KAUNAS

Kaunas liegt am Zusammenfluss der Ströme Memel und Neris im Zentrum Litauens.
Foto: Andrius Aleksandravicius

Der erste Eindruck, den man von Kaunas gewinnt, kann gehörig täuschen. Denn die zweitgrößte Stadt Litauens hinter der Kapitale Vilnius hat mindestens drei Gesichter zu bieten, die sich erst nach und nach zeigen.

Da ist die Altstadt am Zusammenfluss der Ströme Memel und Neris, mit ihren Backsteinbauten und Kirchen verschiedener Konfessionen, mit der mittelalterlichen Burg und dem beeindruckenden Kloster Pazaislis. Da ist die Stadt aus jüngerer Zeit, mit dem Plattenbau sowjetischer Prägung und einem nicht zu leugnenden Verkehrsproblem, das man nach und nach in Richtung Fahrrad und Öffi lösen will.

Und da ist das Kaunas aus der Zwischenkriegszeit, einer goldenen Ära, in der über 6000 Häuser im modernistischen Stil, auch bekannt als Bauhaus oder International Style, entstanden. Viele der Hausbesitzer waren Juden, die im Holocaust enteignet, deportiert und ermordet wurden. Ihrer Restitutionsverantwortung ist die Stadt mittlerweile nachgekommen, einige der Häuser strahlen wieder in frischem Glanz, aber nicht für jedes Bauwerk finden sich Erben oder Investoren.

Modernistische Architektur hat Kaunas in der Zwischenkriegszeit geprägt.
Foto: Martynas Plepys

Überall Zeitgeschichte

Zeitgeschichte ist in dieser Stadt an jeder Ecke präsent. In Kaunas verdichten sich alle Höhen und Tiefen Litauens zu einem Gesamtbild: Jahrhundertelang musste man sich im Verbund mit Polen gegen Expansionsbestrebungen deutscher und russischer Machthaber wehren. 1795 ging Litauen im russischen Zarenreich auf, 1918 erklärte man sich unabhängig, 1920 wurde Kaunas Hauptstadt, weil das polnischsprachige Vilnius von Polen besetzt war. 1940 rückte die Sowjetarmee ein, 1941 die deutsche Wehrmacht, 1944 erneut die Sowjets. Und sie blieben, bis zum Zerfall der UdSSR und zur Unabhängigkeit 1990.

Ein Ort, an dem die ganze Geschichte zusammenkommt, ist die etwas außerhalb der Stadt liegende Gedenkstätte IX fortas. 1902 im Zarenreich als Militärfort errichtet, diente die riesige Anlage den Sowjets und Nazis als Internierungslager, Letztere verübten dort den Holocaust an 50.000 jüdischen Menschen aus ganz Europa. Eine Führung durch die Anlage klärt auch über die litauische Kollaboration auf: 2000 Menschen, heißt es, hätten mit den Nazis paktiert, mindestens ebenso viele hätten aber auch Verfolgten geholfen, Juden versteckt und Fluchtwege organisiert.

Die erdrückende Last der Geschichte will Kaunas im Jahr 2022 aber auch ein Stück weit ablegen. Seit 2004 sind die baltischen Staaten EU-Mitglieder, 2009 trug Vilnius gemeinsam mit Linz den Kulturhauptstadttitel – mit Letzterem ist Kaunas durchaus vergleichbar: "Es ist eine sogenannte ‚second city‘", sagt der Journalist und Schriftsteller Rytis Zemkauskas – ein Befund, der auch auf die Mitausrichter Esch und Novi Sad zutrifft, die ebenfalls im Schatten einer Hauptstadt stehen. Abwanderung – ein Pro blem in Litauen – soll gestoppt werden, man will Jobs schaffen und (kulturelle) Infrastruktur erneuern. Dazu sei das Kulturhauptstadtprogramm heute da, sagt Zemkauskas.

40.000 Studierende

Die Voraussetzungen hat Kaunas: Auf sieben Unis studieren 40.000 Studierende – bei 315.000 Einwohnern. Gerade im IT-Bereich sind Litauer weltweit gefragt. Viele gehen ins Ausland, Nordamerika, Skandinavien, aber immer mehr kämen auch zurück, meint Zemkauskas, der überzeugt ist: "Eine gute Atmosphäre in einer Stadt ist den Jungen heute wichtiger, als viel Geld zu machen."

"From temporary to contemporary", lautet das Motto von Kaunas 2022 – eine Anspielung auf die glückliche Zeit 1920–1940, als man unabhängig und temporäre Hauptstadt war, und es ist eine Vision, wo man hinwill: zeitgenössisch sein, den Pulsschlag der Stadt erhöhen. Mehr als 40 Festivals, 60 Ausstellungen und 500 Veranstaltungen sollen das Jahr über stattfinden. 26 Millionen Euro stehen dafür bereit, 1,5 Millionen schießt die EU zu.

