Altkanzler Sebastian Kurz arbeitet künftig bei Tech-Investor Peter Thiel in den USA.

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Wäre der ehemalige Bundeskanzler Sebastian Kurz ein Leser, würde ich ihm raten, sich rasch eines der Werke von Ayn Rand zu besorgen. Das würde bei seinem neuen Chef Peter Thiel sicher gut ankommen. Für den lieferte die 1982 verstorbene, US-amerikanisch-russische Autorin nämlich so etwas wie ein Erweckungserlebnis. Bei Partys im Silicon Valley, die Feste bei Martin Ho wie einen Kindergeburtstag aussehen lassen, hätte Kurz auch gleich ein authentisches Smalltalk-Thema.

Rands Philosophie auf den Punkt gebracht, damit Sie keine 1000-Seiten-Wälzer lesen müssen: Egoismus ist die wichtigste Triebkraft des Lebens, Erfindergeist und Tüchtigkeit eine Tugend, selbstloser Einsatz für die Gesellschaft hingegen der Grund allen Übels.

Hyperindividualismus zum Ideal

Ich kann verstehen, warum Rand vor 90 Jahren angesichts der Bedrohung durch den Kommunismus geistigen Hautausschlag bekam; aber musste sie dafür gleich Hyperindividualismus zum Ideal deklarieren? Nun, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hat Rands Werk (nicht nur) in Kalifornien auf jeden Fall ein Eigenleben bekommen. Der libertäre Thiel und eine Vielzahl anderer Milliardäre im Silicon Valley beschreiben Rand als ihren intellektuellen Leuchtturm. Sie – nicht überraschend allesamt Männer – sehen sich mit ihrer Innovationskraft und ihrem Erfindergeist an der Spitze der Evolution. Mit ihrer Technologie, vor allem mit der Verknüpfung künstlicher Intelligenz – eigentlich maschinelles Lernen aus großen Datenmengen – mit neuen Erkenntnissen der Neurowissenschaften und der Verhaltensökonomie, bauen sie nahezu perfekte, digitale "Maschinen".

Dass beim Schaffen vieler dieser neuen "Helden" Profitstreben die alleinige Triebkraft ist, zeigten zuletzt die Enthüllungen von Facebook-Insiderin Frances Haugen. Sie warnte – als Beleg dienten ihr mehr als 10.000 Seiten interner Dokumente des Konzerns –, dass Facebook-Gründer Marc Zuckerberg die Kollateralschäden seiner Plattformen egal sind, solange der Aktienkurs steigt.

Unkontrolliertes Verbreiten von Desinformation

Dabei geht es längst nicht mehr um den Schutz unserer Privatsphäre – den können Sie sowieso vergessen, wenn sie einen der großen Dienste nutzen. Nein, es geht um Manipulation und das unkontrollierte Verbreiten von Desinformation, die bewusst in Kauf genommen werden, um konkret die Verweildauer der Nutzer nach oben zu treiben und damit mehr Werbung zu lukrieren.

Was im Silicon Valley im Gange ist, ist eine technologische Gegenaufklärung, die mit ihrem Egoismus westliche Demokratien unterminiert. Serviert wird das Ganze natürlich mit einem selbstgefälligen Lächeln und der Behauptung, unsere Welt schöner, besser und effizienter machen zu wollen.

Dass Kurz als Rädchen im Uhrwerk eines rechtspopulistischen Tech-Oligarchen mitmacht, passt zu seiner bisherigen Vita. Wir zumindest sollten den egomanischen Heldengeschichten von Thiel, Zuckerberg und Co – inspiriert von Rand – nicht auf den Leim gehen. Es braucht andere Erzählungen von Erfindern und vor allem Erfinderinnen, die in ihrer Arbeit das Gemeinwohl im Auge haben und für die Profit auch ein Mittel zum Zweck und nicht alleiniger Antrieb ist. Und Geschichten über Heldinnen wie Facebook-Insiderin Haugen, die ihre Karriere aufs Spiel setzen, um uns zu warnen. (Philippe Narval, 10.1.2022)