Friedrich Merz wurde zum neuen CDU-Chef gewählt.

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Es sind Szenen, wie man sie noch nicht gesehen hat. Samstagmittag steht Friedrich Merz in der CDU-Zentrale und schüttelt immer wieder den Kopf. Er blickt auf die Balkengrafik, kann aber offensichtlich nicht glauben, was er da sieht: 94,6 Prozent Zustimmung bei seiner Wahl zum CDU-Vorsitz. Ein Ergebnis im "Achtzigerbereich" hatte er sich zuvor gewünscht. Es ist sehr viel mehr geworden.

Dann tritt Merz ans Rednerpult, um sich zu bedanken. Doch ihm bricht die Stimme, er ist ob dieses Vertrauensvorschusses zu Tränen gerührt und versucht es gar nicht zu verbergen.

Zwei Stunden zuvor hatte der scheidende Parteichef Armin Laschet noch sehr viel resignierter geklungen: "Es ist wie vor einem Jahr, wir senden digital, ohne persönliche Begegnung", sagt er in die Kamera. Dann folgt eben kein Applaus der 1.001 CDU-Delegierten. "Vielleicht sitzen Sie ja genau dort, wo Sie vor einem Jahr saßen: auf dem Sofa, am Schreibtisch oder mit Freunden in der Kreisverbandsstelle", fährt Laschet fort.

Erinnerung an Wahl 2021

Vor einem Jahr, im Jänner 2021, war es genau so – und natürlich ganz anders. Damals wurde Laschet zum neuen CDU-Vorsitzenden (und Nachfolger von Annegret Kramp-Karrenbauer) gewählt. Dann folgte "ein Jahr wie eine Achterbahn", wie Laschet noch einmal bilanziert. Der Tiefpunkt: Die Union verlor im September 2021 die Bundestagswahl.

"Die Narbe wird bleiben", sagt Laschet in seiner Abschiedsrede. Doch dann richtet er den Blick nach vorne. Es gehe jetzt darum, dass die CDU "geordnet und gut hineingehen kann in die Opposition". Daher, so sein Wunsch, mögen alle nun den neuen Parteivorsitzenden Friedrich Merz unterstützen und sich hinter ihn stellen.

Schließlich geht er in die Stille eines Parteitags ohne Delegierte. Schon steht Merz parat, um ein bisschen was zu retten. "Es gäbe minutenlangen stehenden Beifall" für Laschet, wenn denn nur CDU-Mitglieder anwesend wären, sagt er. Dann dankt er Laschet noch für seinen "großartigen Einsatz für die CDU". Das war´s. Die einjährige, erfolglose Zeit Laschets ist vorbei.

Merz kampfeslustig

Und jetzt kommt Merz. "Von diesem Parteitag geht ein kraftvolles Signal der Erneuerung aus. Wir haben unser Selbstvertrauen nicht verloren, sagt er in seiner Bewerbungsrede und warnt die CDU, dass es sehr lange dauern könnte, bis sie zu alter Stärke zurückfinde. Dann nämlich: "Wenn wir uns streiten, wenn wir bei den Themen nicht auf der Höhe der Zeit sind." Er versichert, mit Blick auf die harten Auseinandersetzungen zwischen CDU und CSU im Jahr 2021: "Das, was wir erlebt haben, darf sich nicht wiederholen und es wird sich nicht wiederholen."

Stattdessen sei es wichtig schnell Tritt zu fassen und offen "für interessante Diskussionen" zu sein. Merz: "Ich bin fest entschlossen, diese Chance mit Ihnen allen zu nutzen." Man werde "die bürgerliche Gesellschaft und Familie" verteidigen und nicht dem Zeitgeist hinterher laufen. Merz: "Wir sind offen und bewahrend zugleich."

Drei Aufgaben, vor denen die CDU nun stehe, nennt Merz: "kraftvolle Opposition" im Bund sein, Wahlen in den Ländern gewinnen, ein neues Grundsatzprogramm verfassen. Und er will "diesen Bundeskanzler herausfordern". Das macht Merz auch gleich, er greift Olaf Scholz direkt an.

Dieser habe erklärt, wer Führung bei ihm bestelle, bekomme diese auch, sagt Merz und fragt dann genüsslich: "Welche Führung meinen Sie?" Er erinnert daran, dass Scholz eine allgemeine Corona-Impfpflicht wolle, die Regierung aber einen eigenen Gesetzesentwurf verweigere und stattdessen die Arbeit an den Bundestag delegiere. Merz erwähnt auch, dass viele aufgrund der hohen Inflation um ihr Geld Angst hätten und sagt Richtung Scholz: "Die Menschen bekommen von ihnen keine Antwort." Und er beklagt, dass Scholz noch nicht in Washington oder Moskau gewesen sei, in Deutschland und Europa aber Angst vor Krieg in der Ukraine habe. "Alle Ihre Vorgänger hätten in dieser Lage Führung gezeigt", kritisiert er Kanzler Scholz.

Erfolg im dritten Anlauf

Nach zwanzig Minuten schon ist der 66-Jährige fertig mit seiner Rede. Auch die digitale Abstimmung, die ohnehin nur die formale Bestätigung des Mitgliederentscheids ist, geht schnell über die Bühne. Im dritten Anlauf hat es Merz geschafft. Er war ja im Kampf um den Parteivorsitz zwei Mal gescheitert: Im Dezember 2018 gegen Annegret Kramp-Karrenbauer, im Jänner 2021 gegen Armin Laschet. Im dritten Anlauf setzte er sich – beim ersten Mitgliederentscheid in der Geschichte der CDU – gegen Ex-Umweltminister Norbert Röttgen und Ex-Kanzleramtschef Helge Braun durch.

Merz bringt auch einen neuen Generalsekretär mit: Mario Czaja (46). Er war in Berlin unter Klaus Wowereit Gesundheits- und Sozialsenator. Bei der Bundestagswahl im September gelang es ihm – gegen den Trend – im Ost-Berliner Wahlkreis Marzahn-Hellersdorf den Linken das Direktmandat abzujagen. Stellvertretende Generalsekretärin wird die 34-jährige Christina Stumpp, eine Bundestagsabgeordnete aus Baden-Württemberg. (Birgit Baumann aus Berlin, 22.1.2022)