Hohes zeichnerisches Können kann man Michela Ghisetti nicht absprechen: "AFUA (Triptychon/Erster Teil)", 2012, Farbstift auf Holz.

Foto: Albertina, Wien

Endlich hat die "Das kann mein Zweijähriger auch"-Fraktion einmal nichts zu melden. Michela Ghisettis hyperrealistische und überlebensgroße Porträts in der Albertina, die sie mit Farbstiften auf Holz brachte, brauchen nämlich nicht nur Geduld, sondern auch hohes technisches Können – beides nicht die Stärken von Kleinkindern.

Mit handwerklich anspruchsvollen Arbeiten machte sich die 1966 in Bergamo geborene und seit den Neunzigern in Wien lebende Künstlerin einen Namen. Neben anderen Frauen porträtierte sich Ghisetti auch regelmäßig selbst: Bei ihrer Auseinandersetzung mit alten und neuen – jedenfalls männlichen – Meistern wie Vermeer oder Richter setzte sie sich selbst an die Stelle des weiblichen Sujets und zeichnete quasi eine bereits geschriebene Kunstgeschichte mit einem feministischen Impetus um.

"TUTTO MEGA TUTTO", 2017, Acryl auf Karton.
Foto: Albertina, Wien

Dennoch scheint es nicht so sehr der repräsentationskritische Aspekt zu sein, der das geneigte Publikum begeistert, sondern vor allem Ghisettis zeichnerisches Können. Sich der Reduktion ihrer Kunst aufs reine Handwerk bewusst seiend, bewegte sich Ghisetti im Laufe ihrer Karriere in die gegenteilige Richtung und versuchte sich an der Abstraktion.

Solidarische Riesenkugeln

Auch mit Skulpturen experimentierte sie, wie eine raumfüllende Arbeit namens Unus Mundus zeigt: Da liegen zwei Ketten aus Glasperlen, eine mit weißen und eine mit bunten Riesenkugeln, verschlungen am Boden und sollen verbildlichen, dass Menschen trotz ihrer Unterschiede miteinander solidarisch koexistieren können.

"UNUS MUNDUS", 2019
Zwei Ketten aus Glasperlen

Foto: Karin Hackl

Diversität sei Ghisetti wichtig. Ihr Werk lässt aber die Komplexität, die mit Themen wie Feminismus, Koexistenz, Diversität einhergeht, schmerzlich vermissen. Divers sind nur die künstlerischen Mittel, deren Unterschiedlichkeit etwas als interessant erscheinen lässt, das es nicht ist. Ob hyperrealistisches Porträt oder Abstraktion – so verschieden die Arbeiten auch aussehen, so sehr sind sie doch mit einem roten Faden namens Banalität verbunden. (Amira Ben Saoud, 22.12.2021)