Raureif liegt über den kahlen Rebbergen, die in der Morgensonne glitzern. Im Winterschlaf liegt es da, das gewellte, von der Natur reich bedachte Land, wie eine Oase zwischen dem hektischen Paris und dem weltkriegsversehrten Verdun: La Champagne. Der Name der Gegend ist weiblichen Geschlechts, anders als der Champagner, le champagne, der so maskulin ist wie all die hemdsärmeligen Winzer, die ihn seit Jahrhunderten keltern.

Stimmt so nicht, sagt Brigitte Batonnet, Dokumentarin und wandelnde Bibliothek des lokalen Champagnerbüros CIVC in Epernay. Im 18. Jahrhundert seien es Frauen gewesen, die den goldenen Schaumwein am Hof von Versailles verbreitet hätten – die Gräfin du Barry oder die Marquise von Pompadour, von der das Zitat stammt: "Der Champagner ist der einzige Wein, nach dessen Genuss die Frau schön bleibt."

Später brachten dann die legendären Champagner-Witwen das Geschäft mit dem Edelsekt zum Blühen – allen voran die Veuve Clicquot. Barbe-Nicole Clicquot-Ponsardin, wie sie mit bürgerlichem Namen hieß, übernahm nach dem Tod ihres Mannes 1805 gerade einmal 27-jährig den Betrieb. Sie revolutionierte ihr Gut und gleich die ganze Branche mit, sowohl geschmack- als auch marketingmäßig. Auch in den Weltkriegen sorgten Frauen für das Überleben der Champagnerzunft.

150-Millionen-Konzern

Bekannteste Größe derzeit ist Vitalie Taittinger, Chefin über die gleichnamige Champagner-Marke aus Reims. Die 42-Jährige leitet seit zwei Jahren ein Familienunternehmen, das auf einen illustren Stammbaum zurückblickt. Seit 2007 auf verschiedenen Posten im Betrieb tätig, bringt sie den 150-Millionen-Konzern wieder auf Kurs, nachdem ihm US-Investoren und entfernte Erben fast den Garaus gemacht hätten.

"Was zählt, ist Arbeit, Talent, Energie", betont Vitalie Taittinger. "Im Geist", da verkörpere der Champagner schon etwas Feminines, sinniert Madame. "Denken Sie an das Bild von Marilyn Monroe, wie sie eine ‚Flûte‘ de Champagne in der Hand hält – das ist für mich der Inbegriff der Eleganz und eine der schönsten Illustrationen dieses Getränks." In der Flasche hingegen, da gebe es nur einen Geschmack, einen genderlosen. "Spüren Sie die Reinheit, den Geist der Champagne-Kreide, so pur, dass es fast knirscht?", fragt die Chefin, nachdem sie einen "Comtes de Champagne", Jahrgang 2011, mit einer einzigen Handbewegung kredenzt hat. Und während man nach Worten ringt, fügt sie an: "Wenn sich der Sekt erst zu erwärmen beginnt, dann kommt auch noch die Dichte dazu! Das ist der Geist der Champagne!"

Vitalie Taittinger ist Vorsteherin der gleichnamigen Champagner-Marke und Vertreterin einer neuen Generation.
Foto: Martin Morrell

Einen Champagner für Frauen zu produzieren, wie das andere Champagner-Häuser vorgemacht haben, käme Vitalie Taittinger nicht in den Sinn. Obwohl sie selbst schon auf einem sehr gestylten Schwarzweißbild ihres Hauses posierte: Auf der Place Royale in Reims huldigt sie darauf dem Taittinger-Geschmack im Speziellen und der Feminität im Allgemeinen. Das sei aber nur "eine augenzwinkernde Hommage an die weibliche Eleganz" gewesen, relativiert die Konzernchefin.

Vitalie Taittinger setzt nicht auf Egotrips, sondern auf Zusammenarbeit im Betrieb. "Ich bin nur ein Glied in der Kette", sagt sie beim Gang über das Firmengelände. Die Römer haben hier bereits Kalkstein abgebaut, was zu den berühmten Kellerlagern führte. Taittinger sagt, sie fördere die Teamarbeit, "wo ich kann" – vor allem mit ihrem Bruder Clovis, der als Direktor für die Exporte zuständig ist.

