Das Dorf Kosawa gibt es nicht. Aber es hat eine große Geschichte. Die Schriftstellerin Imbolo Mbue hat sie aufgeschrieben, man kann sie nachlesen in dem kürzlich erschienenen Roman Wie schön wir waren. In Kosawa lebten die Menschen noch vor wenigen Jahren so, wie man sich ein vorkoloniales Afrika vorstellen könnte: Die Männer gingen auf die Jagd, die Frauen bereiteten herrliche Speisen zu, der Große Geist wachte über allen.

Kosawa war eine Art Paradies, allerdings haben Paradiese es an sich, dass sie verlorengehen. In diesem Fall kommt das Unheil durch eine Firma namens Pexton. Sie beginnt in der Gegend von Kosawa – aus der Biografie der Autorin können wir schließen: ein Ort im westlichen Kamerun, im erweiterten Einzugsgebiet des Nigerdeltas – Öl zu fördern. Für den Transport des Rohstoffs werden Pipelines verlegt, die Rohre erweisen sich als löchrig, das Öl sickert in die Böden und vergiftet die Brunnen. In Kosawa beginnen die Kinder zu sterben. Und eines Tages regt sich Widerstand.

In einer Schlüsselszene des Romans (siehe auch die Rezension auf Seite A 5) treffen ein paar Sprecher der Gemeinschaft von Kosawa in der Hauptstadt auf einen Journalisten, der verspricht, einen Bericht für seine Zeitung in Amerika zu schreiben. Sie machen zum ersten Mal die Erfahrung, dass sich jenseits ihrer kleinen Welt jemand für sie interessieren könnte. "Wir werden keine Unbekannten mehr sein. Wir werden zu erkennen sein. Wir werden Namen haben."

Paradies und Vertreibung

Imbolo Mbue steht in dieser Szene auf beiden Seiten. Sie ist in Kamerun aufgewachsen, heute lebt sie in New York. Sie kann sich in die Delegation aus Kosawa hineindenken, die nervös auf den Journalisten mit den langen Haaren trifft, von dem sie zuerst einmal nicht so recht weiß, ob sie ihn als Mann oder als Frau sehen soll. Mbue kennt aber auch längst von innen die Logiken, nach denen die Medien im Westen ihre Aufmerksamkeit verteilen.

Kosawa ist in ihrem Roman deswegen mehr als nur eine Geschichte. Kosawa ist ein Modellfall, der es ihr erlaubt, zumindest literarisch auf die Seite derer zu treten, über die sonst immer geschrieben wird. In Wie schön wir waren sprechen die Kinder des Dorfes, manchmal sogar im Plural, es spricht einer der Männer. Imbolo Mbue bemüht sich um einen Tonfall, der das Paradies und die Vertreibung zugleich einfängt.

Eine Art zweite Versklavung des Südens durch Raubbau an Natur und Ressourcen? Kinder spazieren in Warri, Nigeria, auf einer Ölpipeline.
Foto: AP / George Osodi

Der Roman erscheint im deutschsprachigen Raum in einem Moment, in dem eine der wichtigsten Debatten der vergangenen Jahre mehr durch Erschöpfung als durch Klärung verstummt ist. Sie wurde 2021 vor allem durch eine Intervention des Historikers A. Dirk Moses ausgelöst: Er warf Deutschland vor, es hätte seine Vergangenheitsbewältigung zu einem "Katechismus" ritualisiert. Auschwitz und der Holocaust sind darin zu einem unverrückbaren Zentrum der Schuld geworden, die Solidarität mit dem Staat Israel wird daraus auf eine Weise begründet, dass sie keine politische Diskussion mehr erlaubt.

Kolonialer Genozid

A. Dirk Moses hingegen sprach sich dafür aus, den Massenmord an den europäischen Juden in einen größeren Kontext zu stellen und ihn als einen "kolonialen Genozid" zu verstehen. Er beförderte damit eine Diskussion, die schon seit längerer Zeit im Gang ist und in der es um das Verhältnis des Menschheitsverbrechens an den Juden (schon dieser häufig gebrauchte Begriff wird dadurch deutungsbedürftig) zu den historischen Verbrechen vor allem westlicher Nationen in ihrer kolonialen Machtausübung geht.

