In der Serie "Geradegerückt" betrachten wir Geschichten über weibliche Berühmtheiten genauer und fragen, welche Erzählungen sich über diese Frauen durchgesetzt haben – und was daran womöglich falsch ist.

Ihr Image klebte an ihr fest wie nasse Chips. Anna Nicole Smith verkörperte in den 1990er-Jahren die Frau, die alle haben wollten und die sich jeder als "Playboy"-Ausgabe kaufen konnte. Auf kurze Jahre des Ruhms folgten jahrelange Gerichtsverfahren rund um das Erbe ihres verstorbenen Mannes, Tablettensucht und eine Realityshow, in der Smiths Absturz zum Spektakel wurde. Als das Bild Risse bekam, die Person hinter der blonden, sexy Projektionsfläche hervorblitzte, wurde Anna Nicole Smith zur Witzfigur und vorgeführt wie ein Zirkuspferd.

Aus ihrer Aufstiegsgeschichte machte die Texanerin nie ein Geheimnis, sie erzählte freimütig über ihre Kindheit in Armut und ihren Wunsch nach einem besseren Leben. 1967 geboren, wuchs sie in – wie man landläufig sagt – schwierigen Verhältnissen auf. Smith erzählt in späteren Interviews von physischem und sexuellem Missbrauch. Die Highschool brach sie ab, arbeitete in einem Restaurant. Dort traf sie den Koch Billy Smith, den sie mit 17 Jahren heiratete. Aus dieser Ehe, die nicht lange halten sollte, stammt Anna Nicole Smiths erster Sohn, Daniel.

Vorbild Marilyn Monroe

Bevor sie als Model entdeckt wurde, jobbte die Alleinerzieherin als Verkäuferin und Kellnerin. Genug verdienen konnte sie damit aber nicht. Sie zieht um und wird Stripperin in Houston. Dort lernt sie 1991 auch den Ölmagnaten und Milliardär J. Howard Marshall kennen, der ihr zweiter Ehemann werden sollte.

Von der Stripperin zum Model – eine Aufstiegsgeschichte.

Ihr großes Vorbild war Marilyn Monroe. Also glich sie ihr Aussehen an: Sie färbte sich die Haare blond, sparte Geld für eine Brustvergrößerung. 1992 schickte Smiths damaliger Freund Nacktfotos an den "Playboy", und sie wurde prompt zum Titelseitenmodel. Noch im selben Jahr wird der nunmehrige Coverstar zum Werbegesicht der Modemarke Guess, ein Jahr später zu einem der "Playmates of the Year". Es folgen kleinere Filmrollen in "Die nackte Kanone 33 ⅓" oder "Der große Sprung". Ann Nicole Smith wurde auf einen Schlag berühmt. Sie wurde zur Marylin Monroe ihrer Generation.

In dieser Zeit sprang auch das Interesse der Medien an, noch lange vor Social Media und Co hatte Smith dank des Playboy-Imperiums eine große Fanbasis mit schier unstillbarem Verlangen nach Geschichten. Das Image der sexy Blondine pflegte sie dabei auch selbst. Sie gab sich offenherzig und verkündete in einem Interview: "Ich liebe Paparazzi. Sie machen Fotos, und ich lächle einfach. Ich habe die Aufmerksamkeit immer gemocht. Ich habe nicht viel davon bekommen, als ich klein war, und ich wollte immer gesehen werden."

White Trash

Zeitungen, Magazine und Fernsehsender rissen sich um die damalige Mittzwanzigerin, wohl fasziniert von dem Bild einer "armen Kleinen", die es ganz nach oben geschafft hat. 1994 lud das Magazin "New York" Smith zu einem Glamour-Fotoshooting für die Titelseite. Am Ende landete ein Bild von ihr auf der Titelseite, auf dem sie in weißen Cowboystiefeln am Boden sitzt und in ein Chipssackerl greift.

Das "Playboy"-Cover aus dem Jahr 1993, als Smith zu einem der Playmates des Jahres wurde.
Foto: Playboy via AP

Quer über ihren Oberkörper steht: "White Trash Nation" – die Titelgeschichte über die weiße Unterschicht in den USA, zu deren Illustration Smith herangezogen wurde. Eigentlich war es nur ein Schnappschuss. Smith einigte sich wohl außergerichtlich in der Causa, aber die Punze blieb ihr. Das Mädchen aus der Gosse, die ehemalige Stripperin, die sich nach oben schlief, alte, willenlose Männer verführte und so reich und berühmt wurde.

Im Jahr 1994 – nach mehrjährigem Werben durch den Milliardär – heiratete die damals 27-Jährige den 89-jährigen Marshall. Der große Altersunterschied sorgte von Anfang an für Gerüchte und Gerede: Sie sei nur hinter seinem Geld her. Jahre später erzählte Smith, die Ehe sei kaum körperlich gewesen, aber sie habe niemals jemanden so geliebt wie Marshall. "Er hat sich um mich gekümmert. Und er hat nie auf mich herabgeblickt", sagte Smith in einem Interview Jahre nach Marshalls Tod.

Erbstreit

Anna Nicole Smith hatte sich nichts mehr gewünscht, als ihrem Sohn eine bessere Kindheit zu bieten als ihre eigene. Doch die Erzählung von Medien, Marshalls Familie und allen, die sich dazu berufen fühlten, eine Meinung zu haben, war eine andere: Der arme willenlose alte Mann, der von der blonden, männerverschlingenden und geldgierigen Frau verhext wurde und nicht wusste, was er tat. Unnötig dazuzusagen, dass Marshall zu der Zeit noch arbeitete und sein Milliardenunternehmen leitete. Offenbar ohne kognitive Ausfälle.

