Um den Wirkstoff Ivermectin, eigentlich ein Antiparasitikum, entstand zeitweilig ein gefährlicher Hype als vermeintliches Anti-Covid-Präparat.

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Wer etwas über die Pandemie erfahren will, sollte auch einen Blick in die Apotheken werfen. Denn die Verkaufszahlen für pharmazeutische und andere Produkte in deren Sortiment zeichnen ein interessantes Bild des Umgangs vieler Menschen mit dem Coronavirus – bizarre und lebensgefährliche Medikationsexperimente inklusive.

DER STANDARD hat dazu, so wie schon für das erste Pandemiejahr, mit Stefan Baumgartner, General Manager von IQVIA Austria, auch die Verkaufsdaten der österreichischen Apotheken aus 2021 auf etwaige Corona-bedingte Auffälligkeiten analysiert. IQVIA ist ein global für die pharmazeutische Industrie tätiges Consultingunternehmen, das alle Arzneimittelverkäufe in österreichischen Spitälern sowie öffentlichen Apotheken und ärztlichen Hausapotheken (ausgenommen Online-Versandhandel für rezeptfreie Produkte, dessen Anteil von 11,2 Prozent 2020 auf 15,6 Prozent stieg) dokumentiert.

Fünf pharmazeutische Trends prägten demnach das Jahr 2021:

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  • Hatschi! Im Husten- und Erkältungsmittelsegment, das ein Fünftel des gesamten Apothekenmarkts ausmacht, gibt es aus Sicht der Apotheken eine "Erholung" des 2020 pandemiebedingt aufgrund der Anti-Covid-Maßnahmen in einzelnen Monaten um bis zu 63 Prozent eingebrochenen Marktes. Just zu Sommerbeginn stieg die Verkaufskurve für Husten- und Erkältungsmittel dann aber im Juni sogar über das Niveau des Jahres vor der Pandemie und fiel erst im Dezember wieder unter das 2019er-Niveau. Sie liegt allerdings noch immer über dem 2020er-Wert (siehe Grafik ).
    Was hat das zu bedeuten? Dass es viele Leute offenbar nicht mehr so genau nehmen mit den antiviralen Schutzmaßnahmen, die bekanntermaßen gegen diverse Viren, seien es Erkältungs- oder eben Coronaviren, wirken. Weniger Abstand, nachlässige Hand- und Nieshygiene, keine Masken oder ungebremste Kontakte bleiben eben nicht folgenlos.
    Wohingegen die Kurve zeigt, dass zu Jahresende der Lockdown für Ungeimpfte ab 15. November und der österreichweite ab 22. auch die klassischen Erkältungen wieder zurückgedrängt hat. IQVIA-Analyst Baumgartner vermutet als einen weiteren Grund für die Zunahme der Erkältungen und Hustenerkrankungen aber auch "eine Veränderung des Immunsystems. Unmittelbar nach einer Corona-Erkrankung ist man anfälliger für Sekundärinfektionen."

  • Pssst! Ein weiterer auffälliger Bereich sind die Schlaf- und Beruhigungsmittel sowie Stimmungsaufheller. Während sich im rezeptpflichtigen Segment bei Antidepressiva, Hypnotika und Sedativa kaum etwas verändert hat (nur um knapp ein Prozent mehr Packungen wurden verkauft), griffen die Österreicherinnen und Österreicher offenbar verstärkt zur Selbstmedikation und versorgten sich mit deutlich mehr Medikamenten.
    "Die rezeptfreie Kategorie der Beruhigungs- und Schlafmittel inklusive Stimmungsaufheller boomt", verweist der Pharmaanalyst auf die Daten. 2021 stieg der Absatz in diesem Bereich um sieben Prozent, der Umsatz um 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr – "und dabei war das schon damals wesentlich mehr als 2019". Baumgartner führt das vor allem auf zunehmende Corona-bedingte Belastungen und Schlaf- oder Angststörungen zurück: "Offensichtlich suchten in den vergangenen Monaten noch mehr Patientinnen und Patienten schnelle Hilfe durch rezeptfreie Medikamente."

  • Pille statt Sonne Einen Booster der besonderen Art hat das Coronavirus auch dem Vitaminmarkt beschert. "Seit Beginn der Pandemie wird vermehrt zu Vitaminen und Immunstimulanzien gegriffen", berichtet der Pharmaexperte. Zwar wurde das hohe Vorjahresniveau nicht mehr erreicht, aber es werden noch immer mehr künstliche Vitamine eingenommen als in Vorpandemiezeiten."
    Das hat sich auf einem hohen Level eingependelt. Waren im Vorjahr noch immunstärkende Präparate der Topseller in diesem Bereich, so stachen 2021 laut Baumgartner Vitamin-D-Präparate ins Auge. Sie wurden schon im Jahr davor stark nachgefragt und haben noch einmal um 16 Prozent bei den verkauften Einheiten und 17 Prozent beim Absatz zugelegt. Dabei gäbe es Vitamin D auch kostenlos: über die natürliche Sonneneinstrahlung.

  • Kein Aua Ein anderer Wirkstoff hat ebenfalls eine besondere Karriere in der Pandemie gemacht: Paracetamol, das in Schmerzmitteln vorkommt, verzeichnete ab März 2020 einen "massiven Verkaufsanstieg", berichtet Baumgartner. "Ärztinnen und Ärzte haben verstärkt Paracetamol-Präparate zur Bekämpfung von potenziellen Impfreaktionen empfohlen" – was in den Apotheken in einzelnen Monaten Wachstumsraten von über hundert Prozent zur Folge hatte.
    Das heißt, es wurden zeitweilig mehr als doppelt so viele Schmerzmittel verkauft wie in "normalen" oder vorpandemischen Zeiten. Der "Verkaufspeak" im März 2020 wurde, so der Analyst, "durch Hamsterkäufe vor dem ersten Corona-Lockdown verursacht".

  • Brrrr, ruhig, Brauner! Auch das, was in einschlägigen Telegram-Gruppen der Corona-leugnenden oder -verharmlosenden Szene unter der Hand gehandelt, aber auch von FPÖ-Chef Herbert Kickl als probates Anti-Covid-Mittel öffentlich angepriesen wurde, lässt sich in den IQVIA-Daten nachverfolgen. "Der gefährliche Hype um Ivermectin, das für Pferde gebräuchliche Entwurmungsmittel, zeigt sich in der Verkaufsentwicklung für Präparate mit dem Wirkstoff Ivermectin der Apotheken", berichtet Baumgartner. (siehe Grafik)

Ein Hoch gab es im Frühjahr 2021 (Anfang März verteilte Tschechiens Regierung 10.000 Packungen an Spitäler), im Sommer mit den niedrigeren Infektionszahlen flachte der potenziell lebensgefährliche Nischentrend, sich verschreibungspflichtige Tiermedizin gegen Covid zu holen, wieder ab, seit August steigt die Kurve erneut an. (Lisa Nimmervoll, 31.1.2022)