In Südafrika sind die Chancen auf fröhliche Weihnachten zuletzt wieder gestiegen.

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Pretoria – In Südafrika tut sich Unerwartetes. Wieso, dafür werden aktuell noch konkrete Erklärungen gesucht, aber der Trend scheint mittlerweile relativ eindeutig und erfreulich: Seit rund einer Woche steigen in dem Land, in dem die Omikron-Variante Anfang des Monats ihre erste große Welle ausgelöst hatte, die Fallzahlen nicht mehr.

In der anfangs besonders betroffenen Provinz Gauteng, in der sich unter anderem die Millionenmetropole Johannesburg und ihre Townships befinden, sinken sie mittlerweile sogar wieder eindeutig. Und das, obwohl die Höchstwerte aus früheren Wellen nicht oder nur knapp erreicht wurden – und obwohl man im Fall von Omikron ja von einer deutlich höheren Ansteckungsrate ausgeht. Woran des liegt, ist noch unklar – es gibt allerdings einige Erklärungsansätze.

Zuerst aber geht es um eine grundsätzliche Frage: Kann es sein, dass die Zahlen aus Südafrika einfach nicht stimmen oder schlicht das Testsystem im Land überfordert ist? Es gibt einige Gründe dafür anzunehmen, dass Südafrika mit dem Testen seiner Bevölkerung nicht ganz nachkommt. Dazu zählt unter anderem die Positivitätsrate, die seit fast zwei Wochen bei etwa 30 Prozent liegt. Fast jeder dritte Test ist also positiv. Zum Vergleich: In Österreich lag sie an der Spitze der letzten Welle Ende Dezember bei knapp drei Prozent.

Eine Frage der Kapazität?

Außerdem gehen Statistikerinnen und Statistiker davon aus, dass bei den bisherigen Wellen nicht alle Fälle gefunden wurden. Sie verweisen auf die im internationalen Vergleich massive Übersterblichkeit, die es damals gegeben hat. 230.000 Menschen sind diesen Schätzungen zufolge im Land an Covid und seinen Folgen gestorben, fast zweieinhalbmal so viele wie in den offiziellen Statistiken. Aber: Eine Überforderung der Testkapazitäten würde sich wahrscheinlich eher in einer flachen – nicht in einer sinkenden – Kurve bei den Neuinfektionen zeigen, und auch in einer weiter steigenden Positivitätsrate. Beides gibt es nicht. Außerdem wird in der Statistik ja Gleiches mit Gleichem verglichen – und die Einschränkungen in der Testkapazität dürften in der Zeit der Delta-Welle nicht kleiner gewesen sein als heute und auch heute nicht kleiner als vor zwei Wochen.

Geht man also davon aus, dass die Zahlen – zumindest in der Relation zueinander – stimmen, wie lässt sich der Trend dann erklären? Das "New York Magazine" hat sich am Wochenende mit dem in Seattle forschenden Epidemiologen Trevor Bedford über die Frage unterhalten, der über die Grenzen der Testmöglichkeiten hinaus gleich vier verschiedene Erklärungsansätze liefert.

Einerseits, so Bedford, könnte es bei möglicherweise milderen Verläufen von Omikron in Gesellschaften wie der südafrikanischen – wo fast jeder bereits geimpft oder genesen ist und daher schon einmal Antikörper gegen das Coronavirus gebildet hat – sein, dass weniger der tatsächlich Infizierten sich testen lassen. Eine einfache Erklärung, die aber nicht durchgehend greifen kann. Denn sie könnte lediglich begründen, wieso die Fallzahlen nicht höher sind als zur Delta-Welle, nicht aber, wieso sie bereits wieder zurückgehen.

Spielt Beta eine Rolle?

Zum anderen könnte es sein, so Bedford, dass die bisherigen Annahmen über die Ansteckungsraten bei Omikron nicht stimmen. Diese werden ja schlicht daraus errechnet, wie viele Menschen in welcher Zeitabfolge positiv getestet werden. Nachdem sich in vielen Staaten – darunter Südafrika – Menschen vor allem dann testen lassen, wenn sie Symptome haben, kann dieser Wert aber täuschen. Denn wenn die Zeitspanne zwischen dem Auftreten von Symptomen beim ersten Erkrankten und jenen beim Angesteckten (die Generationszeit) bei Omikron wesentlich kürzer wäre als bei bisherigen Corona-Varianten, könnte das in der Statistik ebenfalls als scheinbar schnelles Fallwachstum aufscheinen, ohne dass Omikron tatsächlich ansteckender wäre. Allerdings: Außerhalb Südafrikas aufgetretene Episoden wie etwa die Ansteckung fast aller Besucherinnen und Besucher eines Restaurants in Oslo ließen sich so nicht erklären.

