Am 6. 1. 2021 stürmte ein aufgebrachter Mob das Kapitol. Eine Mitschuld dafür wird auch bei den Social Networks gesehen.

Foto: AP Photo/Jose Luis Magana

Vor genau einem Jahr, am 6.1.2021, stürmte ein aufgebrachter Mob das Kapitol in Washington. Ein Teil der Verantwortung für dieses Ereignis wird bei sozialen Netzwerken gesehen, welche keine angemessenen Maßnahmen zur Bekämpfung von Fake News und Filterblasen gesetzt haben. Wie reagieren die Unternehmen ein Jahr später?

Seitens Twitter heißt es zum heutigen Jahrestag, dass das Social Network ein Team einberufen hat, welches das Posten von schädlichen Inhalten rund um das Ereignis überwachen wird. Gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters betont Twitter, dass man "eine funktionsübergreifende Arbeitsgruppe" einberufen habe, die sich aus Mitgliedern der Teams für Website-Integrität und Vertrauen sowie Sicherheitsteams, die sich speziell mit dem Jahrestag des Anschlags auf das Kapitol beschäftigen, zusammensetzt. Es wird explizit ein Augenmerk auf Tweets und Konten gelegt, die zu Gewalt aufrufen. Unbekannt ist, wie viele Personen dem Überwachungsteam angehören.

Facebook: "Wir überwachen weiterhin"

Vergleichsweise vage bleiben andere Unternehmen der Branche. Von Meta/Facebook hieß es am Mittwoch in einer Erklärung: "Wir überwachen weiterhin aktiv die Bedrohungen auf unserer Plattform und werden entsprechend reagieren." Der politische Druck auf Meta war im vergangenen Jahr unter anderem durch die Enthüllungen der Whistleblowerin Frances Haugen größer geworden.

Ein Sprecher von YouTube, das sich im Besitz von Google befindet, sagte am Mittwoch, die Online-Videoplattform habe zehntausende von Videos entfernt, weil sie gegen die Wahlkampfrichtlinien verstoßen haben. Zudem habe man weiterhin ein Auge auf Wahlfehlinformationen.

Anhörungen und Trump-Sperren

Im März sagten die Vorstandsvorsitzenden von Twitter, Google und Facebook, in einer Anhörung vor dem Kongress aus und wurden von US-Gesetzgebern gefragt, ob ihre Plattformen eine Verantwortung für den Aufruhr tragen. Der damalige Twitter-Chef Jack Dorsey war der einzige Geschäftsführer, der mit "Ja" antwortete – zugleich betonte er, dass das "breitere Ökosystem" berücksichtigt werden müsse.

Einige Tage nach den Unruhen im Kapitol kündigte Twitter eine dauerhafte Aussetzung von Trumps Konto mit der Begründung an, es bestehe "die Gefahr einer weiteren Aufstachelung zu Gewalt". "Unser Ansatz war sowohl vor als auch nach dem 6. Januar, dass wir gegen Konten und Tweets vorzugehen, die zu Gewalt aufstacheln oder das Potenzial haben, offline Schaden anzurichten," sagte ein Twitter-Sprecher am Dienstag in einer Erklärung. Das Unternehmen fügte hinzu, dass es im vergangenen Jahr Tausende von Konten dauerhaft gesperrt habe, weil sie gegen die Richtlinien gegen koordinierte schädliche Aktivitäten verstoßen haben.

Trump gründet eigenes Social Network

Trump bemüht sich indes, ein eigenes Social Network zu starten, welches Anfang 2022 an den Start gehen und den Namen "Truth Social" tragen soll. Anfang Dezember hieß es, dass das Projekt eine Finanzierung in Höhe von einer Milliarden Dollar an Land gezogen hat. Betrieben wird die Plattform vom Website-Unternehmen Rightforge, dessen CEO mit 75 Millionen Nutzern rechnet.

Anfang Mai hatte Trump einen Blog auf seiner Website gestartet, der jedoch wenige Wochen später wieder eingestellt wurde. Unter anderem hatte Twitter auch Konten blockiert, die Donald Trumps Blogpostings verbreiteten. Auf einer technologischen Ebene war Trumps erster Gehversuch eines "eigenen Social Networks" so simpel gestrickt, dass auch Laien ohne Programmierkenntnisse den Microblog in wenigen Minuten selbst nachbauen können.

Telegram als neues Tummelfeld für Querdenker

Inzwischen haben sich viele Verschwörungstheoretiker und selbsternannte Querdenker aber ohnehin eine andere Plattform gesucht, die ihren Sitz nicht im Silicon Valley hat und sich in den USA daher noch schwerer regulieren lässt: Der von den russischen Brüdern Nikolai und Pawel Durow gegründete Messenger Telegram.

Hier kommen auch im deutschsprachigen Raum große Gruppen auf rund 60.000 User, Verschwörungserzähler wie Attila Hildmann und Xavier Naidoo adressieren hier ihr Publikum. Die wachsende Popularität des Messengers birgt entsprechende Gefahren, weshalb unter anderem in Deutschland eine strengere Handhabe angestrebt wird. (Reuters/stm, 6.1.2022)