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Die Salzburger Bahnhofsgarage war 2015 Notquartier für tausende Flüchtlinge. Heinz Schaden präsentierte hier sechs Jahre später auch sein Buch zum Thema.

Foto: picturedesk.com/APA/Gindl

Das Timing war Zufall und trotzdem symbolträchtig: Sehr zum Missfallen der ÖVP und vor allem zum Ärger von Bürgermeister Harald Preuner hat sich der Gemeinderat der Stadt Salzburg vergangene Woche mit den Stimmen der grünen Bürgerliste, von SPÖ, KPÖ, Neos und der Ein-Mann-Fraktion Liste Salz zum "sicheren Hafen" für Flüchtlinge erklärt. Damit folgt Salzburg dem Vorbild von München oder Berlin und erklärt sich grundsätzlich bereit, Menschen aus den Elendslagern in Griechenland aufzunehmen.

Nur wenige Tage vor dem für Salzburger Verhältnisse ungewöhnlichen Gemeinderatsbeschluss präsentierte Preuners Vorgänger Heinz Schaden (SPÖ) sein Buch Die große Flucht 2015. In dem in der Schriftenreihe des Stadtarchivs erschienenen Band beschreibt Schaden die Ereignisse im Herbst 2015. Damals war die Stadt Salzburg Sammelpunkt für rund 350.000 Kriegsvertriebene aus Syrien, Afghanistan und dem Irak. Die große Mehrheit reiste nach Deutschland weiter, nur ein Bruchteil blieb in Österreich beziehungsweise in Salzburg.

Bühne und Buch

Ganz neu ist die Rückschau des Ex-Bürgermeisters auf die zweite Jahreshälfte 2015 nicht. Im vielbeachteten Stück von Nuran David Calis #Ersthelfer#FirstAid, das auch das Thema Flucht thematisiert, spielte Schaden auf der Bühne des Salzburger Landestheaters vergangenes Jahr sich selbst.

In seiner nun erschienenen schriftlichen Rückschau versucht Schaden, ein möglichst vollkommenes Bild der Abläufe 2015 zu zeichnen. Wobei er ausdrücklich darauf Wert legt, dass es sich um keine "historische Arbeit" im wissenschaftlichen Sinn handelt, sondern vielmehr um "eine Rekonstruktion des Geschehenen anhand des eigenen Erlebten und Mitgetragenen".

Buchpräsentation am Ort des Geschehens: Heinz Schaden in der Salzburger Bahnhofsgarage.
Foto: Stadt Salzburg/Killer

Neben den eigenen Unterlagen, den Online- und Zeitungsberichten sowie den Presseinformationen der Stadt Salzburg selbst hat Schaden auch viele Interviews mit damals in die Hilfsaktion involvierten Politikern und Beamten geführt. Vieles davon erscheint aus heutiger Sicht nahezu unwirklich: Die Bereitschaft, die Geflüchteten zu unterstützen, war im Herbst 2015 noch mehrheitsfähig und reichte tief in ÖVP-Kreise hinein.

Willkommenskultur

Ebenso unwirklich erscheinen Schadens Berichte über die Ereignisse beginnend mit der Nacht von 31. August auf 1. September. Während zivilgesellschaftliche Organisationen, die ÖBB und auch Medienvertreter ziemlich genau Bescheid wussten, was sich in den Tagen davor in Ungarn abgespielt hatte, schienen vor allem die Bundesbehörden völlig überrascht zu sein.

Und so waren es auch private Helfer und Helferinnen, die die Menschen in der Nacht auf den 1. September mit dem Nötigsten – vor allem mit Trinkwasser – versorgten.

Auch in der Folge blieben die privaten Helfer unersetzbar. Sie waren es, die im Notquartier auf dem ehemaligen Asfinag-Gelände nahe der deutschen Grenze das System der "Bebänderung" eingeführt hatten. Die verschiedenfarbigen Armbänder dienten der zeitlichen Koordination der Weiterreise nach Deutschland. Sobald die Menschen wussten, dass und wann es weitergeht, war auch der Druck aus dem ohnehin beengten Lager draußen.

Die Stimmung dreht sich

Die Stadt Salzburg selbst hatte in der ersten Nacht ebenfalls rasch reagiert. Der damalige Magistratsdirektor Martin Floss war die ganze Nacht im Einsatz, einige Tage später wurde dann die Bahnhofsgarage als Notquartier adaptiert.

Schaden zeichnet auch nach, wie sich zum Jahreswechsel im Jänner 2016 die Stimmung drehte und wie in weiterer Folge das gesamte politische Gefüge Europas nach rechts abdriftete. Von dem "Akt der Solidarität", wie Schaden den Herbst 2015 in einem Interview mit den Salzburger Bezirksblättern bezeichnete, ist nicht viel geblieben. (Thomas Neuhold, 23.12.2021)