Anfänge als TV-Journalist, Höhepunkt als EU-Politiker: David Sassoli.
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Völlig überraschend ist der Präsident des Europaparlaments, David Sassoli, im Alter von 65 Jahren in der Nacht auf Dienstag verstorben – die Mitteilung machte in den Morgenstunden Roberto Cullio, der Sprecher des italienischen Europapolitikers und ehemaligen Starjournalisten.

Sassoli war bereits seit 26. Dezember in einer onkologischen Spezialklinik in Aviano in der Region Friaul-Julisch Venetien behandelt worden – der Aufenthalt sei unmittelbar nach Weihnachten "wegen einer schweren Komplikation aufgrund einer Funktionsstörung des Immunsystems" erforderlich geworden.

Schon im vergangenen Sommer und Herbst hatte der Sozialdemokrat Parlamentssitzungen wegen hohen Fiebers versäumt, er war zuletzt Medienberichten zufolge auch wegen einer Lungenentzündung medizinisch behandelt worden.

Vom Medienstar zum Top-Politiker

Sassoli wurde der europäischen Öffentlichkeit erst vor wenigen Jahren bekannt, in Italien hingegen gehörte er schon seit Jahrzehnten zu den wohl prominentesten Persönlichkeiten – und zwar als Moderator der Hauptnachrichtensendung "Telegiornale" des öffentlich-rechtlichen Senders Rai. Zusammen mit der Südtirolerin Lilli Gruber galt er ab den 1990er-Jahren als Aushängeschild eines couragierten Journalismus, der der oft von Skandalen und Skandälchen geprägten Politik des Medienunternehmers und mehrfachen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi etwas entgegenzusetzen versuchte.

Sassoli gründete in jenen Jahren etwa Articolo 21, einen Verein zum Schutz der Medienfreiheit. Und ähnlich wie die stets streitbare Gruber, die in die Politik ging und 2004 für die Linke ins EU-Parlament gewählt wurde, wechselte ein paar Jahre später auch Sassoli die Bühne: 2009 ließ er sich von Roms Bürgermeister Walter Veltroni vom sozialdemokratischen Partito Democratico (PD) zur Spitzenkandidatur für die Europawahl überreden – mit Erfolg. Sassoli erzielte mit über 400.000 Stimmen das Spitzenresultat in seinem Wahlkreis und wurde als frisch gewählter EU-Abgeordneter sogleich zum Fraktionschef gemacht.

In Brüssel top, in Italien Flop

2012 wollte Sassoli in die Fußstapfen seines Entdeckers Veltroni treten: Er kandidierte bei den Vorwahlen des PD für das Amt des Bürgermeisters von Rom. Das endete aber mit einer herben Enttäuschung. Sassoli konzentrierte sich also wieder auf die politische Karriere in Brüssel und Straßburg, und das wurde dann honoriert: 2014 rückte er von der Abgeordnetenbank zum Vizepräsidenten des EU-Parlaments auf, 2019 erfuhr seine Laufbahn mit der Wahl zum Präsidenten des EU-Parlaments den Höhepunkt.

Erst im Dezember verzichtete Sassoli auf eine erneute Kandidatur als Parlamentspräsident und leistete damit einer Vereinbarung seiner sozialdemokratischen Fraktion S&D mit jener der proeuropäischen Konservativen EVP Folge. Diese sah vor, nach zweieinhalb Jahren den Vorsitz zu wechseln. "Ich danke Ihnen für Ihre zahlreichen Anfragen, aber ich habe beschlossen, nicht erneut für die Präsidentschaft des Europäischen Parlaments zu kandidieren", twitterte der Italiener erst vor knapp einem Monat, wenige Tage vor Weihnachten. "Die proeuropäische Front würde Gefahr laufen, gespalten zu werden, und das würde gegen meine Geschichte, unsere Überzeugungen und unsere Kämpfe verstoßen. Das kann ich nicht zulassen." Damit machte er den Weg für die maltesische EU-Mandatarin Roberta Metsola frei.

Europäische Politik trauert

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kondolierte der Familie des Italieners. "Ich bin sehr traurig über den Tod eines großen Europäers und Italieners. David Sassoli war ein leidenschaftlicher Journalist, ein außergewöhnlicher Präsident des Europäischen Parlaments und vor allem ein lieber Freund", so von der Leyen in einem Tweet auf Italienisch. "Meine Gedanken sind bei seiner Familie", fügte sie hinzu.

