Die größten Stablecoins bilden den Dollar ab. Es gibt aber auch Kryptowährungen, die den Euro-, Pfund- oder Frankenwert simulieren.

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Wer in Kryptowährungen investiert, kommt an ihnen kaum vorbei: Die Rede ist von den sogenannten Stablecoins, die aufgrund ihrer Preiskopplung an eine Geldwährung oder ein Edelmetall im volatilen Kryptomarkt tatsächlich so etwas wie Stabilität bieten. Fünf der Top-20-Kryptoprojekte sind Stablecoins, die den Wert des Dollars abbilden. Andere Projekte, die an den Goldpreis oder den Euro als Referenzwert gekoppelt sind, konnten bisher kaum nennenswerte Marktkapitalisierung aufbauen.

Riesiger Markt an Dollar-Stablecoins

Der Gesamtmarkt aller Stablecoins ist aktuell etwa 155 Milliarden Euro schwer. Mehr als 140 Milliarden Euro vereinen die fünf größten dollarbasierten Projekte Tether (USDT), USD Coin (USDC), Binance USD (BUSD), TerraUSD (UST) und Dai (DAI). Auf vielen Kryptobörsen kann mit ihnen eine Vielzahl an anderen Kryptowährungen inklusive Bitcoin gekauft werden. Auch wer Krypto veräußert, kann dafür im Normalfall Krypto-Dollar wie Tether oder USDC ausbezahlt bekommen.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Das eigene Kapital verbleibt im Kryptouniversum und kann im Bedarf sofort wieder investiert oder über Kryptokreditkarten für Zahlungen in der realen Welt verwendet werden. Banken als Zwischenhändler inklusive Wartezeiten und teilweise hohen Transaktionsgebühren entfallen. Durch die Preiskopplung an eine Geldwährung wie den Dollar oder den Euro ist man im Gegensatz zu anderen Kryptoprojekten zudem vor Wertschwankungen gefeit. So weit die Theorie.

Liquidität nur schwer überprüfbar

Große Stablecoins wie Tether oder USDC versprechen Preisstabilität, indem sie behaupten, für jeden erzeugten und ausgegebenen Krypto-Dollar echte Dollar auf die Seite zu legen. "In der Praxis sind bei Tether und anderen Stablecoins allerdings nur wenige Prozent als wirkliche US-Dollar-Reserven in Bargeld oder sicheren Bankeinlagen vorhanden, der Rest wird über Geldmarkt- und Wertpapiere abgedeckt", erklärt Paul Pichler, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Wien, im STANDARD-Interview.

Der überwiegende Marktanteil entfällt auf Dollar-Stablecoins.
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"Wie die Sicherheiten im Einzelnen aussehen und ob die Dollar-Äquivalenz im Ernstfall tatsächlich gewährleistet ist, ist für Kunden nur schwer überprüfbar. Manche bezeichnen das gar als eine der größten Betrugsmaschen der Kryptoszene", sagt Pichler. Weitere Kritikpunkte sind die meist zentralisierte Ausgabe, ohne dass die Unternehmen dahinter denselben Regulierungsmechanismen unterliegen wie etwa traditionelle Banken.

Kritik an Tether

Tatsächlich kam etwa Tether in der Vergangenheit immer wieder in Erklärungsnotstand. Ermittlungen der New Yorker Generalstaatsanwaltschaft endeten im Jahr 2019 in einem Vergleich. Tether musste 41 Millionen Dollar zahlen, weil die an Kunden kommunizierte Wertsicherung in der Form nicht gewährleistet war. Tether selbst weist den Vorwurf, jemals nicht genügend Reserven gehabt zu haben, weit von sich. Man habe zudem noch nie einen Kunden nicht ausbezahlen können, der seine Tether in Dollar umtauschen wollte.