Der Holocaust wird häufig als "singulär" bezeichnet, als ein Ereignis, das sich nicht mit anderen Verbrechen vergleichen lässt. Dagegen findet der Historiker Jürgen Zimmerer, dass Auschwitz in eine "Globalgeschichte der Massengewalt" gestellt werden muss. Und der Literaturwissenschafter Michael Rothberg plädiert in einem einflussreichen Buch über Multidirektionale Erinnerung, das im Vorjahr auch auf Deutsch erschien, dafür, dass Erinnerungen an Opfererfahrungen nicht in Konkurrenz zueinander stehen müssen. Er beschreibt aber auch, dass der Holocaust in der deutschen Geschichtspolitik sehr wohl den Blick auf andere Gräuel verstellt: zum Beispiel auf Massaker im kolonialen Namibia, wo Deutsche brutal gegen das Volk der Herero vorgingen.

Rothberg entlehnt dabei aus der Psychoanalyse von Freud den Begriff der Deckerinnerung: Der Holocaust wäre – entsprechend psychischen Mustern bei Individuen – für Deutschland leichter zu verarbeiten als dessen Rolle im Kolonialismus. Die vielfach als erfolgreich betrachtete Vergangenheitsbewältigung wäre geradezu eine Erleichterung gegenüber Bereichen der Geschichte, die unverarbeitet und uneingestanden bleiben.

Das ist ein etwas anderer Akzent als bei Moses, dem es vor allem darum geht, eine umfassende Kategorie zu gewinnen, in die er auch den Holocaust einordnen kann: Genozid ist der Schlüsselbegriff, sein Buch Empire, Colony, Genocide (2009) ist dafür nach wie vor maßgeblich. Für den Holocaust kommt Moses zu einer ziemlich abenteuerlichen Deutung: Er versteht die Politik der Judenvernichtung als einen "subalternen Genozid", also im Grunde als einen Aufstand eines unterdrückten Volkes. Tatsächlich fühlten sich die Deutschen in seiner Logik selbst kolonisiert, und zwar durch die Juden.

Mit dieser Deutung kommt Moses in die Nähe der verpönten Thesen des Historikers Ernst Nolte, der in den 1980er-Jahren davon sprach, der "Rassenmord" der Nationalsozialisten wäre vor allem als Reaktion auf die Russische Revolution zu verstehen, der Zweite Weltkrieg war in dieser Logik ein europäischer Bürgerkrieg. Aus den teils heftigen Reaktionen auf Nolte erwuchs der Historikerstreit von 1986/87, der nun eine Neuauflage oder Fortführung mit deutlich verändertem Akzent erlebt. Die Studie Decolonizing Auschwitz? von Steffen Klävers bietet dazu einen guten Überblick.

Inzwischen ist eine Perspektive unabweisbar geworden, die Europa in einen größeren Kontext stellt. Die meisten Länder des Globalen Südens wurden im 20. Jahrhundert unabhängig, nun aber geht es erst so richtig um die Aufarbeitung des epochalen Verbrechens der europäischen Kolonialherrschaften. Der ganze Reichtum des Westens und auch seine politische Kultur mit Demokratie und Menschenrechten sehen sich dem Vorwurf ausgesetzt, dass er auf Ausbeutung, Versklavung und Völkermord beruht.

Die Debatte, wie man den Holocaust in diesem größeren Szenario verorten soll, ist zu einer Debatte über die Ansprüche der europäischen Neuordnung nach 1945 und 1989 im Vergleich zu den Realitäten der kolonialen Expansion geworden. Ob Deutschland 1941 gegen Russland auch einen Kolonialkrieg führte, ist dann ein Aspekt in einem größeren Zusammenhang, der von der Vernichtung der indigenen Bevölkerungen in Amerika bis zur Apartheid in Südafrika reicht.

Kompliziert wird die ganze Angelegenheit erst recht dadurch, dass der Staat Israel inzwischen gerade von vielen postkolonialen Intellektuellen als "siedlerkolonialistisch" begriffen wird – Palästina wird geradezu zu einem Nukleus der kolonialen Konstellation. Damit gerät die deutsche Vergangenheitsbewältigung mit ihrer Staatsräson der Unterstützung Israels in den Verdacht, sich quasi ein weiteres Mal auf die falsche Seite einer verbrecherischen Politik zu stellen, und zwar aus den anständigsten, aber eben auch einseitigsten Motiven.

