Nach einem guten Sommer förderte der milde Herbst in weiten Landesteilen die Reiselust der Spanier bis weit in die Nachsaison. Der Städtetourismus boomte auch über die Fenstertage 6. und 8. Dezember. Die Hotels waren nahezu ausgebucht, Menschenmassen drängten sich in den Zentren von Granada, Córdoba oder Sevilla. Tapa-Bar-Terrassen und Restaurants waren voll, ohne Reservierung ergatterte man kaum einen freien Tisch.

Dank dem starken Binnentourismus konnten sich auch die großen Online-Ferienwohnungsplattformen Airbnb, Booking und Vrbo vom "annus horribilis" 2020 deutlich erholen. Viele Eigentümer, die auf Langzeitmieter umgesattelt waren, stiegen wieder auf das lukrativere Vermieten an Urlauber um.

Spaniens Erholungssuchende begaben sich heuer vielfach auf Entdeckungsreisen im eigenen Land.
Foto: Jan Marot

Zugpferde waren heuer die nordspanischen Regionen Galicien, Kantabrien, Asturien mit einem Plus von 18 bis 24 Prozent im Vorjahresvergleich, das Baskenland sowie das Kanaren-Archipel und die andalusischen Atlantikprovinzen Cádiz und Huelva – wo die Zahl der angebotenen Urlaubsdomizile wieder an jene vor der Covid-19-Pandemie heranreicht oder sie sogar übertrifft. Die Mittelmeerküste und Madrid, Barcelona oder Málaga liegen indes noch weit darunter, wie die aktuelle Erhebung des staatlichen Statistikinstituts INE belegt. Und von über 307.000 diesen August angebotenen Feriendomizilen entfällt der Großteil auf die Top-Destinationen: knapp 63.000 auf Andalusien, 56.000 auf Katalonien mit Barcelona (–20 Prozent) und rund 51.000 auf Valencia. Landesweit liegt das Ferienwohnungsangebot noch knapp 50 Prozent unter dem von 2019.

"Logische Entwicklung"

"Der kräftige Zuwachs von Inlandsreisen ist eine logische Entwicklung in der Pandemie", unterstreicht der Ökonom Santiago Carbó im STANDARD-Gespräch: "Vor allem im Sommer suchte man Erholung in der freien Natur, Aktivurlaube im ländlichen Tourismus und Entspannung an Stränden, die nicht restlos überfüllt sind." In Ferienwohnungen, ganz privat, fühlten sich Reisende auch sicherer vor einer Ansteckung. Carbó geht davon aus, dass dank Impfungen, der "Booster", und neu zugelassener Medikamente gegen Covid-19 die virulente Omikron-Variante "der Anfang vom Ende" sein werde. "Wir sind in einem der letzten Akte der Pandemie", unterstreicht er.

Graduelles Wachstum

2022 werde man im Spanien-Tourismus zwar noch fern der Rekordzahlen von 2019 (über 83 Millionen internationale Gäste) liegen, aber deutlich über dem auslaufenden Jahr. Waren es im Vorjahr 18 Millionen, so sind es heuer, ohne die traditionell schwachen Reisemonate November und Dezember, bereits mehr 25 Millionen. "Anders, als auch ich erwartet habe, wird der Aufschwung kein drastischer, in Form eines ‚V‘ sein, sondern vielmehr ein graduelles Wachstum", meint Carbó.

Weniger überfüllte Strände konnten in Pandemiezeiten punkten.
Foto: Jan Marot

Zwar schwappte just in der Vorweihnachtszeit die "sechste Welle" und die Omikron-Variante über Spanien, die neuerlich tagtäglich für Rekordinzidenzen sorgt, doch sind die Maßnahmen noch lax. Enge Kontakte von Omikron-Fällen müssen, sofern sie zweifach geimpft sind, nicht in Quarantäne, aber seit Heiligabend gilt landesweit wieder die Maskenpflicht im Freien. Einzelne Regionen wie Murcia oder Katalonien setzen wieder auf nächtliche Ausgangssperren von 1 bis 6 Uhr. Der "Covid-Pass" wird in Andalusien erst seit dieser Woche in Restaurants, Bars oder bei Kulturevents verlangt.

Hotels wieder besser ausgelastet

Nicht nur der Ferienwohnungsmarkt erholte sich, auch die Auslastung der Hotels hat sich spanienweit im November mit mehr als 14,8 Millionen Nächtigungen im Vergleich zu 2020 verfünffacht. Sie lag aber immer noch knapp 20 Prozent unter jenen Zahlen, die vor der Pandemie in der Nebensaison erreicht worden waren. Mittlerweile fielen fast 60 Prozent davon wieder auf ausländische Gäste, mehrheitlich Deutsche, Briten, Franzosen und Niederländer. Bereits im September stellte der Tourismus- und Gastro-Sektor laut der staatlichen Tourismusbehörde Turespaña wieder mehr als 12,2 Prozent aller Arbeitsplätze.

Das spanische BIP übertraf im Drittquartal mit einem Plus von 2,6 Prozent die Prognosen. Der IWF erwartet für 2022 ein sattes Wachstum von 5,8 Prozent. Um das zu erreichen, muss der Zustrom internationaler Gäste aber wieder das Niveau von 2019 erreichen. (Jan Marot aus Granada, 27.12.2021)