Als die Pandemie begann, dachte die Chefin nicht in erster Linie an den Absatz – er brach ohnehin branchenweit ein –, sondern an die 230 Festangestellten des Hauses. "Es gab keine Kündigungen oder Lohneinbußen, denn mein Anliegen war es, dass sich in dieser Krise alle sicher fühlen", sagt die Mutter dreier Kinder und eines Stiefsohns und setzt nach: "Emotionell sicher."

Zukunft planen

Sicherheit schließt allerdings Wagemut nicht aus. Voraussehend, dass die idealen Rebenbedingungen und damit die Weinberge wegen der Klimaerwärmung langsam nach Norden wandern, hatte Taittinger jenseits des Ärmelkanals, in der englischen Grafschaft Kent, Rebland erworben. Ab 2004 sollen die ersten Erträge anfallen.

Und weil die Vorsteherin eines Familienbetriebs in vierter Generation ihren Kindern eine nachhaltige Zukunft bieten will, setzt sie heute in den 288 Hektar Taittinger-Reben keine Herbizide mehr ein. Die Pestizide hat sie um die Hälfte reduziert. Nicht all ihre männlichen Chefkollegen sind so weit.

Kreative Meisterinnen

Immer mehr Frauen übernehmen die Leitung kleiner und großer Champagner-Häuser. Den Anfang hatte Carol Duval-Leroy im Jahr 1991 gemacht: Nach dem Tod ihres Mannes übernahm die Belgierin mit 36 Jahren den Betrieb. Bis heute hat sie den Umsatz verzehnfacht. Zu diesem Zweck hat sie unter anderem eine "cuvée bio", eine Bioausgabe, geschaffen – und nebenbei auch einen Sekt namens "Femme de champagne".

Heute ist die resolute Winzerin längst nicht mehr die einzige Champagner-Chefin. Taittinger ist ihr gefolgt, dann Maggie Henriquez, die dem Hersteller Krug vorsteht. Laurent-Perrier wird von den Schwestern Alexandra und Stéphanie de Nonancourt geleitet. Bei Môet & Chandon (zum Luxusgüterkonzern LVMH gehörig) hat im November die Spanierin Berta de Pablos-Barbier das Sagen übernommen.

Oft noch wichtiger als die Firmenvorsitzenden, weil einflussreicher auf die Qualität des Produkts, sind in der Champagne die Kellermeister – zunehmend -meisterinnen: Alice Tétienne kreiert den Schaumwein bei Henriot, Séverine Frerson bei Perrier-Jouët. Letztere war wie ein Fußballstar von Piper-Heidsieck abgeworben worden.

Die Champagner-Frauen haben sich bereits in zwei Klubs zusammengeschlossen: Fa’Bulleuses für die Winzerinnen, La Transmission für Firmenchefinnen. Ziel sind neben der Geselligkeit in beiden Fällen der Austausch, die Solidarität, die gegenseitige Hilfe. Mit von der Partie sind nicht nur Branchengrößen wie Vitalie Taittinger, sondern auch Kleinwinzerinnen wie Laureen Baillette, die mit ihrer Mutter und ihrer Schwester fünf Hektar Rebfläche bewirtschaftet.

Zur Chefin der kleinen Winzerei war Baillette mit 24 Jahren geworden – fast über Nacht, als ihr Vater nach kurzer und schwerer Krankheit verstarb. Die junge Frau hatte noch kurz Önologie studiert, bevor sie den Betrieb übernahm. Während dieser Zeit erhielt die Trauerfamilie zahlreiche Übernahmeangebote von Winzern, die der Familie die Weiterführung nicht zutrauten.

Heute, 16 Jahre später, hat Laureen Baillette das Unternehmen nachhaltig stabilisiert; mit einem preisgekrönten Premier Cru feiert sie qualitative Erfolge. Niemand kommt seither mehr mit der lästigen Frage, ob sie ihr Gut verkaufen wolle. (Stefan Brändle aus Paris, 31.12.2021)