"Inhumane Geografie": Jugendlicher auf einer der großen Elektromülldeponien Afrikas in Ghana.
Thomas Imo / photothek.net via imago-images.de

Streit um Deutungen

In diesem komplexen Streit der Deutungen taucht nun aber ein Motiv auf, das alles noch einmal ganz neu gewichten müsste. Denn der Westen hat sich ja nicht nur durch Gewalt gegen Menschen schuldig gemacht. Der Aufstieg des Kapitalismus war auch begleitet von Zerstörung der Natur. Das Bewusstsein dafür ist historisch relativ jung, ein ausgeprägteres Umweltbewusstsein entwickelte sich bezeichnenderweise in den Wohlstandsgesellschaften seit den 1960er-Jahren. Inzwischen aber ist es allgemein geläufig, dass die Veränderungen in der Atmosphäre des Planeten nicht bloß "von Menschen verursacht" wurden, wie es immer wieder neutral heißt, sondern vor allem von Bewohnern der reichen Staaten in Europa und Nordamerika. Die Gefährdung des Klimas wird nun auch als ein Kolonialverbrechen erkennbar: Wir leben nicht einfach in einem Anthropozän, also in einem Erdzeitalter, in dem der Mensch der bestimmende Faktor ist. Wir leben in einem Kapitalozän, in einer Welt, in der Kapitalinteressen den Planeten verwüsten.

Zu globalhistorischen Perspektiven auf die Moderne treten nun auch die einer kritischen Geologie. Besonders prägnant sind die Thesen von Kathryn Yusoff, einer Professorin für "inhumane Geografie" in London. Sie veröffentlichte vor drei Jahren ein Buch mit dem Titel A Billion Black Anthropocenes or None. Ihre These lautet zugespitzt: In der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen durch die reichen Länder waren nicht nur die Rohstoffe "schwarz" wie das Öl, auch große Teile der Menschheit wurden darin rassistisch zu schwarzer Materie abgewertet, zu einem inhumanen Gut.

In diesem Prozess beschreibt Yusoff drei entscheidende Phasen: Den ersten "Austausch" gab es in der Begegnung Europas mit dem "kolumbianischen" Amerika (mit den Entdeckungen durch Christoph Kolumbus), es folgte die Industrialisierung nach 1800 und schließlich die "große Beschleunigung" nach dem Zweiten Weltkrieg, die Jahre der Wirtschaftswunder in Europa, aber auch in Südostasien, die Zeit der Atombombenversuche in der Südsee.

Externalisierungsgesellschaft

In Deutschland kam am ehesten der Soziologe Stephan Lessenich mit seinem Begriff der Externalisierungsgesellschaft auf eine mit Yusoff vergleichbare Spur: Wir leben in Europa davon, dass wir die Probleme auslagern (zum Beispiel den Elektroschrott nach Ghana), während wir die Profite (zum Beispiel aus der gigantischen Korruption in Angola) anziehen. Das schwarze Anthropozän, das Yusoff heraufbeschwört, muss sich dagegen wehren, dass der rassistische Kolonialismus ungebrochen weitergeht: Nigeria wird von Shell versklavt, im Kongo führen regionale Milizen Stellvertreterkriege für Konzerne aus aller Welt, Frankreich betreibt Außenpolitik für seine staatsnahe Wirtschaft, China legt sich Afrika strategisch zurecht.

Die Emissionsbilanzen der Länder sind allesamt zuerst einmal auch Ausbeutungsbilanzen. Die Schadstoffe, die in die Atmosphäre eingetragen werden, müssen vorher aus der Erde geholt werden, oft unterstützt von Waffengewalt. Mit Kohle und Öl wurde in der Industrialisierung eine ursprüngliche Akkumulation groß, für die das Silber in Lateinamerika eine Vorstufe war. In dieser Perspektive treten zu Gedenkorten wie Auschwitz oder der Insel Gorée im Senegal (einem der größten Umschlagplätze für versklavte Menschen aus Afrika) auch die Silberminen von Potosí in Bolivien oder die kanadischen Teersand-Schürfstätten, die allesamt auch für Menschheitsverbrechen stehen.

