Der neue kalte Krieg zwischen Russland und dem westlichen Militärbündnis Nato ist in vollem Gang. Im November deutete der russische Präsident Wladimir Putin höchstpersönlich an, dass er Hyperschallraketen mit U-Booten in die Nähe der US-Küste transferieren könnte. Ein atomarer Schlag gegen die Hauptstadt Washington sei so binnen Minuten möglich. Zudem zieht Russland Personal aus seiner Botschaft in der ukrainischen Hauptstadt Kiew ab, was von einigen Beobachtern als Signal gesehen wird, dass Moskau seine nächsten Schritte plant.

Wegen russischer Truppenaufmärsche hat Schweden zuletzt seine Militärpräsenz auf der Ostseeinsel Gotland erhöht.
Foto: TT News Agency/Karl Melander via REUTERS

Und auch auf westlicher Seite wird der Druck erhöht. Großbritannien schickt seit Montag Waffen in die Ukraine, wie der britische Verteidigungsminister Ben Wallace sagte. Unter anderem handelt es sich um Panzerabwehrraketen. Außerdem soll britisches Armeepersonal mitreisen, um die ukrainischen Militärangehörigen im Umgang mit den Waffen zu schulen. Am Freitag will sich US-Außenminister Antony Blinken jedenfalls zu Gesprächen mit seinem russischen Kollegen Sergej Lawrow treffen.

Der kalte Krieg im Osten Europas wird zusehends wärmer, mehrere militärische Optionen liegen auf dem Tisch. DER STANDARD hat vier Strategien aufgelistet, derer sich Russland bedienen könnte:

Szenario 1: Russland blufft

Im – für die Zivilbevölkerung – besten Fall dienen der Truppenaufmarsch an der Grenze und der mitunter martialische Ton Russland als Drohkulisse: Anstatt militärisch einzugreifen, lässt Putin die Säbel rasseln, um seine Ziele zu erreichen. Eines davon hat er bereits erreicht: Die USA verhandelten in Genf direkt mit Russland – über die Köpfe der Europäer hinweg.

Tatsächlich wäre der diplomatische, wirtschaftliche und militärische Preis einer Invasion hoch. Beobachter halten es für denkbar, dass Russland seine massive Militärpräsenz an der Grenze mindestens bis zum Frühling aufrechterhalten kann. Dass Putin blufft, erscheint nach den wenig substanziellen Verhandlungen in Genf aber wenig wahrscheinlich.

Einerseits ist der russische Präsident bei seinen Forderungen aufs Ganze gegangen. Seine Drohungen zurückzunehmen, ohne vom Westen Zugeständnisse zu bekommen, könnte ihm als Gesichtsverlust erscheinen. Dass Putin US-Präsident Joe Biden ein Jahr nach dessen Einzug ins Weiße Haus und ein halbes Jahr nach dem Abzug aus Afghanistan testen will, erscheint da schon plausibler.

Das Spiel mit einer militärischen Drohkulisse, um in Washington Gehör zu finden, ist für Putin aber im vergangenen Frühjahr schon einmal aufgegangen: Auch damals hatte Moskau Panzer und tausende Soldaten an der ukrainischen Grenze zusammengezogen – nach einem Treffen Putins mit Biden im Juni schien die Bedrohung wieder vorbei. Und doch hat sich die Eskalationsspirale seither weitergedreht.

Szenario 2: Einmarsch via Belarus

Russland hat nach eigenen Angaben bereits 13.000 Soldaten nach Belarus verlegt – dem nördlichen Nachbarn der Ukraine. Offiziell will man im Februar eine gemeinsame Militärübung abhalten. Bereits im Dezember hatten sich die Präsidenten Putin und Alexander Lukaschenko darauf geeinigt. Ein genaues Datum stand lange nicht fest – der Name aber schon: "Alliierte Entschlossenheit".

