Der zweite Winter mit Corona: Man könnte meinen, es gäbe eine kollektive Ernüchterung. Schließlich haben zahlreiche Lockdowns dazu geführt, dass Bartresen leer und Restauranttische ungedeckt blieben. Und dann erst die geschlossenen Christkindlmärkte!

Wurde also weniger Alkohol getrunken? Tatsächlich ging der Konsum nicht zurück, im Gegenteil. Weine wurden in der eigenen Küche entkorkt, Gin-Tonics vor dem Fernseher genippt – und insbesondere Mütter zeigten sich durch die Doppelbelastung von Homeoffice und Kinderbetreuung laut Experten sogar anfälliger für problematischen Alkoholkonsum als zuvor. Kurzum: Es gibt einigen Anlass, einmal intensiver über unser Verhältnis zum Alkohol nachzudenken.

Es muss nicht immer Alkohol sein.
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Das geht besonders gut zu Jahresbeginn. Mit den Ganslexzessen, Keksschlachten und Punschorgien gleicht der Dezember einem Marathon mit dem Ziel der gepflegten Gastritis, mit den Feiertagen als von Brandy und Braten fett geschmiertem Endspurt. Völlig zu Recht sehnt man sich spätestens nach Silvester nach einer leichtkalorischen Phase, nach Rohkost und grünem Tee oder wenigstens nach Tee ohne Schuss.

So beschließen immer mehr Menschen, im Jänner keinen Alkohol zu trinken. "Dry January" wird das dann neumodisch neudeutsch genannt. Doch es handelt sich dabei gar nicht um eine Social-Media-Challenge, mit der Leute ihre Selbstdisziplin für Likes zur Schau stellen. In Wahrheit gibt es den Dry January seit genau achtzig Jahren. 1942 rief das vom Krieg gegen die Sowjetunion gebeutelte Finnland seine Bürgerinnen und Bürger zur Mäßigung auf. Viel später, nämlich 2014, ließ die britische Gesundheitsorganisation Alcohol Change den Begriff patentieren. Schon am ersten Dry January nahmen rund 17 000 Briten teil, 2020 waren es vier Millionen. Auch in Österreich findet die Idee, einen Monat lang auf Alkohol zu verzichten, Fans.

Verzicht oder Chance

Wie man diesen Monat angeht, ist Ansichtssache. Sieht man ihn als eine Aneinanderreihung verpasster Trinkgelegenheiten, als langweilig, eintönig, stumpf? Oder aber als eine Art kostenlosen Wellnessurlaub, mit erholsamem Schlaf, klaren Gedanken und katerfreien Wochenenden? Wir raten zu Letzterem. Zumal ein solcher Monat nicht bedeutet, auf Genuss verzichten zu müssen. Die Alternative zu Wein zum Essen muss nicht Wasser sein.

Probieren Sie es mal mit einem mit Rosmarin versetzten Kirschnektar zu Wildgeflügel, mit Sencha-Tee zu Ofenlachs oder einem Zwiebel-Shrub zu Ofenkürbis. Nicole Klauss’ Buch Die neue Trinkkultur. Speisen perfekt begleiten ohne Alkohol ist ein toller Einstieg ist in die Welt des promillefreien Genusses. Viele Vorschläge der Berliner Autorin und Gastroberaterin lassen sich problemlos umsetzen, gerade jetzt, wo sich der nächste Lockdown quasi schon vor offizieller Verkündung abzeichnet.

Kombuchabrauen könnte da das neue Bananenbrotbacken werden! Alles, was man dazu braucht, ist Tee, Zucker und ein sogenannter Scoby, eine Kultur bestehend aus Hefen und Bakterien. Eine Woche braucht der Fermentationsprozess, dessen Ergebnis den Darmbakterien schmeichelt und sich auf vielfältige Art weiter aromatisieren lässt. So kann man dem Kombucha etwa mit Birnensaft und Kardamom oder mit Apfelsaft, Zimt und Physalis eine winterliche Note verleihen. Noch leichter gelingen Shrubs, bestehend aus Früchten und Essig. Auf deren Basis lassen sich raffinierte Cocktails mixen, Klauss empfiehlt beispielsweise einen aus Ingwer, Melasse, Apfelessig und Limettensaft bestehenden Switchel.

