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Es war ein untypischer Auftritt, den der als "Bierwirt" bekannte 43-jährige L. am Montag im Wiener Straflandesgericht absolvierte. Er, den die Öffentlichkeit aus dem über zweieinhalb Jahre dauernden Prozess gegen die grüne Politikerin Sigrid Maurer als resoluten Typ mit teilweise aufbrausender Art kannte, wirkte wie ausgewechselt, physisch, aber auch vom Auftreten. Über weite Strecken der Verhandlung blickte L. zu Boden.

Angeklagt ist L. einerseits wegen Mordes: Am 29. April soll L. seine langjährige Partnerin, die sich eine Woche vorher von ihm getrennt hatte, in ihrer Wohnung erschossen haben. Das gab er vor Gericht zwar zu und sagte auch, dass ihm das heute leidtue. Allerdings könne er sich an die Tat nicht erinnern, so L. Er hätte seiner Freundin nie etwas antun können, aber er sei unter Drogen- und Alkoholeinfluss gestanden. Als Geständnis kann seine Aussage damit nicht gewertet werden.

Nachbar als Augenzeuge

Auch an den Vorfall, der sich eine Woche vorher zugetragen haben soll, will L. sich nicht erinnern können. Hier ist er wegen schwerer Nötigung angeklagt, weil er einen Schuss in Richtung des Vaters seiner langjährigen Partnerin abgefeuert haben soll, der schließlich knapp neben dem Mann im Türstock eingeschlagen sei, und ihm und dessen Frau mit dem Tod gedroht haben soll. Letzteres bestritt der Ex-Besitzer eines Wiener Craft-Beer-Shops. In die Wohnung sei er gekommen, da er Suizidgedanken gehegt und nach einer in der Wohnung seiner Ex-Partnerin verstauten Waffe gesucht habe.

Zu beiden Vorfällen wurden am Montag auch erste Zeugen befragt. Die Eltern des Opfers beschrieben den Vorfall mit dem Schuss in den Türstock. Es sei "richtig furchterregend" gewesen, sagte der Vater von M. Dennoch entschied sich die Familie danach, nicht die Polizei zu rufen. Sie hätte Angst gehabt, dass das alles nur noch schlimmer machen würde. M. trennte sich in der Folge aber von L. "Ich wünschte, er hätte mich getroffen", sagt der Vater heute. Sowohl er als auch die Kinder von M. und L. würden unter den Folgen des gewaltsamen Todes von M. leiden.

Dazu, was sich am 29. April in der Erdgeschoßwohnung im Winarskyhof abgespielt haben soll, sagte ein Nachbar aus, der zum Tatzeitpunkt in der Wohnung war. Die beiden Schüsse habe er nicht gesehen, aber gehört. Alles sei sehr schnell gegangen. In die Wohnung gelassen habe L. wohl seine 13-jährige Tochter, die in dem Moment mit dem Sohn des Zeugen in den Hof wollte. Zwischen den Nachbarn, dazu gehört auch die Schwester von L., bestand ein freundschaftliches Verhältnis, vor allem wegen der Kinder, die in einem ähnlichen Alter sind. Man sei viel miteinander unterwegs gewesen. Der Nachbar kenne L. deswegen "sowohl nüchtern als auch betrunken". Zum Tatzeitpunkt habe er nicht volltrunken gewirkt. "Er war nicht so, dass er nicht gewusst hat, was er macht."

Zwei Sachverständige

Der Nachbar spricht eine wesentliche Frage für den Prozess an – nämlich ob es tatsächlich sein kann, dass L. so berauscht war, dass er nicht bewusst handelte. Diesbezüglich wurden auch zwei Sachverständige gehört, ein Chemiker und ein Psychiater. In einem Gutachten, das die Staatsanwaltschaft in Auftrag gegeben hat, schlossen beide eine "volle Berauschung" dezidiert aus.

Unter anderem wurden etwa 3,4 Promille Alkohol im Blut festgestellt. Für den Richter relevant ist, ob dieser Wert zum Tatzeitpunkt oder erst durch einen sogenannten Nachtrunk erreicht worden sei. Laut den Angaben des Nachbarn trifft wohl Letzteres zu. Er habe L. nach der Tat zwei Flaschen Hochprozentigem, die er zuvor verlangte, aus dem Fenster seiner Wohnung gereicht, in die er mit den Kindern nach den Schüssen geflüchtet sei. L. habe beide Flaschen rasch geleert, sagte er aus. Am Mittwoch wird der Prozess fortgesetzt. (Lara Hagen, Jan Michael Marchart, 21.12.2021)