Der Fernsehfilm Ökozid von Andres Veiel versuchte im Vorjahr, genau diese regelbasierte Ordnung, mit der Europa sich als Norm der Globalgesellschaft setzt, zu einer Form der Auseinandersetzung um die Ansprüche auf Zukunft zu machen. Die europäischen Ideale, mit denen ja auch häufig eine wertegeleitete Außenpolitik begründet wird, stehen nun aber doppelt infrage: durch die Kolonialverbrechen der Neuzeit, die jeden moralischen Anspruch diskreditiert haben, und durch geokoloniale Praktiken, die aus dem Emissionseintrag des Westens eine Art zweiter Versklavung des Südens werden lässt. Kein Wunder, dass es vor diesem Hintergrund inzwischen auch Befürchtungen gibt, die menschliche Zivilisation würde angesichts der klimapolitischen Herausforderungen zu keinem Übereinkommen finden. Stattdessen könnte sich ein "fossiler Faschismus" entwickeln, eine weiße Reaktion auf den drohenden Verlust von Klimaprivilegien. Dieses Szenario, das in dem Buch White Skin, Black Fuel von Andreas Malm und dem Clara Zetkin Collective skizziert wird, denkt die bereits erkennbaren, nationalistischen Polarisierungen so weiter, dass daraus eine neue koloniale Konstellation erwachsen könnte: Reiche Staaten unterdrücken arme, damit ihre SUV-Fahrer weiter kräftig stinken können. So könnte man die Befürchtungen des Clara Zetkin Collektive ins Ökopopulistische zuspitzen.

Die Globalgeschichte der Massengewalt hat jedenfalls längst eine "inhumane" Dimension bekommen: Sie betrifft Menschen mit naturhistorischer Wucht und lässt dabei doch die Machtverhältnisse deutlicher denn je erkennen, die in der Geopolitik heute herrschen. Die Geschichte von Imbolo Mbue antwortet darauf mit den Mitteln der Literatur: Wie schön wir waren modelliert einen Akt des Widerstands so, dass er mythologisch und identitätspolitisch bedeutsam wird.

Das Buch ist auf seine Weise auch multidirektional: Es macht indigene Stimmen vernehmbar in einem Format, das den Bedürfnissen großer westlicher Publikumsverlage bestens entspricht, und sorgt für eine Korrektur in den vielfachen "Gedächtniskonkurrenzen". Im Bereich der symbolischen Politik ist damit schon sehr viel gewonnen. Im Bereich der harten Politik, der internationalen Klimadiplomatie, wurden die historischen Aspekte des Anthropozäns allerdings so gut wie möglich vermieden.

In Glasgow gab es neuerlich nur Ansätze zu einer kolonialhistorischen Verrechnung der Herausforderungen. Dabei legt die Klimakrise als planetarisches Ereignis doch eigentlich das Format der Antwort fest: Sie muss auch global sein und damit auf eine Weise postkolonial, die aufgelaufene Schuld nicht ausklammert.

Rohstoffpolitik

Die Umrisse einer weltweit arbeitsteiligen Energie- und Rohstoffpolitik sind im Wesentlichen ausbuchstabiert: Der Süden hat enorme Potenziale für eine grüne Energiegewinnung. Es käme nun nur darauf an, Investitionen so zu tätigen, dass sie nicht erst recht wieder – wie im Ölzeitalter – die Unrechtsverhältnisse zementieren. Die derzeit oft beschworene Wasserstoff-Wirtschaft böte Szenarien zur Genüge, die auf einen neuen, globalen Marshallplan hinauslaufen könnten. Investitionen wären dabei immer auch Reparationszahlungen – und müssten auch die Renditehoffnungen entsprechend umgestalten. Der Profit dürfte nicht wieder nach kolonialen Mustern verteilt werden.

Leider sind entsprechende Szenarien zu groß gedacht für Regierungen wie die deutsche Ampel oder den französischen Präsidenten, die weiterhin auf altertümliche Standortpolitik setzen. Von geschichtspolitischen Debatten wird sich die Klimadiplomatie kaum leiten lassen. Dabei liegt hier der Schlüssel zu einem grünen Planeten, auf dem die eine Menschheit die Bedingungen eines neuen Universalismus lernen könnte. (ALBUM, Bert Rebhandl, 8.1.2022)