In der Millionenstadt Xian in China packen Freiwillige Essen ab, um es den Bewohnern via Lieferdienste zukommen zu lassen.

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Chinas Zero-Covid-Strategie wird durch die Omikron-Variante immer mehr ad absurdum geführt. In der Elfmillionenstadt Xian haben sich in den vergangenen Tagen Szenen abgespielt, die am ehesten an die Anfangstage der Pandemie vor zwei Jahren in Wuhan erinnern: Lieferengpässe von Nahrungsmitteln und Medikamenten, verzweifelte Bürger und Bürgerinnen.

Auch in den Krankenhäusern spielten sich aufgrund der strikten Sicherheitsmaßnahmen dramatische Szenen ab, Zwei Babys starben, da hochschwangere Mütter nicht ins Krankenhaus gelassen wurden. Der Grund: Die Mütter konnten keinen gültigen Negativtest vorweisen. Videos von einer Frau, die, im achten Monat schwanger, mit Blut an den Beinen vor einem Krankenhaus saß, kursierten auf Weibo, der chinesischen Social-Media-Plattform, bevor sie zensiert wurden.

Ende Dezember meldete die nordwestchinesische Stadt knapp über 100 Fälle mit der Omikron-Variante. Mittlerweile zählt sie rund 1.800 Fälle. Seit bald drei Wochen ist Xian von der Außenwelt abgeschnitten. Die Bewohner dürfen ihre Häuser nicht verlassen. Die Regierung hat den Bewohnern zwar zugesichert, sie mit Lebensmitteln zu versorgen, auch Lieferdienste dürfen arbeiten. In vielen Fällen aber hat dies nicht funktioniert.

Langes Warten in der Kälte

Vor einigen Tagen brach in manchen Gegenden außerdem das Testsystem zusammen, das die Ergebnisse mit einem Identitätsnachweis verbindet. Infolge dieser Panne mussten sich tausende Bewohner und Bewohnerinnen der Stadt stundenlang in der Kälte anstellen, damit ihre Nummern der Personalausweise mit der Hand nachgetragen werden konnten.

Eine Betroffene erzählt, dass trotz der Schikane die Angst überwog, dass irgendwo ein Positivfall auftauchen würde. In diesem Fall nämlich müssen sich ganze Stadtgemeinden für zwei Wochen in ein Quarantänelager begeben.

Die Stadtverwaltung hat deswegen insgesamt 387 Quarantänelager errichtet, um darin 40.000 Menschen für zwei Wochen festzusetzen. Nur wenig ist über die Zustände dort bekannt.

Allerdings wird befürchtet, dass die zuständigen Behörden die Probleme "auslagern". Nach Vorschrift kann die Stadt die Maßnahmen nur dann aufheben, wenn innerhalb einer Gemeinde die Fälle auf null gefallen sind. In den vergangenen Tagen aber wurden nur Positivfälle unter denjenigen Bürgern gemeldet, die bereits in Lagern sind.

Weniger schwere Fälle

China hat eine Impfquote von über 80 Prozent. Allerdings schützen die Impfstoffe weder vor Übertragung noch vor Erkrankung. Dass die Omikron-Variante im Vergleich zu früheren Varianten des neuen Coronavirus in selteneren Fällen einen schweren Verlauf einschlägt, ändert nichts an der strikten Zero-Covid-Politik der Regierung.

Die Anzeichen dafür, dass sich die kommunistische Partei mit ihrer Strategie in eine Sackgasse manövriert hat, aus der sie nur schwer wieder gesichtswahrend herauskommen kann, mehren sich.

In den vergangenen zwei Jahren erzeugten die staatlichen Medien einerseits große Angst vor der Atemwegserkrankung: Sie verwiesen auf das Chaos und die hohen Infektionszahlen im Westen und lobten gleichzeitig die strikte Zero-Covid-Strategie der kommunistischen Partei. Als im Sommer erste Wissenschafter vorschlugen, eher auf eine Strategie der Endemie zu setzen, sprich: mit dem Virus zu leben, wurden sie scharf attackiert.

Drohende Lockdowns

Weitere Lockdowns in anderen Städten dürften bald folgen: Die benachbarte Provinz Henan gilt als besonders gefährdet, und auch Hongkong hat gerade wieder strenge Maßnahmen wegen der steigenden Zahl von Omikron-Fällen erlassen.

Auch in Ningbo, einer Küstenstadt mit einem der größten Containerhäfen der Welt, wurden Fälle vermeldet. In den vergangenen Monaten hatten Lockdowns in wichtigen Containerhäfen in China immer wieder zu Engpässen bei den globalen Lieferketten geführt. Durch vorübergehende Stilllegungen dürften solche Probleme schon bald wieder weltweit spürbar werden. (Philipp Mattheis aus Schanghai, 6.1.2022)