Ganz in Rot erschien Herzogin Kate zur Weihnachtsmesse in Westminster Abbey.

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Rauschende Partys soll es nicht geben, schon gar nicht unter Beteiligung der britischen Öffentlichkeit. Das mag ein wenig an der Jahreszeit liegen, ein wenig am Anlass, schließlich ist ein 40. Geburtstag weniger markant als die Volljährigkeit mit 18 oder das halbe Jahrhundert mit 50.

Ganz gewiss hat die Zurückhaltung mit der Jubilarin selbst zu tun, die am Sonntag diesen Meilenstein erreicht: Herzogin Catherine von Cambridge tritt – jedenfalls öffentlich – nicht in Konkurrenz mit den großen Egos der Königsfamilie, in die sie vor elf Jahren als Kate Middleton eingeheiratet hat. Vielleicht gerade deshalb ist ihre Bedeutung in den vergangenen Jahren stetig gewachsen. Sollte sich die vielbeschäftigte Mutter dreier kleiner Kinder zwischen drei und acht Jahren am Sonntag einen Moment der Kontemplation über das bisher Erreichte erlauben, dürfte ihre Lebensbilanz positiv ausfallen.

Fragiles Gleichgewicht

Eine wichtige konstitutionelle Rolle spielt Catherine schon allein als die Gattin von Prinz William, dem Zweiten der Thronfolge, und als Mutter der Nummern drei, vier und fünf, George, Charlotte und Louis. Das vergangene schwierige Jahr für die Monarchie hat aber auch verdeutlicht, wie wichtig die Frau aus gutbürgerlichem englischem Elternhaus für das stets fragile psychologische Gleichgewicht der Windsors und für deren Ansehen bei ihrem Arbeitgeber, dem britischen Wahlvolk, ist.

Mit unschöner Regelmäßigkeit dominiert der mit Sexualverbrechern befreundete Prinz Andrew die Schlagzeilen, und kaum eine Woche vergeht ohne neue Verlautbarungen des kalifornischen Hippie-Prinzen Harry. Hingegen verkörpert die meist schweigende, dafür aber strahlend lächelnde Herzogin Kate nicht nur Stabilität, sondern auch, so hat es der königstreue "Telegraph" beobachtet, eine "positive Einstellung zum Leben" – beides Eigenschaften, die im Bewusstsein der Briten eher mit Queen Elizabeth II in Verbindung gebracht werden als mit der Generation des grüblerischen Thronfolgers Charles oder dessen miteinander zerstrittenen Söhnen William und Harry.

Wütender Ehemann

Der spektakuläre "Megxit" von Harry und seiner Frau Meghan hat das Königshaus erschüttert. Harrys anschließende Bemerkungen, Vater und Bruder seien in einer "rassistischen" und zu Mobbing neigenden Institution "gefangen", versetzten vor allem William so in Rage, dass er befreundete Medien seine Abscheu wissen ließ. War das klug? Die stets höflich schweigende Catherine dürfte diese Frage mit Nein beantwortet haben.

Jedenfalls gelang ihr nach der Trauerfeier für den 99-jährig verstorbenen Prinzgemahl Philip im vergangenen April ein diplomatisches Meisterstück. Hatten sich die beiden Enkel des Verstorbenen bis dahin demonstrativ voneinander ferngehalten, so verwickelte die charmante Herzogin nach dem Kirchgang zunächst ihren Schwager in höflichen Smalltalk, ehe sie einen Schritt zur Seite trat und dadurch William und Harry ins Gespräch brachte. Dass die Weltöffentlichkeit die Szene live mitverfolgen konnte, ließ Zyniker von einer Inszenierung reden. Ob inszeniert oder spontan – Kate hatte sich als Friedensstifterin profiliert.

Fünfzehn Jahre ist es her, seit die 25-jährige Kate Middleton ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit trat. Die begeisterten "royal watchers" hatten natürlich längst die Romanze in der schottischen Universitätsstadt St. Andrews registriert, wo sich William und Kate beim Studium der Kunstgeschichte über den Weg gelaufen waren. Doch erstmals um die Jahreswende 2006/07 war von Heiratsplänen die Rede, was umgehend die Paparazzi auf den Plan rief.

