Das Jahr beginnt, und eine Epoche geht zu Ende. Am ersten Tag des Jahres 2022 – Twenty-Tu-tu, wie es jetzt in Südafrika heißt – wurde der letzte Gigant des Anti-Apartheid-Kampfs zu Grabe getragen: Erzbischof Desmond Tutu, der am zweiten Weihnachtsfeiertag im Alter von 90 Jahren gestorben war. "Den spirituellen Vater unserer neuen Nation" nannte ihn Südafrikas Staatspräsident Cyril Ramaphosa bei der Beerdigungsfeier: "Er stand neben Nelson Mandela, dem Vater unserer Demokratie."

Die Verabschiedung fand am Samstag in kleinem Rahmen in der Kapstädter St.-George’s-Kathedrale statt, der ehemaligen Kirche des Oberhirten. Ohne das Brimborium eines Staatsbegräbnisses. Wegen der Pandemie waren nur 100 Trauergäste zugelassen; statt opulenter Blumengebinde lag ein einziger Strauß weißer Nelken auf der Kiste aus unbehandeltem Tannenholz, die an Schlaufen aus Seil getragen wurde. Unter Südafrikas besser Betuchten ist in Mode gekommen, für Bestattungen teure Sarkophage aus den USA kommen zu lassen: Dem Protzkult hielt Tutu seinen Wunsch nach dem "billigsten Sarg, der zu bekommen ist", entgegen.

Der Erzbischof legte vor seinem Tod fest, dass er in den billigsten verfügbaren Sarg gelegt werde.
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"Tutu Number Two"

Auf dem Programm steht ein Requiem, "angeboten zur Feier des Lebens von Desmond Mpilo Tutu". Eine anglikanische Totenmesse mit viel Weihrauch, zahlreichen Geistlichen in weißen Gewändern und goldenen Mitren, Chorgesängen und einer Predigt von Michael Nutall, der einst als weißer Bischof dem schwarzen Erzbischof diente. Als "Tutu Number Two", scherzt er – ein Jahrzehnt vor dem Ende der Apartheid eine handfeste Provokation für die Rassistenregierung. Heute kann man darüber lachen.

"Hey, was schaut ihr denn so traurig drein?", beginnt Präsident Ramaphosa seinen Nachruf vor 100 Trauergästen und Millionen von Fernsehzuschauern aus aller Welt. Etwas Ähnliches hätte Tutu seinen Freunden jetzt wohl an den Kopf geworfen, denn Melancholie war nie seine Sache. Der Erzbischof sei ein "Kreuzritter" im "Kampf für Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichheit und Frieden" gewesen, fährt Ramaphosa fort. Nicht alle der unzähligen, in diesen Tagen über den Verstorbenen geschütteten Appositionen sitzen auch einwandfrei. Als Kreuzritter hätte sich der Verteidiger der Rechte der Palästinenser nicht gesehen.

Desmond Tutu war für viele ein Held, Schelm, Patriot, aber auch Projektionsfläche für Hasstiraden.
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Am Kap der Guten Hoffnung löste Tutus Tod eine einwöchige Festspielserie aus. In den anglikanischen Kirchen des Landes fanden Gedenkveranstaltungen statt, der Tafelberg wurde lila – der Farbe des erzbischöflichen Gewands – angestrahlt, TV-Anstalten strahlten eine Tutu-Dokumentation nach der anderen aus, die Glocken von St. George’s läuteten täglich um die Mittagszeit für zehn Minuten.

Aus aller Welt trafen Grußbotschaften vom Papst, vom Dalai Lama, der Queen und von Barack Obama ein. Darin wurde der Verstorbene abwechselnd als Held, Prophet, Schelm, Patriot oder als Weltgewissen gerühmt. Neben dem feurigen, dem geistreichen, witzigen, furchtlosen und liebevollen Menschen scheint jeder andere zu verblassen: Der "Arch", wie er von Freunden genannt wurde, scheint keine Feinde zu haben.

Ein gewaltiger Irrtum. Schon die Apartheidherrscher verunglimpften den aufmüpfigen Geist als äffischen Gnom, die Mehrheit der weißen Südafrikaner habe in dem turbulenten Priester den "inkarnierten Teufel" gesehen, schreibt sein Biograf John Allen.

Hasstiraden im Netz

Später machte sich Tutu auch bei den neuen Herrschern vom Afrikanischen Nationalkongress (ANC) unbeliebt: Er solle "das Maul halten, fauchte ihn der heutige Polizeiminister Bheki Cele einst an: Schließlich sei er kein "Vize-Christus".

In den sozialen Netzwerken werden heute neben Lobgesängen auch Hasstiraden laut: Tutu sei der "Liebling weißer Liberaler", die Auffassungen und Interessen der schwarzen Mehrheit der Bevölkerung repräsentiere er nicht. Der von ihm geprägte Begriff der Regenbogennation ist längst verblasst oder gar zum Gespött geworden.

Dabei ließ der "Arch" keine Gelegenheit aus, auch der weißen Geschäftswelt, seinen weißen Schäfchen und dem europäischen Polit-Establishment die Leviten zu lesen. Er wollte Toni Blair wegen des Irakkriegs vor den Richter bringen, geißelte seine Kirche für die Ausgrenzung von LGBTQ-Personen und suchte Südafrikas Bonzen zur Nivellierung der sozialen Kluft in der Gesellschaft zur Kasse zu bitten. Anders als im Kampf gegen die Apartheid war der Erzbischof bei keiner dieser Anstrengungen erfolgreich.

Nach dem Requiem wurde Tutus Leichnam alkalisch zersetzt und seine Knochen zu Mehl zerrieben, was die Umwelt weit weniger als Verbrennen belastet. Am frühen Sonntagmorgen wurde die Urne in den Boden direkt vor dem Altar der St.-George’s-Kathedrale eingelassen: Zurück blieb ein kleines Loch und die große Frage, ob die Welt einen solchen Menschen wieder hervorbringen wird. (Johannes Dieterich aus Johannesburg, 2.1.2022)