Kurz vor 23 Uhr ist für Manuel Silgener im Innsbrucker Uni-Café die stressigste Zeit. Zur letzten Runde rufen, Bier zapfen, zur Feier des vorweihnachtlichen Tages ein paar Averna Sour mixen; abkassieren und alle verabschieden, bevor der Minutenzeiger die volle Stunde erreicht. Studierende nehmen hier, unweit des Inns, zwischen Uni und Kliniken den letzten gemeinsamen Drink vor dem neuen Jahr ein, ehe es zurück in die Heimat geht. Klinikpersonal gönnt sich eine Pause vom stressigen Alltag. Es ist viel zu tun. Und es bleibt wie in den vergangenen Monaten so oft: wenig planbar.

Wollte die Regierung zunächst Silvesterpartys in Lokalen erlauben und dafür ausnahmsweise die Corona-Sperrstunde aufheben, kam es bekanntlich anders: Die Sperrstunde wird von 23 Uhr auf 22 Uhr vorverlegt. "Totaler Quatsch", sagt Silgener. Die Studierenden würden ohnehin nicht nach Hause gehen, sondern woanders weiterfeiern.

Rauschende Silvesterpartys hält die Politik heuer für unpassend und verlegt die Sperrstunde auf 22 Uhr vor.
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Auch in der Tourismusbranche gehen die Wogen hoch. "Zuerst hü, dann wieder hott", man möge doch bitte von solchen "realitätsfremden Regelungen Abstand nehmen und so etwas im Vorfeld mit den Betroffenen auf Durchführbarkeit und Sinnhaftigkeit abklären", richtet Michaela Reitterer, Präsidentin der Österreichischen Hoteliervereinigung (ÖHV), Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) aus und sagt, "dass die Leute zu Silvester feiern werden." Klüger sei doch, wenn in einem "sicheren Setting" wie einem Hotel die Sektkorken knallten. Reitterer fordert eine Rückkehr zur "alten" Regelung, der ausnahmsweisen Aufhebung der Sperrstunde zu Silvester.

Verschärfte Einreiseregeln

Die ohnehin geplagte Hotellerie stehe auch wegen der 2G-plus-Regelung bei der Einreise unter Druck, sagt Reitterer und beklagt, dass man die Branche wieder einmal im Regen stehengelassen habe – mit einer nicht kommunizierten, kurzfristigen Verordnung: "Die Gäste haben uns angerufen, und wir konnten keine Auskunft erteilen." Gebuchte Skiurlaube wurden storniert. Bei den Weihnachts- und Silvesterurlauben gebe es 30 bis 50 Prozent Absagen. Dabei ist die Branche ohnehin weit weg vom Vorkrisenniveau, wie aktuelle Zahlen der Statistik Austria zeigen: Im Vergleich zum Vorjahr, in dem ab 3. November Lockdown galt, verzeichneten die heimischen Beherbergungsbetriebe im November 2021 zwar dreimal so viele Nächtigungen, das sind aber um 38 Prozent weniger als im November 2019.

Wien, Silvester 2020: Auch da war in der Innenstadt von rauschendem Silvester wenig zu spüren.
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Und jetzt noch die verschärften Einreiseregeln mit 2G plus für Gäste aus Großbritannien, den Niederlanden, Dänemark und Norwegen ab 25. Dezember. Sie würden wohl zu einer weiteren Stornowelle führen, befürchtet die Branche. Einmal mehr rufen Branchenvertreter nach Aufstockung der Hilfen. Die hätten bisher das Überleben gesichert, sagt der Innsbrucker Gastronom Manuel Silgener. Auch Cüneyit Bozkurt sieht das so: Die Förderungen seien immer pünktlich gekommen, so der Chef der Bar "Der Pianokeller" in Reutte in Tirol. Die Laune versucht er sich nicht vermiesen zu lassen. Aber der wiederkehrende Rhythmus von aufsperren, einkaufen, zusperren, Ware wegschmeißen – so könne es nicht weitergehen, sagt Bozkurt.

Nicht nur Gastronomie und Hotellerie leiden

Das Ende der Fahnenstange sieht auch Ex-Banker und Finanzombudsmann Gerald Zmuegg bald erreicht. Der selbstständige Berater und Vermögensverwalter, der KMUs bei Verhandlungen mit Banken beisteht, ortet nicht nur in Hotellerie und Gastronomie Feuer am Dach. Vielen Betrieben stünde das Wasser bis zum Hals. Auch den Nichtlebensmittelhandel, Freizeitindustrie, Friseure und Nagelstudios hätten die Schließungen hart getroffen. Die Milliarden an staatlichen Hilfen seien bestenfalls "Treibsand" warnt Muegg: "Viele Unternehmen mussten zusätzlich zu den Hilfen Kredite aufnehmen." Die Wirkung der Hilfszahlungen würde von der Politik falsch eingeschätzt, ist Zmuegg überzeugt und erwartet, dass die Pleitewelle nur aufgeschoben ist.

Wie lange jetzt offen bleiben kann, wird sich zeigen. Gerüchte über einen neuerlichen Lockdown halten sich hartnäckig.
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Cüneyit Bozkurt bleibt indes optimistisch. Er will die Hoffnung auf ein paar gute Tage nicht aufgeben – um offene Rechnungen bezahlen zu können. Sicher ist, dass ein Einbruch in Tourismus und Gastronomie erneut auch Gewerbebetriebe wie Bäcker und Fleischhauer oder so manche Friseure betrifft. Betriebsmittelkredite sind ebenso zu bedienen wie Investitionskredite. Vom Staat gewährte Stundungen laufen zwar weiter, aber es wird wieder strenger geprüft, sagt Steuerberater Erich Wolf. "Es gibt strenge Betriebsprüfungen und Steuernachforderungen." Dazu käme ein nicht immer nachvollziehbares Gebaren bei den Hilfen: "Es gibt Überförderungen und Unterförderungen und Ablehnungen ohne Grund."

Hoffen auf bessere Zeiten

Elisabeth Geisler ist aus einem anderen Grund enttäuscht. Ob das sechsgängige Silvestermenü im Haubenrestaurant Sitzwohl in Innsbruck heuer stattfinden kann, weiß sie derzeit nicht. Man müsse erst abwarten, ob die Gäste anstatt um 19 Uhr auch um 17 Uhr mit dem Dinner starten würden. "Es ist einfach mühsam", sagt die Chefköchin.

Dass mit dem Jahreswechsel bessere Zeiten auf die Branche zukommen, ist eher unwahrscheinlich, Gerüchte eines neuerlichen Lockdowns Anfang Jänner sprechen dagegen. Dann könnte auch das Innsbrucker Uni-Café seine Türen nicht öffnen. Gastronom Manuel Silgener könnte also bald seinen letzten heurigen Averna Sour gemixt haben. (Julia Beirer, Regina Bruckner, Bettina Pfluger, 23.12.2021)

Anmerkung: Dieser Artikel wurde korrigiert. Die Hoteliervereinigung (ÖHV) und ihre Präsidentin Michaela Reitterer fordert eine Rückkehr zur ursprünglichen Regelung mit ausnahmsweiser Aufhebung der Sperrstunde zu Silvester, nicht die Rückkehr zur Sperrstunde um 23 Uhr.