Diese Hände sehen aus, als gehörten sie zu Popstar Harry Styles. Tatsächlich ließ sich ein RONDO-Redakteur die Nägel bemalen.

Foto: Lukas Friesenbichler, Tobias Burger

Lange überreden musste man ihn nicht. Kollege Michael Hausenblas lässt sich für die RONDO-Geschichte die Nägel verschönern. Er sitzt im Nagelstudio Mooi in der Wiener Josefstädter Straße. Bereitwillig streckt er Mitarbeiterin Alina Müller die Hände entgegen. Es folgen eine Maniküre mit Shellac, zweimal Farbe und ein Topcoat.

Drei Stunden später wedelt der Kollege mit den Händen, die Nägel sind fertig. Bepinselt wurden sie mit Smiley, Flammenmotiv und Schachbrettmuster, Alina Müller hat die Motive vorher extra noch mal geübt – auf dem eigenen kleinen Fingernagel. Dafür sehen die Hände des Kollegen jetzt aus, als gehörten sie zu Harry Styles. Der Popstar hat in den vergangenen Jahren bonbonbunte Fingernägel unter Männern populär gemacht.

Nachahmungstäter

Violette Nägel: Harry Styles im Frühjahr 2021.
Foto: CBS/Recording Academy via AP

Spätestens seit der 27-jährige Brite sich von bekannten Nail-Artists wie Britney Tokyo die Nagelflächen mit Smileys, Blüten oder Erdbeermotiven hat bemalen und sich auf Red -Carpet-Veranstaltungen wie der Met-Gala mit schwarzen Nägeln hat fotografieren lassen, ist so mancher Mann zum Nachahmungstäter geworden.

Während David Bowie sich in den frühen 1970ern hier und da einen Nagel anmalte und Kurt Cobain auf abgesplitterte Farbe setzte, gehören heute unter US-Rappern wie A$AP Rocky Fingernägel mit unterschiedlichen Motiven zum guten Ton. "Nagellack ist für Männer das passende Finish für den perfekten Look", hat einmal Marc Jacobs, der schon lange mit gutem Beispiel vorangeht, erklärt.

Mit dieser Ansicht steht er nicht allein da. US-Rapper Lil Yachty erklärte in einem Interview mit dem Magazin GQ, er fühle sich, seit ihn A$AP Rocky zum Nägellackieren inspiriert habe, erwachsener. 2021 brachte er eine Nagellacklinie auf den Markt.

Auch die Beauty-Industrie hat das Potenzial der neuen pinselschwingenden Zielgruppe erkannt. Das französische Modehaus Chanel beispielsweise umwirbt seit vergangenem Jahr mit der Kosmetiklinie Boy de Chanel explizit Männer, fester Bestandteil des Sortiments ist Nagellack.

Miniatur-Kunstwerke

Im deutschen Sprachraum gelten bepinselte Nägel unter Männern allerdings noch lange nicht als Selbstverständlichkeit. Hätte der deutsche Schauspieler Lars Eidinger sonst bekannt, angemalte Fingernägel seien "der Grad an Exaltiertheit", den er sich erlaube?

Der Kollege, der schon etwas älter als Harry Styles und A$AP Rocky ist und den farbigen Nagellack als Experiment versteht, freut sich über die Aufmerksamkeit, die seinen Händen (60 Euro kostet eine solche Verschönerung) plötzlich zuteilwird. Eigentlich hat er die Motive nur fürs Shooting behalten wollen. Seit er ein Kompliment nach dem anderen einheimst, hat er es nicht mehr so eilig mit dem Entfernen der Farbe.

Die Miniatur-Kunstwerke auf den Nägeln haben es dank Social-Media-Netzwerken wie Instagram zu einem Massenphänomen gebracht. Zugleich hat sich das Image der Nail -Artists gewandelt.

Die Amerikanerin Steph Stone oder die in Japan geborene, in den USA lebende Mei Kawajiri sind gefeierte Stars mit hunderttausenden Fans. Chaun Legend folgt gar ein Millionenpublikum. Prominente Frauen wie Kylie Jenner und Cardi B sind treue Kundinnen von ihm: Sie wechseln das Nageldesign wie die Unterwäsche.