Und dann gibt es laut Bedford noch zwei weitere Varianten, die auch mit den spezifischen Gegebenheiten in Südafrika in Zusammenhang stehen könnten. Zum einen hat das Land vor der Delta-Welle im Sommer schon 2020 eine Welle durchgemacht, die viele andere Staaten nicht hatten: jene mit der Beta-Variante, die sich später als weniger ansteckend als Alpha und Delta herausstellte und sich in anderen Staaten nicht durchsetzte. Möglicherweise, so spekuliert Bedford, könnten Beta-Infizierte besser gegen Omikron geschützt sein als jene, die eine Ansteckung mit einer der anderen Varianten durchgemacht haben. Belege dafür gibt es bisher allerdings nicht, Daten aus Südafrika zeigen, dass die Zahl der Reinfektionen Genesener mit Omikron jedenfalls massiv gestiegen ist.

Erkranktes Personal

Damit bleiben die sogenannten Netzwerkeffekte, die auch eine andere Eigenart der Delta-Welle erklären könnten. Grob gesagt geht es dabei um die Idee, dass Wellen nicht dann enden, wenn die gesamte Bevölkerung durchinfiziert ist. Vielmehr gehen Zahlen dann zurück, wenn in jenen sozialen Kreisen, die häufig Kontakt miteinander haben, die Zahl der ansteckbaren Personen erschöpft ist. In Südafrika könnten das etwa größere Gruppen junger Menschen, etwa Schülergruppen, gewesen sein. Das würde auch erklären, wieso laut offizieller Statistik überdurchschnittlich viele junge Menschen von Omikron-Infektionen betroffen sind.

Das wiederum, die hohe Zahl junger Infizierter, wird häufig auch als Erklärung für die bisher weiter niedrige Zahl an Krankenhausaufenthalten und Todesfällen in Südafrika herangezogen. Die einzige Erklärung kann das allerdings nicht sein. Denn wie aus einer Präsentation von Forschenden bei einer Pressekonferenz des Gesundheitsministeriums hervorgeht, ist die Hospitalisierungsrate in Südafrika in allen Altersgruppen deutlich niedriger als bei vorherigen Wellen. Freilich ist auch hier Vorsicht angebracht. Denn auch wenn die Hospitalisierungsrate niedrig ist, können Krankenhäuser bei sehr hohen Fallzahlen überlastet werden – vor allem dann, wenn auch das Personal erkrankt. In der Provinz Westkap sind derzeit zum Beispiel elf Prozent des Spitalspersonals krankgemeldet. Einen Zusammenbruch der Infrastruktur, wie er in Europa von manchen befürchtet wird, gibt es in Südafrika bisher aber nicht.

Übersterblichkeit schon geschehen

Bedeutet das alles eine Entwarnung auch für Europa? Dafür ist es vermutlich noch zu früh. Zum einen lässt sich immer noch wenig dazu sagen, ob die Viruswelle in Ländern ohne gute Durchimpfungs- oder Durchseuchungsrate – Österreich hat beides nicht zu bieten – ähnlich glimpflich verläuft wie in Südafrika. Der südafrikanische Demograf Tom Moultrie etwa gibt zu bedenken, dass andere Staaten eine deutlich geringere Übersterblichkeit gehabt hätten als Südafrika. Simpel ausgedrückt sind in Südafrika also viele jener Menschen, die besonders gefährdet sind, bereits an Corona gestorben, während sie in anderen Ländern noch am Leben sind und daher von einer neuen Welle besonders bedroht sein könnten.

In Großbritannien und Dänemark gab es zuletzt zarte Anzeichen dafür, dass sich die Zahl der Neuinfektionen von jenen der Krankenhauseinweisungen etwas entkoppeln könnte – allerdings spricht bisher wenig dafür, dass dies im gleichen Ausmaß geschieht wie in Südafrika. Beim Fallwachstum war zuletzt zumindest in London, wo Omikron schon besonders verbreitet ist, ein mögliches Absinken zu beobachten. Allerdings ist noch unsicher, ob es sich dabei um belastbare Zahlen oder einen Wochenendeffekt handelt. (Manuel Escher, 21.12.2021)