Das frisch sanierte Ciurlionis-Museum, benannt nach Litauens großem symbolistischem Maler und Komponisten Mikalojus Konstantinas Ciurlionis.
Foto: Kaunas 2022

Brillieren wird vor allem das generalsanierte Ciurlionis-Museum, benannt nach Litauens großem symbolistischem Maler und Komponisten Mikalojus Konstantinas Ciurlionis. Sehenswert ist auch die volkskundliche Holzschnitzereiensammlung, in der sich Litauen, das als letzte Region Europas christianisiert wurde, ein Stück Heidentum bewahrte.

Yoko Ono wird mit einer Ausstellung daran erinnern, dass der Fluxus-Gründer George Maciunas in Kaunas geboren wurde. Auch Stars wie Marina Abramović, William Kentridge und Robert Wilson kommen in die Stadt. "Große Namen sind gut", sagt Rytis Zemkauskas, "aber noch wichtiger ist, dass es ein Projekt für die lokale Bevölkerung wird." (Stefan Weiss aus Kaunas)

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NOVI SAD

Stadtansicht von Novi Sad in Serbien.
Foto: Getty

In kaum einer anderen Stadt wirkt der Himmel über der Donau so weit, wohl weil das Land so flach ist. Im Süden von Novi Sad liegt das "chinesische Viertel". In einer aufgelassenen Fabrik ist dort schon seit vielen Jahren das studentische Kulturzentrum beheimatet. Das Areal wurde für das Jahr der Kulturhauptstadt nun komplett renoviert. Hier stehen somit nachhaltig Hallen für Festivals, aber auch Räume für künstlerisches Schaffen zur Verfügung.

Das Programm der Kulturhauptstadt umfasst acht große Blöcke, die sich über das Jahr 2022 ziehen, aber zuweilen doch so wirken, als seien sie im Nachhinein den Veranstaltungen aufgebrummt worden. Dazu gehören große Themen wie "Die Zukunft Europas" oder "interkultu relle Identität", was dem Umstand Rechnung zollen soll, dass sich Novi Sad in der Vojvodina befindet, einer Region, die nicht zum Osmanischen Reich gehörte, sondern zu Österreich-Ungarn, und wo es – früher einmal natürlich noch viel mehr – verschiedene Sprachen und Religionen gibt.

Kooperation mit Österreich

Novi Sad war und ist eine vergleichsweise offene Stadt in Serbien, dennoch wird angesichts der dominanten nationalistischen Narrative auch hier offensichtlich, dass es keine nennenswerte Opposition mehr gibt und das Regime unter Präsident Aleksandar Vučić auch in den Nischen des Kulturbetriebs Präsenz sucht. Novi Sad versucht aber immer wieder den Brückenschlag, eine gemeinsame Ausstellung wird es etwa mit der Kulturhauptstadt des Folgejahres, dem nur 150 Kilometer entfernt liegenden Timișoara (Rumänien) geben. Und alle neun Beethoven-Sinfonien werden mit Orchestern aus Belgrad und Dortmund Ende Juni aufgeführt.

Ein weiterer Publikumsmagnet wird sicherlich die erstmalige Ausstellung der Gemälde-Auswahl von Titos Frau, der verstorbenen Jovanka Broz, die eigentlich dem Staat gehören. Schon jetzt wird viel über den Kunst-Geschmack der Frau Broz gemunkelt, der im Rahmen des "Heldinnen"-Schwerpunkts (Mai bis Juni) erstmals offenbar wird. Eine Multi-Media-Show ist in der Zeit auch der ersten Ehefrau von Albert Einstein, der aus der Vojvodina stammenden, Mileva Marić gewidmet.

In der Matica Srpska sind zur Zeit Exponate zum Symbolismus im Europäischen Kontext (Leben und Tod – Eros und Thanatos) zu sehen, liebevoll und durchdacht zusammengestellt, mit einigen Beispielen aus dem Wiener Belvedere (etwa der "Sünde" von Franz von Stuck), aber auch Ölgemälden des jungen serbischen Künstlers Ratko Stefanović, die durch ihren Witz und ihre Präzision bestechen. Da hält etwa ein etwas gezierter Hipster-Prometheus, auf seiner Hand den Adler sitzend, dem Tier eine Leber zur Fütterung hin, die zerbrochene Kette bedeckt seine Lenden. Stefanović`s Amor hat sich eine Reihe fleischig-blutiger Herzen, aufgereiht auf einer Schnur, um die Brust gebunden.

Ausstellung zum Thema Eros und Thanatos.
Foto: Adelheid Wölfl

Die Matica Srpska wurde 1846 in Budapest gegründet,1864 nach Novi Sad transferiert und umfasst Kunst aus sechs Jahrhunderten. Die Galerie ist neben dem Nationalmuseum in Belgrad die älteste kulturelle Institution Serbiens und in Novi Sad neben dem Museum für Zeitgenössische Kunst sicher die Sehenswerteste.

Die Galerie hat für das Kulturhauptstadtjahr 40 Stadtbewohner ausgesucht, die wiederum jeweils ein Kunstwerk der Galerie auswählten, mit dem sie sich identifizieren können. In kurzen Texten erklären sie weshalb. Und so streift man nicht nur durch eine Gemälde-Schau, sondern auch durch die Gedanken der Bürger.

