Die ukrainische Armee bereitet sich auf einen möglichen Angriff Moskaus vor. In Kiew trainierten Freiwillige Armee-Reservisten in einem öffentlichen Park.

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Jewhen Murajew (Archivbild) weist Putschabsichten zurück

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Statt der erhofften Klarheit gibt es zwei Wochen nach Beginn der diplomatischen Offensive zur Ukraine-Krise immer dichtere Nebel. Während Russlands Präsident Wladimir Putin den Westen weiter über seine Absichten rätseln lässt, erscheinen immer mehr Varianten als denkbar.

Zum einen hat Russland weiter Truppen im eigenen Land an die ukrainische Grenze gebracht, zum anderen nehmen die geplanten Manöver in Belarus (Weißrussland) immer größere Formen an. Und auch zu den Militärübungen in den Weltmeeren, die am Freitag angekündigt wurden, ist nun mehr bekannt: Sie sollen nah an den Seegrenzen von Ländern wie etwa Irland oder Norwegen stattfinden.

Putschisten im Exil

Am Sonntag sorgte das britische Außenamt dann für Aufsehen: London veröffentlichte angebliche Pläne Moskaus, durch einen Putsch russlandfreundliche Persönlichkeiten an der Spitze der Ukraine zu installieren. Durch die eilige Bekanntgabe sollte ihre Umsetzung vereitelt werden, hieß es. Allerdings gibt es Zweifel an deren Praktikabilität. Von fünf namentlich genannten mutmaßlichen Putschisten befinden sich vier im Moskauer Exil.

Der fünfte, ein früherer Abgeordneter namens Jewhen Murajew, stellte entsprechende Pläne auf Nachfrage des britischen Observer in Abrede. Dass er gut auf Moskau zu sprechen sei, könne man nicht behaupten – vielmehr habe die russische Regierung Gelder aus seinem Besitz eingefroren. Allerdings postete er etwas später auf Facebook, es sei "Zeit für eine neue Führung" der Ukraine, die weder prowestlich noch prorussisch eingestellt sei.

Ungewöhnlicher Kandidat

Tatsächlich hat Murajew in der Vergangenheit durchaus prorussische Standpunkte vertreten und immer wieder versucht, mit unterschiedlichen Parteien zu Wahlen anzutreten. Zudem betreibt er mit seinem Vater Wolodymyr einen TV-Sender namens Nash, der als Kreml-nah gilt. Ein populärer Kandidat für einen Putsch dürfte er aber nicht sein. Die Zustimmungsraten seiner politischen Bemühungen blieben bisher im einstelligen Bereich.

Die Verwirrung, die durch die Bekanntgabe entstand, dürfte hingegen im Interesse des Kremls liegen. Moskau lässt sich bewusst viele Handlungsvarianten dazu offen, was man tun würde, wenn Washington nicht auf die Forderung nach Sicherheitsgarantien eingeht. Für diese Woche ist ja eine schriftliche US-Antwort angekündigt. Bei einer Pressekonferenz im Dezember hatte Putin von einer "militärisch-technischen" Reaktion gesprochen. Einen Angriffsplan auf die Ukraine weist Russland zwar zurück, allerdings wächst dennoch die Sorge vor einem Krieg.

In diesen Kontext fällt auch die massive Ausstattung und große Zahl an Truppen, die nach offiziellen Angaben zu einem gemeinsamen Manöver in Belarus gelandet sind. Der Westen ist darüber besonders besorgt, weil so zusätzliche taktische Möglichkeiten geschaffen werden. Zum einen eröffnet eine Attacke aus Belarus einen schnelleren Weg auf Kiew, zum anderen ließe sich von dort aus auch ein Angriff auf das ukrainische Grenzgebiet im äußersten Westen des Landes durchführen. Hier liegt die Grenze zu mehreren Nato-Staaten. Russland könnte den Waffennachschub etwa via Polen so erschweren.

Putins zahlreiche Optionen

Weitere Angriffsoptionen bietet die Entsendung von Landetruppen ins Mittelmeer, die am Wochenende bekannt wurde. Sie wären etwa dann nützlich, wenn sich Putin dazu entschließt, entweder eine Landbrücke zwischen der Krim und den Separatistengebieten im Osten der Ukraine zu schaffen oder den westlich der Halbinsel gelegenen ukrainischen Meereszugang und die Stadt Odessa einzunehmen. Auch die Nato hat im Mittelmeer Manöver angekündigt und dazu unter anderem den Flugzeugträger USS Harry Truman in die Region entsandt. Nach Angabe des Pentagons hat die Übung zwar nichts mit der Ukraine-Krise zu tun – dass im Kreml ein solcher Zusammenhang gesehen wird, ist aber naheliegend.

Die deutsche Marine steht indes ohne ihren bisherigen Chef da. Kay-Achim Schönbach hatte in einer Rede in Indien gesagt, man müsse Russland Respekt entgegenbringen, auch weil man das Land gegen China brauche. Zudem hatte er einen Zusammenhang zwischen seinem eigenen streng katholischen Glauben und dem "christlichen Land" Russland hergestellt. Das Verteidigungsministerium distanzierte sich, Schönbach trat später zurück. Im Amt folgt ihm der Konteradmiral Jan Christian Kaack. (Manuel Escher, 24.1.2022)