Auch EU-Wettbewerbskommissar Paolo Gentiloni trauert um Sassoli. "David Sassoli hat uns verlassen. Schreckliche Nachrichten für uns alle in Italien und Europa. Wir werden ihn als einen demokratischen und proeuropäischen Politiker in Erinnerung behalten. Du warst ein klarer, großzügiger, fröhlicher und beliebter Mann. Ruhe in Frieden", schrieb der Italiener Gentiloni in einem Tweet.

"Seine Herzlichkeit war eine Inspiration für alle, die ihn kannten. Mein aufrichtiges Mitgefühl gilt seiner Familie und seinen Lieben", schrieb EU-Klimakommissar Frans Timmermans Dienstagfrüh auf Twitter. "Mir fehlen die Worte."

Tragische Komponente auch für Sassolis Fraktion

Sassolis überraschender Tod bringt auch eine tragische politische Note für seine Fraktion im Europäischen Parlament, die Sozialdemokraten, mit sich: Anfang nächster Woche hätte der Italiener nach zweieinhalb Jahren im höchsten Amt des Präsidenten vom Plenum in allen Ehren verabschiedet werden sollen. Die Ablöse durch eine der Vizepräsidentinnen, Roberta Metsola, eine Christdemokratin (EVP) aus Malta, stand seit Wochen fest. Sie war es auch, die Sassoli zuletzt mehrfach vertreten hatte.

Um den regulären Abgang des Italieners hatte es zunächst Irritationen gegeben. Denn die S&D-Fraktion wollte noch im November die erwähnte Rotationsvereinbarung kippen. Auch Sassoli machte zunächst bei diesem Manöver noch mit und begründete es zunächst auch damit, dass die Sozialdemokraten nach den Erfolgen nicht zuletzt in Deutschland dazu durchaus Grund hätten.

Politischer Parteipoker

Kurz vor Weihnachten wurde dieser Plan, den Liberale, Grüne und Linksfraktion unterstützt hätten, aber aufgegeben. Vor allem von Sassoli selbst (siehe oben). Dieser Vorgang zeigt aber prinzipiell, dass zwischen den großen Volksparteien auf europäischer Ebene tatsächlich viel Missstimmung herrscht; dass Sassoli selbst ebenso wie der liberale Präsident des Europäischen Rates, Charles Michel, und die christdemokratische Präsidentin der EU-Kommission, Ursula von der Leyen, 2019 sehr wohl parteipolitisch motiviert nominiert worden waren.

Sassoli kam als Parlamentspräsident quasi "in letzter Minute" zum Zug, nachdem der französische Präsident Emmanuel Macron den EVP-Spitzenkandidaten für die Kommissionsspitze, Manfred Weber, mit Macht verhindert hatte. Dadurch wurde das "Personalpaket" für die wichtigsten Posten in den EU-Institutionen über den Haufen geworfen. Weil die Liberalen Michel als Ratspräsidenten durchdrückten, fielen der EU-Außenbeauftragte und der Parlamentspräsident den Sozialdemokraten zu: Spanien mit Josep Borrell und Italien eben mit Sassoli griffen zu.

Letzterer war von seiner Nominierung über Nacht selbst völlig überrascht, wie er freimütig zugab. Bis dahin war Sassoli zwar Anführer der italienischen Delegation (PD), aber auch kein echtes politisches Schwergewicht. Jedenfalls war er als integrer und engagierter Proeuropäer aufgefallen – vor allem durch seine verbindliche Art und Eleganz über Parteigrenzen hinweg akzeptiert.

Privat war immer privat

Sein Privatleben schirmte der Toskaner Sassoli – natürlich Fan seines heimatlichen Fußballklubs Fiorentina – immer von der Öffentlichkeit ab. Von ihm wusste man lediglich, dass er zwei Kinder hatte und seine Ehepartnerin Alessandra schon im Gymnasium kennengelernt hatte. Er liebte die Gartenarbeit, und in einem Interview bezeichnete er sich einmal selbstironisch als "Langweiler", weil er gern klassische Musik höre und Bücher über die Geschichte der alten Römer lese. (Gianluca Wallisch, Dominik Straub, Thomas Mayer, red, 11.1.2022)