Vergleichbar mit Graz

Kommt man in die Stadt mit etwa 300.000 Einwohnern, so erinnern die zart gefärbten Häuserfronten, der Hauptplatz, gerade auch das Rathaus, stark an Graz. Die Fensternischen, von denen aus, man das Treiben in den Straßen betrachten kann, heißen hier "Kiebitze". Doch nicht nur die gemeinsame Geschichte, auch die zahlreichen persönlichen Verbindungen der hiesigen Kunstszene, zeigen nach Österreich.

Der in Graz lebende Igor Friedrich Petković arbeitet etwa hier mit Künstlern aus Slowenien, Kroatien und Serbien zum Thema der "Ausgelöschten", also ehemaliger jugoslawischer Staatsbürger, die nach der Unabhängigkeit der Republiken Mühe hatten, gültige Papiere zu beschaffen. Kooperationen gibt es zudem mit dem Burgtheater, aber auch mit der Ars Electronica.

Die Stadt selbst ist ohnedies ein Bühnenbild. Jenseits der Donau erhebt sich die imposante Festung Petrovaradin, die von der langjährigen Militärgrenze zwischen der Monarchie und dem Osmanischen Reich zeugt. Allein die Katakomben unter der riesigen Anlage messen 16 Kilometer Länge. Seit 200 findet hier im Sommer das Elektronik-Musikfestival Exit statt, das die kosmopolitische Seite Serbiens zeigt.

Klassiker der elektronischen Musikszene: Das Exit Festival.
Foto: Reuters

Gedenkkultur

Von der Festung aus, sieht man auf das fruchtbare Land, die Batschka, die im 18. Jahrhundert aktiv besiedelt wurde. Unter Maria Theresia erhielt die wachsende Siedlung wegen der landwirtschaftlichen Aktivitäten den Namen Neoplanta (auf Deutsch Neusatz, auf Serbisch Novi Sad). Im Zweiten Weltkrieg war die Region übrigens von Ungarn besetzt. Im Jänner 1942 wurden hier am Donauufer 1246 Zivilisten erschossen, vor allem Juden und Serben, und ins eisige Wasser gestürzt. Das Denkmal einer solchen Familie des Bildhauers Jovan Soldatović zeugt seit den 1970ern von diesem Massenverbrechen.

So zahlt sich, auch wenn man die zahlreichen Ausstellungen und Konzerte nicht besuchen will, für Geschichtsinteressierte allemal ein Ausflug in die Donaustadt aus, wie auch ein Abstecher nach Fruška Gora, dem nahegelegenen Hügel, wo man herrlich Wein und Schnaps verkosten kann. (Adelheid Wölfl aus Novi Sad)

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ESCH

Panorama von Esch in Luxemburg.
Foto: Media Use

Nirgendwo in Luxemburg treffen Vergangenheit und Zukunft sichtbarer aufeinander als in Esch. Neben längst erkalteten Hochöfen stehen moderne Unigebäude, alte Industriebauten grenzen an schicke Appartementhäuser, und auf den Straßen geht es international zu: 120 Nationen sind in Luxemburgs zweitgrößter Stadt zu Hause. An der großen Vielfalt setzt Esch als Europas Kulturhauptstadt 2022 an – und nimmt unter dem Motto "Remix Culture" gleich eine ganze Region mit.

Rund 160 Projekte mit mehr als 2.000 Events sind es, die die Stadt im Süden Luxemburgs zusammen mit Gemeinden im angrenzenden Frankreich teils grenzüberschreitend plant. "Das ist eine große Chance für Esch und für die ganze Region, zu zeigen, dass wir auch Kultur können", sagt Bürgermeister Georges Mischo, Präsident von Esch2022.

Auch Frankreich beteiligt

Bisher habe es Kulturfans immer in die Hauptstadt Luxemburgs gezogen. Das solle sich nun ändern: "Esch2022 ist für uns ein Sprungbrett." Auf dem Programm stehen Theater, Ausstellungen, Tanz, Performances, Workshops und digitale Kunst – mit verschiedenen Schwerpunkten in den beteiligten Orten: In Luxemburg sind elf Gemeinden, in Frankreich acht Gemeinden mit insgesamt rund 200.000 Einwohnern im Boot.

Von der Stahlstadt zu den neuen Medien: Auf dem Programm steht in Esch viel digitale Kunst.
Foto: Media Use

Thematisch geht es um das, was die Region eint: Eine gemeinsame industrielle Geschichte aus Erz und Stahl, die kulturelle Vielfalt – und Visionen für ein grenzenloses Europa. Durch das "Remixen" in verschiedenen Kategorien (Kunst, Europa, Natur) soll Neues entstehen und – vor allem – die Öffentlichkeit zum Mitmachen bewegt werden.

Die Macher haben Buntes für alle Sinne im Angebot: vom Europäischen Fantastikfestival über kulinarischen "Geschmack der Region", grenzüberschreitendes Theater, Ausstellungen zum industriellen Erbe, moderner Musik bis zum Feuerfestival. Zugleich lädt Esch2022 zur Erkundung der Grenzregion ein, unter deren Grün sich fast überall die Geschichte von Erz, Eisen und Stahl finden lässt. (APA,red)