerwerk sich drinnen versteckt. Genau darum geht es: das weihnachtliche Naschterritorium unberechenbarer zu machen. Ist es womöglich etwas mit Piemontkirsche oder gar etwas Nichtindustrielles mit Nuss? Und das Beste: Wenn es das Falsche ist, kann man es wieder einwickeln. (Margarete Affenzeller, 21.12.2021)


Kindheitstradition

Schokoschirme

Gelb-weiß gestreift. Oder rot-weiß. Auch grün- oder blau-weiß. So hingen die Schokoschirme früher am Weihnachtsbaum. Sie glitzerten im Licht der Kerzen und schmeckten herrlich. Ich habe sie immer langsam im Mund gedreht, damit sich die Schokolade so richtig gut verteilen konnte. Dieser Geschmack gehörte zu Weihnachten einfach dazu. Viele Jahre später sind auch die Schokoschirme mit der Zeit gegangen. Heute gibt es sie in Goldpapier oder in rotem Alupapier mit Sternen. Aber auch in Rosa verpackt mit Einhörnern. So hängen sie nun auf meinem Christbaum. Jahr für Jahr. Das schmeckt nicht nur mir, auch meine Tochter (6) erfreut sich am Glitzer des im Lichterkettenlicht strahlenden Glanz. Während ich die Schirme mittlerweile abbeiße, dreht meine Tochter diese aber auch mehrmals im Mund – eine stille Tradition ist damit weitergegeben. Wie lange die Einhörner am Baum bleiben, ist offen. Der Schokoschirm als solcher wird zweifelsohne unsere Tradition bleiben. (Bettina Pfluger, 21.12.2021)


Baisertraum

Windringerln

Perfekt ist der Christbaum erst, wenn Windringerln auf ihm hängen. Aber nicht die grauslichen, staubtrockenen, picksüßen aus dem Supermarkt. Auf unseren Baum kommen nur die vom Bäcker des Vertrauens im Nachbarort. Josef Kemetmüller ist der Mann, der weiß, wie er uns ein seliges Weihnachtsfest beschert. Die besten Ringerln sind nämlich die, die innen drin noch so richtig schmierig-klebrig sind. Und darum macht er die für uns auch extra so. Sie mit dünnen Schnüren zu versehen ist meine Aufgabe. Vorsichtigst – die Kringel brechen gern – wird da zu Werk gegangen. Trotzdem finden nicht alle Baiserringe ihren Weg auf den Baum. Es ist erstaunlich, wie viel Bruch entsteht und seinen Weg in den Mund findet – nicht nur in meinen. Ein paar schaffen es doch auf den Baum, und dann wird gezählt, wer womöglich mehr gegessen hat als andere. Werden die Ringerln knapp, wird heftig diskutiert, wem noch eines zusteht. Auch das ist Weihnachtstradition. (Pia Kruckenhauser, 21.12.2021)


Gefährdete Spezies

Schokoarabesken

Rote und weiße Zuckerkügelchen, darunter dunkle Schokolade. Für mich sind Schokoarabesken seit Jahrzehnten der beste Schmuck auf dem Christbaum, auch wenn ich den Verdacht nicht loswerde, dass die Rezeptur zu ihrem Nachteil verändert wurde. Aber ohne Arabesken kein Weihnachten, zumindest in meiner Familie. Doch es sieht ganz so aus, als ob es sich um eine gefährdete Baumschmuckspezies handelt, das zeigte sich beim diesjährigen Einkauf. Auch von meiner Mutter kam die Bitte, sie doch "bitte in Wien" zu besorgen, denn sie sei in keinem Geschäft fündig geworden. Leichter gesagt als getan, es musste schon der Flagshipstore des Erzeugers auf dem Stephansplatz sein – dann durfte ich die Schachteln in Händen halten. Man spricht von sinkenden Umsätzen des nostalgischen Naschwerks, heute seien eher Schokoherzen und Nougat-Würfel gefragt. Seit 1891 führe man sie im Sortiment. Liebe Firma Manner: 130 Jahre können doch nicht alles gewesen sein? (Petra Eder, 21.12.2021)


Die perfekte Form

Geleeringerln

Zum Baumschmücken gehören bei uns Geleeringe in Gelb, Rot, Grün, bestreut mit pickigem Zucker, dazu. Welche Farbe die bessere ist, dazu könnte man abendfüllend – aber bitte unter Wahrung des Weihnachtsfriedens – diskutieren (es ist natürlich Gelb!). Noch einmal für mehr Begeisterung bei Mama und Oma sorgen Geleeringe aber, wenn sie mit Schokolade überzogen sind. So ein Ringerl ist der perfekte Baumbehang, weil es ohne lästige Plastikverpackung daherkommt und die ideale Form hat. Immerhin muss nur noch ein Stück Zwirn durchgefädelt werden, und schon schaffen es auch beim Baumschmücken weniger Begabte, ein Platzerl für den Geleering finden. Aber, um ehrlich zu sein, so weit ist es noch nie gekommen. Denn just beim Christbaumschmücken erinnern sich Mama und Oma daran, dass die Ringerln so ganz ohne Verpackung am Baum so furchtbar schnell austrocknen und ganz und gar grauslich werden. Daher werden sie lieber gleich verzehrt. Wär ja schad drum! (Franziska Zoidl, 21.12.2021)