Russische Soldaten in Belarus auf einem vom belarussischen Verteidigungsministerium am Dienstag veröffentlichten Foto.
Foto: EPA / BELARUS DEFENCE MINISTRY PRESS SERVICE

Mit Zügen transportiert Russland Artillerie und Militärfahrzeuge, wie auf Videos in sozialen Medien zu sehen ist. Auch der Chef der belarussischen Sicherheitsbehörde bestätigt dies. Weil Lukaschenko in den vergangenen Monaten seine Verbindungen zu Moskau gestärkt hat, befürchten Militärexperten, dass Russland über Belarus in die Ukraine einmarschieren könnte. Immerhin teilen sich die beiden Staaten eine mehr als 1000 Kilometer lange Grenze. Wie viele Soldaten an der gemeinsamen Militärübung teilnehmen werden, ist nicht bekannt.

Lukaschenko hat aber offenbar zumindest nach außen hin Angst, dass sein Land eine Rolle in dem Konflikt um die Ukraine spielen könnte. Er forderte seinen Verteidigungsminister auf, endlich ein Datum für "Alliierte Entschlossenheit" festzulegen: "Damit uns nicht vorgeworfen wird, dass wir aus heiterem Himmel einige Soldaten zusammengezogen haben, als würden wir uns auf einen Krieg vorbereiten." Sein Wunsch war dem Minister Befehl. Die Übung soll vom 10. bis 20. Februar stattfinden.

Szenario 3: Begrenzte Eskalation

Raus aus dem Schatten, rein ins Scheinwerferlicht könnte die Devise Russlands sein, wenn es um die Unterstützung der prorussischen Separatisten in den Gebieten Donetsk und Luhansk geht. Denn bereits jetzt ist es ein offenes Geheimnis, dass Moskau die Kämpfer mit Truppen unterstützt. Als "Friedenstruppen" deklariert, könnten die Soldaten aber ganz offensichtlich in die Ostukraine verlegt werden.

Dadurch könnte Russland seine Einflusssphäre ausweiten – wie das bereits im Sommer 2008 der Fall war, als Moskau Truppen in die georgischen Regionen Abchasien und Südossetien entsandte. Nach einem fünftägigen Krieg zwischen Russland und Georgien standen die Gebiete nicht mehr unter dem Einfluss von Tiflis. Aus den Regionen gibt es gehäufte Berichte, dass die russischen Soldaten die Grenze Stück für Stück auf georgisches Gebiet verschieben. Aktuell steht auch die Errichtung einer Landbrücke zwischen den Separatistengebieten im Donbass und der Krim als mögliches Ziel Moskaus in der Ukraine im Raum. Dadurch könnte auch der von Kiew aus getrocknete Krim-Kanal geflutet werden, der die Halbinsel mit Wasser versorgen soll.

Durch die Besetzung der ostukrainischen Separatistenregionen könnte Moskau den Westen vor allem unter Druck setzen und erst abziehen, wenn russische Forderungen erfüllt sind und Kiew zustimmt, die Minsker Protokolle umzusetzen.

Szenario 4: Vollständige Invasion

Litauens Außenminister Gabrielius Landsbergis hat bereits im Dezember den Teufel an die Wand gemalt. Was in der Ukraine drohe, sei ein "totaler Krieg". Im pessimistischsten der hier dargestellten Szenarien versucht Moskau, die Ukraine mehr oder weniger vollständig zu unterwerfen und zu besetzen.

Dafür könnten die russischen Truppen von mehreren Seiten aus angreifen: vom ukrainischen Donbass im Osten, von Belarus im Norden sowie von der 2014 annektierten Halbinsel Krim im Süden aus. Allerdings müsste Russland nach einem potenziell monatelangen Kampf ein Besatzungsregime installieren – und nach dem Sieg auf dem Schlachtfeld auch den Kampf um die Köpfe der Ukrainerinnen und Ukrainer gewinnen. Fest steht, dass ein Einmarsch zu einer Fluchtbewegung führen würde.

Allzu wahrscheinlich ist ein großer Krieg nach Ansicht der meisten Fachleute derzeit nicht. Zu groß erscheinen die Kosten für Moskau: Wirtschafts- und Finanzsanktionen, Exportverbote – vom potenziell hohen Blutzoll ganz abgesehen. Russlands Ziel, die Nato aus den osteuropäischen Anrainerstaaten zu vertreiben, geriete im Fall eines Angriffs auf die Ukraine weiter außer Reichweite. (Bianca Blei, Florian Niederndorfer, 19.1.2022)