Kawajiris kunstvolle Designs wiederum gleichen fantastischen Farbexplosionen in 3D. Ihren ersten Nagelsalon eröffnete sie im Tokioter Stadtteil Harajuku, mittlerweile lebt die Mittdreißigerin in New York und hat für Modedesigner wie Demna Gvasalia oder Marc Jacobs gearbeitet, 2019 wurde sie bei den British Fashion Awards ausgezeichnet.

Lockdown-Hobby

Befeuert durch die Lockdowns während der Corona-Pandemie, wird aber auch in den vier Wänden gepinselt und geklebt. Davon zeugen mehr als 101 Millionen Bilder mit farbigen Fingerspitzen, die allein unter dem Hashtag #Nailart abgelegt wurden. Über 100.000 Einträge unter #QuarantineNails machen klar: Die Maniküre ist die perfekte Beschäftigung für virusgeplagte Menschen.

Kein Wunder, dass sich auch die Nagelstudios in Österreich verändert haben. Das Mooi in der Josefstädter Straße versteht sich als eine Mischung aus Concept-Store und Nagelstudio, hier hat man sich auf vegane Lacke spezialisiert. Von der Decke hängt ein instagramtaugliches Trockengesteck, nebenbei wird ein Cappuccino (hauseigene Kaffeemischung, natürlich) gereicht.

RONDO-Redakteur Michael Hausenblas hat seine Nägel im Wiener Beauty-Store Mooi lackieren lassen.
Foto: Lukas Friesenbichler, Tobias Burger

Inhaberin Petra Mair hat zuletzt für den spanischen Kosmetikriesen Puig gearbeitet, seit vergangenem Frühjahr ist sie selbstständig. Gefragt seien in ihrem Studio Rainbow-Nails (jeder Nagel trägt eine andere Farbe), farbige French Manicure und dezente Muster, erklärt Mair.

Inspirationsquelle Nummer eins sei für das Team das Internet, gefolgt von Modemagazinen, in einer internen Whatsapp-Gruppe tausche man sich über die neuesten Trends, Designs und Muster aus. Männliche Kunden? Tauchten zwar immer öfter im Studio auf, meist kämen sie aber nur zur Maniküre.

Pflegemaniküre für Männer

Auch bei Babetown in der Piaristengasse, das angesagte Studio wurde Ende 2019 von Katharina Hingsammer und Julia Fodor gegründet, hält sich das Gros der Männer noch zurück. Meist buchen sie eine Pflegemaniküre. Unter den Kundinnen sind "Mikro Manis" (kleine, aufgebrachte Herzen, Sterne, Punkte), "Swirl"-Motive (sie haben das Layout des Artikels beeinflusst) und Nailart-Sticker besonders beliebt.

Oft entdeckt man die gestalteten Fingernägel auf Instagram wieder: Wenn Nageldesigns heute von Influencerinnen und Influencern sowie anderen Social-Media-Nutzerinnen und -Nutzern gepostet würden, hätten die eine ähnliche Bedeutung wie Haare, Make-up oder Outfits, erklären Hingsammer und Fodor. Mit ihrem Konzept sind die beiden Unternehmerinnen so erfolgreich, dass sie nun auch im Berliner Kaufhaus KaDeWe eine Dependance eröffnet haben.

Vorreiterinnen

Nicht immer war die Begeisterung für exaltiertes Nageldesign so weit verbreitet. In den 1980er-Jahren bestaunte die weiße (amerikanische) Mittelklasse mit ihren dezenten French Nails die überlangen, kunstvoll geschmückten Nägel einer Sportlerin wie Florence Griffith-Joyner wie ein "exotisches Accessoire".

Die langen Gelnägel schwarzer Frauen wurden oft abgewertet. Dabei waren sie in Sachen Nailart Vorreiterinnen: Man denke an Janet Jacksons violette, gepiercte Nägel im Video What’s It Gonna Be?! mit Busta Rhymes, Diana Ross’ rote Fingernägel oder Lil’ Kims "Money"-Nägel, die schon im Museum of Modern Art zu bewundern waren.

Zwei Jahrzehnte später hoppelt der weiße Mainstream ihnen begeistert hinterher. Die Wegbereiterinnen werden inmitten des Hypes um die Nagelkunstwerke nur allzu gern vergessen. Demnächst sind dann vielleicht auch einige Männer mehr dabei. Der Kollege jedenfalls scheint auf den Geschmack gekommen zu sein. Seit fünf Tagen läuft er mit bunten Fingernägeln durch Wien, wieso auch nicht? (Anne Feldkamp, RONDO, 20.1.2022)