Der französische Modedesigner Manfred Thierry Mugler wurde 73 Jahre alt.

Foto: AFP / Martin Oullet-Diotte

Der Showman der Modewelt, er war zuletzt wieder da. Die Rapperin Cardi B verwandelte er in Botticellis Venus, Kim Kardashian in ein mit Diamanttropfen behängtes Kunstwerk. Mit seinem Sinn für große Dramen und Effekte hatte Manfred Thierry Mugler in den vergangenen Jahren die roten Teppiche zurückerobert und sich seit seinem Abtritt aus der Modewelt im Jahr 2002 mithilfe von Bodybuilding und plastischer Chirurgie neu erfunden. Aus dem ausgebildeten Balletttänzer und Kostümbildner Thierry Mugler war Manfred, der Muskelprotz mit Schnauzer, geworden. Dass er mit seinen Korsagen, Bustiers und den grellen Kostümen ausgerechnet in Zeiten von Instagram ein beeindruckendes Comeback feierte, dürfte die, die ihn kannten, nicht erstaunt haben.

Schmale Taille, breite Schultern

Vieles von dem, was im digitalen Zeitalter als selbstverständlich gilt, hat Mugler schon in den 1980er Jahren vorweggenommen. 1974 gründete der 1948 in Straßburg geborene Mugler (seine Familie stammte aus Linz) in Paris sein Modelabel. Doch einfach nur im Takt der Saisonen Frühjahrs- und Herbstkollektionen zu entwerfen hätte einen wie ihn gelangweilt. Der Fan donnernder Wagner-Opern lieferte rüstungsartige Kostüme mit schmaler Taille und breiten Schultern, futuristische metallene Entwürfe, Latex und Nieten. Ein Langweiler war der Modedesigner nie, Unterhaltung hatte bei ihm oberste Priorität.

Claudia Schiffer, Nadja Auermann, Naomi Campbell hielten in seinen Modeschauen Hunde an der Leine oder glitten auf Schlitten an den Zuschauern vorbei. Der Designer inszenierte Fashionshows als multimediale Spektakel. Sein zehnjähriges Unternehmensjubiläum 1984 erklärte Mugler sogar zur öffentlichen Veranstaltung: Tausende Besucher konnten dem Model Pat Cleveland dabei zusehen, wie sie über die Köpfe der sechzig übrigen Models auf dem Laufsteg schwebte, Konfettiregen und Engelschöre inklusive.

Der Designer im Jahr 2001 nach einer Show in Paris
Foto: AP Photo/Remy de la Mauviniere

Lukrativer Duft

Mit dem Verkauf von Düften finanzierte der Designer seine Mode-Eskapaden und seine Couture-Kollektionen: 1992 tat sich Mugler mit Clarins zusammen, der Duft "Angel" wurde zum internationalen Bestseller, der sogar Chanels N°5 Konkurrenz machte. 1997 übernahm der Kosmetikkonzern die gesamte Marke, seit 2019 gehört sie zu L'Oréal. Der Designer kehrte Anfang der Nullerjahre der Modeindustrie den Rücken und verschwand von der Bildfläche. Der Bombast Muglers erschien aus der Zeit gefallen, die übersexualisierten Amazonen auf dem Laufsteg entsprachen nicht mehr dem Zeitgeist, der Minimalist Helmut Lang galt als der neue Star der Mode.

Doch Manfred Thierry Mugler arbeitete sich zurück, entwarf 2003 Bühnenkostüme für den Cirque du Soleil, einige Jahre später schneiderte er Beyoncé für ihre Tournee 58 Outfits auf den Leib. Der Auftrag lohnte sich. Unzählige Pop-Diven und Influencerinnen ließen sich fortan von ihm so skulptural wie hyperfeminin verpacken. Der Designer, der in den vergangenen Jahren in Berlin lebte, war zurück im Rampenlicht. Wie sehr Manfred Thierry Mugler den Zeitgeist verstanden hat, lässt sich auch auf seinem Instagram-Account verfolgen: Über 600.000 Follower wussten den Perfektionismus des Designers zu schätzen.

Die letzte große Show

Seinen letzten großen Auftritt hatte Mugler mit der Ausstellung "Couturissime", sie war in Montréal, Rotterdam, München und zuletzt im Pariser Musée des Arts decoratifs zu sehen. Einmal mehr bewies der 73-Jährige mit über 150 Entwürfen und Ausstattungen wie der zu George Michaels Musikvideo "Too Funky", dass er sich immer auch als Regisseur und Choreograf verstanden hat: Zwischen der Inszenierung einer Modeschau und einer Ausstellung gebe es für ihn kaum einen Unterschied, erklärte Mugler in einem Interview vor zwei Jahren dem STANDARD.

georgemichaelVEVO

Die Schau führte einmal mehr den Freigeist des Designers vor: Das Ausschweifende, das Exaltierte, die Superfrauen mit den Wespentaillen, das alles gehörte zu Mugler wie die Perlenkette zu Coco Chanel. Zu besagter Modeausstellung hat sich Manfred Thierry Mugler allerdings überreden lassen müssen. Unzählige Anfragen habe er abgelehnt, erklärte der Designer, dessen Fundus 7.000 Stücke umfasst. Er wollte auf keinen Fall eine klassische Retrospektive zeigen. Nun ist sie zum Vermächtnis geworden. Manfred Thierry Mugler verstarb überraschend am Sonntag. Seine Ausstellung ist noch drei Monate lang in Paris zu sehen. (feld, 24.1.2022)