Anna Nicole Smith auf dem Weg zu einem der zahlreichen Gerichtstermine rund um das Erbe ihres verstorbenen Mannes.
Foto: AP Photo/Manuel Balce Ceneta

Schon im Jahr nach der Hochzeit starb Marshall, und damit begann ein jahrelanger erbitterter Erbstreit mit der Familie ihres Ehemannes. Zwar war sie nicht im Testament vermerkt, Smith behauptete aber, Marshall habe ihr immer versichert, sie werde nach seinem Tod versorgt sein. Vor Gericht forderte sie die Hälfte des Vermögens. Neben der Frage, ob Smith erben sollte, stritten auch die zwei Söhne Marshalls um die Aufteilung des Erbes. Im Zuge der Erbstreitigkeiten sagte sie einmal, sie habe Marshalls Heiratsanträge abgelehnt, solange sie nicht selbst genug Geld verdient hätte, weil: "Ich wollte nicht als Goldgräberin dastehen. Das hat wohl nicht so gut funktioniert, oder?" Sie wird immer mehr zu einer Witzfigur, einer Vorgeführten, mit der irgendetwas nicht stimmt, aber an der sich niemand sattsehen kann.

Mit den Aufträgen ging es zu der Zeit schon längst bergab, der Erbstreit mündete für sie schließlich im Privatkonkurs mit knapp einer Million Dollar an Schulden. Smith litt wegen der übergroßen Brustimplantate an Rückenschmerzen und anderen daraus resultierenden Komplikationen und nahm viele Medikamente. Ihre Gewichtsschwankungen versuchte sie mit Diätpillen und Ähnlichem in den Griff zu bekommen. Das alles wird begleitet von unfreundlichen bis respektlosen Medienberichten. Nicht selten wurde sie in Interviews gefragt, warum sie so fett sei. Der Medikamentenkonsum sorgt für seltsame Auftritte vor Gericht oder vor der Kamera, wo sie sichtlich kaum sprechen kann oder fast einschläft.

Er war für sie die "Liebe ihres Lebens": Sohn Daniel.

Den Höhepunkt wird diese Farce Anfang der 2000er-Jahre erreichen: Smith ist tablettenabhängig, hat einen Entzug und einen Selbstmordversuch hinter sich, ihre finanzielle Lage ist düster. Für den TV-Sender E! gab es dennoch keinen Grund, wie viele andere Ex-Stars auch Anna Nicole Smith in einer Reality-TV-Show bei ihrem täglichen Leben zu begleiten.

"The Anna Nicole Show" katapultierte Smith im Jahr 2002 wieder in die TV-Geräte der USA und der Welt. Die Serie war zunächst ein Hit, doch Smith wirkte oft desorientiert, sie lallte oder konnte sich kaum wachhalten – Tabletten, Alkohol, Schmerzen, ein Cocktail, bei dem das nicht sehr verwundert. Für das Publikum bedeutete das aber vor allem: darauf warten, was Anna Nicole wieder Verrücktes tut oder sagt. 2004 ließ das Interesse nach, und die Sendung wurde abgesetzt. Vielleicht hat der eine oder die andere auch mitbekommen, dass man hier einer Frau beim Abstürzen zuschaut, statt ihr Hilfe anzubieten. Noch im selben Jahr kommt es zu einem Auftritt Smiths bei den Video Music Awards, wo sie besorgniserregenden Eindruck hinterließ. Etliche Jahre später wurde bekannt, dass sie am Tag davor kleinere Schlaganfälle gehabt und unter Medikamenteneinfluss gestanden habe.

oscar garanzuay

Im Herbst 2006 bekommt Anna Nicole Smith eine Tochter, Dannielynn. Nur wenige Tage später stirbt Smiths Sohn Daniel aus erster Ehe an einer Überdosis. Seinen Tod wird sie nicht überwinden, Anna Nicole Smith stirbt im Februar 2007 mit 39 Jahren an einer Überdosis Medikamenten.

Späte Wiedergutmachung

In den Medien wird ihr Tod zum Teil mit Achselzucken oder offener Verachtung wahrgenommen, ganz im Sinne von "Wen wundert's?". Ruhig wird es rund um Anna Nicole Smith auch nach ihrem Tod nicht. Es folgen Prozesse rund um die Vaterschaft ihrer Tochter, das Gericht wird erst 2014 in der Causa des Erbes von Howard Marshall entscheiden – kein Geld für Anna Nicole Smith oder für ihre Tochter Dannielynn.

Wie andere geschmähte Frauen der 1990er-Jahre – Pamela Anderson etwa oder Britney Spears – erfuhr auch Anna Nicole Smith in den vergangenen Jahren so etwas wie Wiedergutmachung. Mehreren Dokumentationen – unter anderem auch eine des Senders E!, der für die Realityshow mit ihr verantwortlich war – stellten sich die Frage, ob hier nicht einer Frau übel mitgespielt wurde. Einfach weil sie nicht dem Image entsprach, das sie verkörperte. Weil sie viele Probleme hatte, die sie nicht zu verbergen wusste. Weil es leichter war, Smith zu unterstellen, sie habe ihren Ehemann verhext und wollte sich ein Erbe erschleichen, das ihr nicht zustand. Und weil Beobachter:innen und Kommentator:innen nichts Besseres einfiel, als sie dafür zu verachten. (Daniela Rom, 18.2.2022)