Guter Stoff

Sollte der Jänner jegliche Küchenkreativität im Keim ersticken, ist das auch kein Problem. Der Markt an alkoholfreien Alternativen wächst beständig. Mit wenigen Ausnahmen ist von alkoholfreien Weinen und Sekten abzuraten. Meist ist das Ergebnis flach und eindimensional, oft auch noch schrecklich süß. Anders verhält sich die Sache mit alkoholfreiem Bier. Dank einer Kombination verschiedener chemischer Verfahren kommt das Ergebnis dem Original erstaunlich nahe. Viele Craft-Beer-Brauereien widmen sich dem Thema mit Hingabe, und selbst das Gösser Naturgold Alkoholfrei kann sich schmecken lassen.

Davon abgesehen tut man sich keinen Gefallen, wenn man die Sache vom Standpunkt des Verzichts aus betrachtet. Ein alkoholfreier "Gin" – bei dessen Herstellung destilliertes Wasser mit Kräutern und Gewürzen aromatisiert wird – wird niemals an einen echten heranreichen (abgesehen davon, dass er streng genommen gar nicht so heißen darf, so wie auch die Bezeichnung "alkoholfreie Spirituosen" ein Widerspruch in sich ist), auch wenn der Markt etwas anderes behauptet. Wenn es doch eine Gin-Alternative sein soll, empfiehlt sich der in Berlin produzierte Laori NO 01. Oder aber man weicht auf Getränke aus mit einem ganz eigenständigen Geschmacksprofil. Easip Woods beispielsweise, dessen Malzaroma toll mit Ginger Ale harmoniert, oder das aus Hamburg stammende Kräuterelixier Markman’s, das sogar eine belebende Wirkung haben soll. Auch hochwertige Fruchtsäfte können was, beispielsweise jene des in Pöllau ansässigen Obsthof Retter.

Trend ohne Schuss

Alkoholfrei liegt im Trend – das beweist nicht nur das stetig wachsende Sortiment an Alternativen, sondern auch ein Blick in die Bar- und Restaurantkarten des Landes. Kaum ein gehobenes Restaurant, das neben der Wein- nicht auch eine alkoholfreie Getränkebegleitung anzubieten hat. Im vegetarischen Restaurant Tian in Wien erwarten den Gast Honigessig und die bosnische Nationallimo Smerka, im Steirereck kalt angesetzter Verbene-Tee mit Latschenkiefersirup, Limette und Ingwer. Auch außerhalb der Hauptstadt muss niemand durstig bleiben (oder, noch schlimmer, bei Wasser). Im burgenländischen Taubenkobel kommt Rhabarber und Bergamotte sowie Selleriesaft mit Mohnöl und Emmer ins Glas, im Sommereiner Landgasthof Schiller in Niederösterreich Apfel-Sichuan-Saft und Thymian-Hanftee. In London, New York und sogar Berlin gibt es bereits Bars mit komplett alkoholfreier Karte. Bis dieser Trend Österreich erreicht, ist es nur eine Frage der Zeit.

Hat man erst mal angefangen, sich mit dem Thema zu beschäftigen, ist es überall. Fast könnte man meinen, ein Monat reiche gar nicht aus, um all die im Handel und in der Gastronomie angebotenen Alternativen auszuprobieren. Es darf verlängert werden! Und wer sich im Jänner nicht aufraffen kann, hat im Mindful March noch einmal Gelegenheit dazu, im Dry July oder im Sober October. (Eva Biringer, 30.12.2021)