Im Olembé-Stadion herrschte weitgehend Ruhe. Von den Vorgängen vor Anpfiff wussten die Zuschauer wenig bis nichts.

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Der Vorarlberger Kurt Wachter setzt sich gegen Rassismus ein.

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Krankenwagen, die kaum vorwärtskommen. Verletzte, die auf dem Boden kauern. Tränen, Wut, Verzweiflung und Angst. Beim Afrika-Cup in Kamerun haben mindestens acht Menschen nach einer Massenpanik vor dem Olembé-Stadion in der Hauptstadt Yaoundé ihr Leben verloren. Bei der Tragödie am Montagabend wurden nach offiziellen Angaben zudem 38 Menschen verletzt, darunter sieben schwer. Präsident Paul Biya ordnete eine Untersuchung an. Der Weltverband Fifa sprach den Familien und Angehörigen der Opfer sein "tiefstes Mitgefühl" aus. "In diesen schweren Stunden" vereine sich der Fußball "im Gebet" und sei in Gedanken bei den Toten und Verletzten, hieß es in einer Mitteilung.

Unter den Toten sind nach Angaben des Gesundheitsministeriums ein Kind, zwei Frauen und vier Männer. Eine weitere Leiche konnte demnach nicht identifiziert werden, weil sie von Angehörigen mitgenommen wurde. Der Österreicher Kurt Wachter war Augenzeuge. Der 53-jährige Soziologe und Afrikawissenschafter ist Bereichsleiter von Fairplay, der Initiative für Vielfalt und Antidiskriminierung. Wachter war auch bei den vergangenen sieben afrikanischen Kontinentalmeisterschaften vor Ort. Als freier Journalist ist er akkreditiert. Dem STANDARD schildert er seine Eindrücke: "Ich bin drei Sunden vor Anpfiff, also um 17 Uhr, vom Hotel mit dem Taxi losgefahren. Ein irrsinniger Stau, auf einmal waren Straßen abgesperrt. Für die VIPs mit ihren fetten Limousinen."

Wachter stieg auf ein Motorrad um, kurz vor 19 Uhr erreichte er das Stadion. "Menschenmassen, ein Gedränge vor dem Südtor. Ich hatte ein mulmiges Gefühl." Ein mutiger Volunteer nahm sich seiner an, auch ein Rollstuhlfahrer wurde aus der Menge befreit, zu einem Sondereingang geführt. "Und dann war ich im Stadion, dort war die Stimmung gut." Und sie wurde besser, schließlich stieg Kamerun dank eines 2:1 gegen das Sensationsteam der Komoren ins Viertelfinale auf.

Von den wahren Ausmaßen der Tragödie hat Wachter erst danach im Hotel erfahren. "Es war ein totales Versagen des Militärs und der Polizei, man kann nicht zur Tagesordnung übergehen." Die Stadiontore waren wohl gesperrt worden, Menschen wurden erdrückt.

Sicherheitsbedenken

Kamerun, schon 1972 Gastgeber, sollte 2019 den Cup ausrichten, der kontinentale Verband CAF entzog die Veranstaltung aufgrund von Bauverzögerungen und Sicherheitsbedenken. Ägypten sprang ein.

Das neue Olembé-Stadion ist schmuck, es fasst 60.000 Zuschauer. Aufgrund der Pandemie wurde die Kapazität auf 60 Prozent reduziert, bei Kamerun-Partien aber auf 80 Prozent, also 48.000, erhöht. Die Fans mussten einen negativen Test vorweisen. Wachter: "Nach meiner Wahrnehmung wurde das auch kontrolliert." Die Impfquote liegt in Kamerun bei rund sechs Prozent.

Für den afrikanischen Fußball sei das Unglück ein weiterer Rückschlag, sagt Wachter. Der Cup werde in der Restwelt ignoriert. "Ja, als ein sambischer Schiedsrichter das Match zwischen Tunesien und Mali zweimal zu früh abgepfiffen hat, gab es Schlagzeilen. Und durch diese Tragödie gerät der Cup zum zweiten Mal in den Fokus – ein Desaster."

Noch vor 20 Jahren wurde über einen Weltmeister aus Afrika spekuliert, mittlerweile ist das Erreichen eines Achtelfinales fast schon eine Sensation. In Kamerun machten 24 Länder mit. Insgesamt 405 Profis sind in europäischen Ligen engagiert. Wachter: "Stadionkatastrophen gibt es auch auf anderen Kontinenten, aber hier werden halt Klischees bedient."

Wachter bleibt in Kamerun. Der Afrika-Cup wird fortgesetzt. Vermutlich wird es vor den restlichen Partien Trauerminuten geben. Die Kinder bekommen weiter schulfrei, sie sollen ja die Partien der anderen Teams schauen, damit die Stadien gut gefüllt sind. Kamerun ist und bleibt der Favorit. Es wird untersucht, die Fifa betet. (Christian Hackl, 26.1.2022)