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Bei einem Drohnenangriff der äthiopischen Luftwaffe in der Tigray-Provinz sind mindestens 56 Zivilisten ums Leben gekommen und 30 verletzt worden. Angehörige humanitärer Organisationen berichteten der Agentur Reuters, dass der Angriff in der Nacht auf Samstag einer Schule in Dedebit im Westen der Bürgerkriegsprovinz gegolten habe, in der mehrere Hundert Vertriebene untergebracht waren – vor allem ältere Menschen und Kinder. Die Verletzten, darunter auch Kinder, seien in das Suhul-Krankenhaus in der Provinzstadt Shire gebracht worden, wo sie Mitarbeitern der Hilfsorganisation von dem Luftangriff berichteten. "Es war stockdunkel, und wir konnten nicht wegrennen", soll der 75-jährige Asefa Gebrehaworia erzählt haben, dessen Freund bei dem Angriff ums Leben kam. Er selbst überlebte mit Verletzungen an Händen und Beinen.

Die humanitären Helfer wollten weder ihren eigenen noch den Namen ihrer Organisation veröffentlicht sehen, weil Hilfswerke von der äthiopischen Regierung bereits wiederholt an ihrer Arbeit gehindert wurden – mit der Begründung, die Volksbefreiungsfront Tigrays (TPLF) zu unterstützen. Am Sonntag teilte das UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (Ocha) mit, dass die Vereinten Nationen ihre Aktivitäten wegen der Bedrohung durch Drohnen aussetzen. Die Zunahme der Luftangriffe in Tigray sei alarmierend. Das UN-Büro appellierte an die Konfliktparteien, "ihre aus dem Völkerrecht resultierenden Verpflichtungen einzuhalten".

Die Regierung in Addis Abeba gab bisher keine Stellungnahme zu dem Vorfall ab, dementierte in der Vergangenheit allerdings immer, zivile Ziele mit Drohnen anzugreifen. Während an der Front zwischen den Regierungstruppen und den Kämpfern der TPLF derzeit kaum Kampfhandlungen gemeldet werden, halten die Drohnenangriffe der äthiopischen Luftwaffe an. Nach Angaben von Hilfsorganisationen sollen dabei seit Mitte Oktober mehr als 200 Zivilisten getötet und fast 250 verletzt worden sein.

Angriff zu Weihnachten

Kurz vor dem Angriff am äthiopischen Weihnachtsfeiertag, dem 7. Jänner, hatte die Regierung noch die Freilassung mehrerer hochrangiger Mitglieder der Opposition bekanntgegeben, darunter auch mehrerer Politiker der TPLF. Sie wolle damit ein "Signal für nationale Einheit und Versöhnung" setzen, teilte das Informationsministerium mit: "Der Schlüssel für dauerhafte Einheit ist Dialog. Dafür wird Äthiopien jedes Opfer bringen."

Bisher hatte sich Premierminister und Friedensnobelpreisträger Abiy Ahmed stets gegen Verhandlungen mit der politischen Führung Tigrays ausgesprochen. Die TPLF-Funktionäre wurden als "Terroristen" bezeichnet, mit denen Gespräche ausgeschlossen seien. Nach den Worten des Äthiopien-Experten der Brüsseler Internationalen Krisengruppe, William Davidson, handelt es sich bei der Freilassung der politischen Gefangenen um das "erste Zeichen" aus Addis Abeba, auf eine Lösung am Verhandlungstisch hinzuarbeiten. Zu den Freigelassenen gehören auch Oppositionsmitglieder anderer ethnischen Gruppierungen, wie der Gründer des "Oromia"-Mediennetzwerks, Jawar Mohammed, und der Journalist Eskender Nega, der dem Volk der Amhara angehört.

US-Beauftragter zu Besuch

Die neuen Töne werden mit einem Besuch des US-Beauftragten für das Horn von Afrika, Jeffrey Feltman, in Zusammenhang gebracht, der am Donnerstag in Addis Abeba eingetroffen war. Dabei habe Premierminister Abiy erstmals "Schritte zur nationalen Versöhnung" skizziert, hieß es in Washington. Einzelheiten wurden bislang nicht bekannt.

Nach einer Serie militärischer Niederlagen hatte die TPLF bereits Ende vergangenen Jahres Gesprächsbereitschaft signalisiert. Ihre Truppen mussten sich inzwischen wieder hinter die Provinzgrenzen zurückziehen, die sie zu einem Großangriff im Oktober überschritten hatten. Kurzzeitig waren die TPLF-Kämpfer bis 200 Kilometer vor die Hauptstadt Addis Abeba vorgedrungen. Dann half offenbar vor allem der Einsatz der Drohnen, über die die TPFL nicht verfügt, der Regierung bei der Rückeroberung.

Eine der Bedingungen der TPLF für Verhandlungen mit der Regierung ist allerdings noch nicht erfüllt. Noch immer ist die Tigray-Provinz von ausländischer Hilfe abgeschnitten. Der letzte Konvoi soll Mitte Dezember in der Krisenregion gelangt sein. Dort sind mehr als sieben Millionen Menschen auf Unterstützung angewiesen. Beobachter beschreiben die Lage in Tigray als verzweifelt. Weite Teile der Provinz sind nach wie vor ohne Strom und Telefonverbindung, Krankenhäuser haben keine Medikamente mehr, die Zahl der Hungertoten wächst. (Johannes Dieterich, 9.1.2022)