Lektion in Demut

So sah sich Middleton an ihrem 25. Geburtstag nicht mit brennenden Kerzen, sondern mit einem Blitzlichtgewitter konfrontiert. Durch die tägliche Beobachtung der damals als Nachwuchseinkäuferin einer Modekette arbeitenden jungen Frau erhielt die Nation auch Kunde von einer Szene, die viele Autobesitzer weltweit in Rage versetzt hätte: Weil die örtliche Bezirksverwaltung von Chelsea über Nacht die Parkregeln geändert hatte, sah sich Middleton mit einem Strafzettel über 100 Pfund konfrontiert. Statt zu fluchen, schenkte die junge Dame dem Parkwächter ein gequältes Lächeln und beeindruckte die Briten schon damals mit ihrer Gelassenheit und Selbstbeherrschung.

Dabei blieb es auch in den darauffolgenden Jahren, als die ersehnte Hochzeit so lang auf sich warten ließ, dass die Boulevardblätter reichlich uncharmant von "Waity Katie" schrieben. "Abwarten und Tee trinken", mag diese gedacht haben. Im April 2011 wurde der Traum von der Märchenhochzeit des Prinzen mit der Bürgerlichen wahr.

Pflicht und Kür

Seither hat das Paar einige Umzüge –zuletzt in die 21 Zimmer von Apartment IA im Londoner Kensington-Palast – absolviert, auch den einen oder anderen Ehestreit gehabt – so jedenfalls legten es vorsichtige Medienberichte über eine allzu nahe Freundschaft des Prinzen mit einer Markgräfin nahe. Drei gemeinsame Kinder, inzwischen acht, sechs und drei Jahre alt, hat Catherine bekommen und damit ihre dynastische Pflicht übererfüllt. Die Spekulationen über ein viertes Baby dürften anlässlich des 40. Geburtstags abnehmen, schließlich bleibt auch eine Herzogin nicht von abnehmender Fertilität verschont.

Wenn nur auch die Medien gelegentlich ein wenig Zurückhaltung an den Tag legen würden! Die für ihre übergroße Härte bekannten Londoner Boulevardzeitungen, hat der frühere "Sun"-Chefredakteur David Yelland kürzlich philosophiert, repräsentierten "einen Aspekt des britischen Volkes, den wir nicht sonderlich gut finden mögen" – den es, so die unausgesprochene Folgerung, aber nun einmal gebe. Und das keineswegs nur im britischen Volk, wie man hinzufügen mag.

Strafe für indiskrete Fotos

Schließlich war es die französische Ausgabe des Promi-Magazins "Closer", die im Herbst 2012 auf der Titelseite Oben-ohne-Fotos der Herzogin veröffentlichte. Diesen Frevel gestatteten sich weder die britische Schwestergazette gleichen Namens noch die einstigen Millionenblätter "Sun" und "Mirror", die doch in den 1990er-Jahren den Rosenkrieg zwischen Williams Eltern Charles und Diana durch immer neue sensationelle Enthüllungen geschürt hatten. Diesmal blieb auf der Insel alles ruhig. In Frankreich nutzte die Königsfamilie die dort geltenden harten Pressegesetze, die "Closer"- Verantwortlichen wurden zu hohen Geldstrafen und Schadensersatz verurteilt.

Dies ist die einzige bekannte Klage, bei der vom Königshaus Kates Privatsphäre verteidigt wurde. Die Herzogin selbst schützt sich und ihre Kinder auf konstruktivere und gewitztere Weise: Als begeisterte Hobbyfotografin liefert sie den Medien gelegentlich freiwillig hübsche Schnappschüsse ihrer jungen Familie. Den lauernden Paparazzi wird dadurch das Wasser abgegraben – gewiss auch bei der Familienfeier zum 40. Geburtstag. (Sebastian Borger aus London, 9.1.2022)