Kampf gegen Stereotype: The Lost Daughter"

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An einem Strand in Griechenland hat eine Frau eine Liege besetzt. Leda ist auf Arbeitsurlaub, sie sucht Ruhe zum Schreiben und Lesen, begibt sich aber doch unter die Leute. Als eine größere Familie mit einigem Tamtam per Boot daherkommt, tritt einer der Männer an sie heran und ersucht sie, ihre Liege freizugeben. Sie müsste nur ein paar Schritte weiterrücken, dann könnte die Gruppe beisammenbleiben.

Frauen, Kinder, Freunde, reiche Leute offensichtlich, sie treten gar nicht arrogant auf, aber halt raumgreifend. Leda weigert sich. Sie beharrt auf ihrem Platz, obwohl es wirklich nur eine Kleinigkeit wäre, auf die Bitte einzugehen. Man spürt sofort, dass ihr Widerstand aus einer verborgenen Geschichte kommt. Es ist die Geschichte ihrer eigenen Rolle als Mutter, wie sich bald herausstellt. Leda sieht sich in Griechenland mit Erinnerungen konfrontiert. Und auch wenn sie es anfangs nicht zu wollen scheint, wird sie doch immer stärker in die kleine soziale Welt ihres Urlaubsorts hineingezogen.

Vorlage von Elena Ferrante

Der Film von Maggie Gyllenhaal, in dem die Geschichte von Leda erzählt wird, heißt auf Netflix The Lost Daughter. Die Vorlage von Elena Ferrante ist da ein bisschen vielschichtiger: Die Frau im Dunkeln lautet die deutsche Übersetzung von La figlia oscura. Auch da gehen Aspekte verloren, denn bei "figlia" ist eben charakteristisch offen, wie sich verschiedene Rollen (Frau, Mutter, Tochter) zueinander verhalten.

The Lost Daughter gehört in die große Weihnachts- und Oscar-Offensive von Netflix, ein kleiner Kinostart geht der Auswertung auf dem Streamingportal und dann in der Trophäensaison voran.

Bekannt als Queen

Olivia Colman (bekannt geworden zuletzt vor allem als Queen Elizabeth in mittleren Jahren in der Serie The Crown) spielt Leda in der Gegenwart des Films, den Part in den Rückblenden hat Jessie Buckley übernommen. Leda fühlt sich an dem Strand in Griechenland, inmitten der lärmenden Kinder und neben Nina (Dakota Johnson), einer jungen Mutter mit einer Tochter namens Elena, an ihre eigenen Erfahrungen erinnert – an ihre Zeit als junge Akademikerin mit zwei Mädchen. Mutter zu sein hat sie dabei als eine "crushing responsibility" im Gedächtnis, als eine erdrückende Verantwortung.

Eine verlorengegangene Puppe wird schließlich zum Dingsymbol der unterdrückten Aggressionen und Depressionen. Ein Ersatzobjekt, von dem man hoffen könnte, dass es zumindest ein bisschen Erleichterung für die Überforderung bedeutet, einem Kind gerecht zu werden. Olivia Colman ist stark vor allem in den Facetten von Leda, die ihre Distanz zu einer "natürlichen" Mutterrolle bezeugen.

Latente Irritation

Sie ist, an diesem Ferienort abseits des Massentourismus, ein Fremdkörper und zieht doch die ganze Aufmerksamkeit auf sich. Für Maggie Gyllenhaal, die bisher vor allem als Schauspielerin gearbeitet hat (zuletzt in der Serie The Deuce), ist The Lost Daughter die erste Spielfilmregie.

Sie kommt mit der Vorlage gut zurecht und trifft eine Grundstimmung latenter Irritation bei Ferrante sehr genau. Immer wieder deutet sich sogar fast so etwas wie ein Thriller an. Aufzulösen gibt es allerdings vor allem, wie Frauen ihren Rollenbildern und Wünschen genügen können, ohne zu verzweifeln. (Bert Rebhandl, 27.12.2021)