Das Doppelgestirn der dialektischen Vernunft im Großraum Los Angeles: Max Horkheimer (li.) und Theodor W. Adorno.

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Alles, was den Menschen aus seiner Unmündigkeit herausführt, setzt ihn umso gewaltigerem Druck aus – und konfrontiert ihn à la longue mit der eigenen Unnatur. Aus solchen tieftraurigen Einsichten besteht eines der wichtigsten philosophischen Bücher des 20. Jahrhunderts: die Dialektik der Aufklärung. Von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno wurde es verfasst zu einer Zeit, als die Nazis in Europa die Massenvernichtung der Juden mit planwirtschaftlichem Kalkül ins Werk setzen.

Praktisch jeder Satz dieses glänzenden Sammelsuriums von Behauptungen enthält den Aufweis eines Widerspruchs. Gezeigt werden "dialektische Bilder", die allesamt vor dem Zerbersten stehen: "Aufklärung ist die radikal gewordene, mythische Angst." Oder, mit Blick auf die Entwertung des Lebens im Grauen des Holocaust: "Die Antisemiten sind dabei, ihr negativ Absolutes aus eigner Macht zu verwirklichen, sie verwandeln die Welt in die Hölle, als welche sie sie immer schon sahen." Die Gegenwartsdiagnostik führt die Denker weit zurück bis an den Ursprungspunkt der Menschheitsgeschichte.

Warum bleibt trotz aller ehrbaren Bemühungen – so die Frage der beiden Schwarzmaler – die Einrichtung der Gesellschaft unvernünftig? Warum wird das Übel an sich, der Kapitalismus mit seiner Tendenz zur Monopolbildung, nicht durch klügere Lenkung ersetzt? Anstatt seine Irrationalität auch noch planerisch herbeizuführen und damit die Menschen ins Unglück zu stürzen, etwa durch Massenkonsum und populistische Verführung?

Lauter Merksätze

Dieses merkwürdig offene Buch aus den frühen 1940er-Jahren besteht fast zur Gänze aus suggestiven Merksätzen. Theorie-Darsteller Martin Mittelmeier zerlegt jetzt in seiner famosen Spurensuche Freiheit und Finsternis den Motor der Unternehmung in lauter funkelnde Einzelteile. Am Werk gezeigt wird fast 75 Jahre nach der Erstveröffentlichung der Dialektik der Aufklärung (in Amsterdam) eine Vernunft, die sich mit den Errungenschaften der Moderne unter keinen Umständen zufriedengibt.

Entstanden ist diese Abrechnung mit jeder Form von Optimismus ausgerechnet unter Kühlung zufächelnden kalifornischen Palmen. Fern ihrer Frankfurter Heimat versuchten die Exilphilosophen, die Signatur der Zeit zu ergründen, um ihr die eigene Erlösungsbedürftigkeit vor Augen zu führen. Ihr in die USA verpflanztes Institut für Sozialforschung sollte die dazu benötigten empirischen Daten liefern.

Freuden der Kollektivarbeit

Ein Pool von wissenschaftlichen Korrespondenten wurde ausersehen, Ursachen für die grassierende Barbarei des Faschismus zu erforschen – und dabei gleich dem Kapitalismus von langer Hand den Strick zu drehen.

Kein Adorno, kein Horkheimer ohne die Namen von Leo Löwenthal, Friedrich Pollock oder Erich Fromm (dieser schied freilich im Unfrieden). Im häuslichen Umfeld von Pacific Palisades konversierte man mit anderen Exilanten und teilte die Zugehfrau mit Thomas Mann, Fritz Kortner oder Arnold Schönberg. Frauen spielten insofern eine Rolle, als sie Sekretariatsarbeit leisteten oder den erotischen Fantasien von Großbürgerkindern wie Adorno ("Teddy") eifrig Nahrung zuführten. Auch dies kein Ruhmesblatt in der Fortschrittsgeschichte der gehobenen Theoriebildung.

Was Mittelmeiers Abriss leistet, ist ein vorsichtiger Abgleich mit heutigen Anforderungen. An der Unart der Massenkultur, vor allem "Reklame" ihrer selbst zu sein, hat sich wenig geändert. Im Ringen um die menschliche Selbstzivilisierung hingegen wird die Notwendigkeit spürbar, das Verhältnis zur Natur auf Basis der Friedfertigkeit neu zu bestimmen. Denn zärtlich soll das Wechselspiel sein, das das Subjekt mit seinem Gegenüber "Realität" betreibt: In nichts anderem als der Zartheit und dem Reichtum der äußeren Wahrnehmungswelt bestehe die "innere Tiefe des Subjekts". (Ronald Pohl, 1.2.2022)