Kritiker weisen darauf hin, dass die Deckung im Normalfall nicht zum Tragen kommt, weil die zirkulierenden Krypto-Dollar meist nicht in echte Dollar zurückgetauscht, sondern zum Kauf anderer Kryptowährungen verwendet werden. Tether kam bisher also noch nie in die Verlegenheit, auf einen Schlag riesige Summen der eigenen Tokens in echte Dollar umtauschen zu müssen.

Wie Bankenmodell, aber ohne staatliche Sicherung

So bleibt fraglich, wie robust das System im Ernstfall überhaupt ist. Kollabiert einer der großen Stablecoins – etwa, weil nicht genügend Reserven im Hintergrund da sind –, wird befürchtet, dass das den ganzen Kryptomarkt zumindest vorübergehend zu Fall bringen könnte. Jedes Jahr scheitern diverse kleinere Projekte, bei denen Anleger ihr Geld verlieren. Die Marktkapitalisierung von Tether ist allerdings schon so groß, dass das Unternehmen, hinter dem die Betreiber der Kryptobörse Bitfinex stecken, als "too big to fail" gilt.

Die Europäische Zentralbank will in den kommenden Monaten herausfinden, ob ein digitaler Euro sinnvoll ist und wie dieser umgesetzt werden könnte.
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"Dass nur eine fraktionale Reserve vorhanden ist, ist eigentlich das klassische Bankenmodell, das per se nicht unbedingt solider sein muss. Der Unterschied ist allerdings, dass der Staat neben diversen anderen Vorkehrungen und Regularien im Ernstfall einspringt und die Einlagen so absichert. Das gibt es bei Stablecoins, aber auch bei Kryptobörsen nicht", erläutert Pichler. Das Risiko trage folglich allein der Kunde.

Warum es kaum Euro-Stablecoins gibt

Dass es weit weniger Stablecoins auf Euro-Basis gibt und diese nicht so recht abheben wollen, hat mehrere Gründe. Historisch, aber auch regulatorisch bedingt wurde der Kryptoaufschwung in den USA und Asien befeuert, wo der Dollar bis zum heutigen Tag als Leitwährung dient. Der vergleichsweise kleine europäische Markt spielte dabei stets eine eher untergeordnete Rolle.

Ein weiterer, recht profaner Grund ist das Geschäftsmodell für Stablecoins. "Als Anbieter funktioniert es natürlich nicht, wenn ich das von Kunden erhaltene Geld in Cash herumliegen lasse. Im Euroraum sichere, kurzfristige Anlageformen wie Staatsanleihen zu finden, die keine negative Rendite haben, ist ungleich schwieriger als mit dem Dollar in den USA", erklärt Pichler. Ökonomisch sei es folglich weitaus schwieriger, einen Euro-Stablecoin auszugeben und die Liquidität abzusichern.

Digitaler Euro als Alternative

Während der Ruf nach einem von der US-Notenbank ausgegebenen digitalen Dollar bisher eher leise war, hat die Europäische Zentralbank (EZB) im Sommer 2021 ein zweijähriges Projekt zum digitalen Euro gestartet. Eine Einführung ist frühestens für das Jahr 2026 anvisiert. Viele Fragen hinsichtlich der technischen Umsetzung, der Privatsphäre, aber auch des tatsächlichen Nutzens sind aktuell aber noch völlig ungeklärt.

Theoretisch könnten derartige digitalen Währungen über kurz oder lang auch die Stablecoins obsolet oder weniger relevant machen. Dazu müsste der digitale Euro aber auch umfassend verwendet und ähnlich flexibel eingesetzt werden können wie die Kryptoentsprechung. "Politisch wird das eine große Herausforderung, einen Konsens zu erzielen. Andererseits sinkt die Bargeldnutzung, und die Notenbanken müssen sich die Frage stellen, was geschieht, wenn sie bei neuen digitalen Bezahlmethoden anderen das Feld überlassen", sagt Pichler zum STANDARD. (Martin Stepanek, 30.1.2022)