Alles war bedacht, alles sollte stimmen, bis ins kleinste Detail. Als die Air Force One mit Richard Nixon am 21. Februar 1972 um 11.30 Uhr in Peking landete, interessierte die Amerikaner zunächst, wie der Gastgeber gekleidet war. Trug Zhou Enlai einen Wintermantel? Als man den chinesischen Premier in wärmender Kleidung auf der Rollbahn stehen sah, ließ sich auch der US-Präsident seinen Mantel reichen. Es sollte auf keinen Fall so aussehen, als wollte er westliche Überlegenheit zur Schau stellen, indem er nur im Anzug hinaustrat in die Kälte.

Intensiv hatte Richard Nixon (mit Premier Zhou Enlai, li.) vorab das Essen mit Stäbchen geübt und zeigte auf diese Art kulturellen Anpassungswillen – freilich aus geostrategischen Überlegungen.
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Für die Galadiners hatten die Amerikaner intensiv geübt, mit Stäbchen zu essen. Als Gastgeschenk präsentierten sie zwei Moschusochsen, dazu zwei Redwood-Riesenbäume aus Kalifornien. Alexander Haig, Assistent von Sicherheitsberater Henry Kissinger, warnte vor dem Hirseschnaps Maotai, dessen Genuss mit dem Trinken flüssiger Rasierklingen vergleichbar sei. Unter keinen Umständen dürfe Nixon die Schnapsgläser leeren.

Provokantes Rot

Die First Lady bekam den Rat, auf die Farbe Rot zu verzichten, denn die werde in China von Prostituierten getragen. Pat Nixon erschien dennoch gleich zum Auftakt in leuchtendem Rot auf der Gangway.

Pats Mann, der Präsident, wiederum war an jenem Montag, so schilderte es Stabschef Bob Haldeman, nervös und verunsichert, auch wenn er es lächelnd zu überspielen versuchte. Zu dem Zeitpunkt war noch völlig unklar, ob er von Mao Tse-tung, dem physisch schwächelnden starken Mann Chinas, empfangen werden würde. Man hatte es weder zugesagt noch ausgeschlossen.

Nixon wollte Mao unbedingt treffen, allein schon wegen der Symbolik des Paukenschlags, die ihm noch wichtiger war als die Substanz der Gespräche. Bilder, die ihn beim Handshake mit Mao zeigten, würden genau die Botschaft aussenden, die er sich erhoffte. Ohne sie wäre der Trip nur halb so viel wert.

Das Treffen gilt auch in China heute noch als historisch, wie diese Ausstellung in einem Pekinger Hotel zeigt.
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Es ging dann schneller als gedacht. Kaum im Quartier angekommen, wurde Nixon auch schon bedeutet, dass Mao ihn erwarte. Ärzte hatten Wochen gebraucht, um den herzkranken Mann in einen adäquaten Zustand zu versetzen. Als er ihn auf konkrete Streitpunkte ansprach – Vietnam, Taiwan –, winkte er ab. "Auf all diese lästigen Themen möchte ich nicht zu sehr eingehen", wird er zitiert.

Konzentrierte Willensstärke

Während Nixon in seinen Memoiren von Maos bemerkenswertem Sinn für Humor sprach, grenzte Kissingers Lob fast an Verehrung: Er habe noch keinen erlebt, abgesehen von Charles de Gaulle, der eine derart konzentrierte Willensstärke spüren lasse. "Nixon goes to China": Der Satz gehört bis heute zum Politsprech in Washington – auch wenn China nicht Thema ist. Vollziehen Politiker eine verblüffende Wende, lösen sie sich von in Stein Gemeißeltem, dann ist noch immer vom Nixon-geht-nach-China-Moment die Rede.

Der Hauptakteur selbst verglich seine Expedition in die rätselhafte Ferne mit einem Flug zum Mond. Dass ausgerechnet er sie antrat, als erster US-Präsident überhaupt, verstärkte noch den Eindruck des Überraschungscoups. Schließlich hatte der Republikaner seine Karriere als antikommunistischer Scharfmacher begonnen. Nun aber suchte er die Annäherung. Doch gerade weil Nixon das konservative Amerika vertrat, hatte er innenpolitisch genügend Spielraum, um gegenüber Peking – und Moskau – eine ideologiefreie, nur von Machtinteressen geleitete Realpolitik zu betreiben. Mit seinem Coup hoffte er die Balance zu verändern, China gegen die Sowjetunion auszuspielen und jegliche sowjetische Dominanz zu verhindern. In Schanghai zog er triumphierend Bilanz: "Das war eine Woche, die die Welt veränderte."

Knappe fünf Jahrzehnte nach Richard Nixon sorgte Donald Trump bei seinem Amtskollegen Xi Jinping sichtlich für Skepsis. 2020 gab Trump China de facto die Schuld an der Corona-Pandemie.
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Den Nixon-Kurs behielt man im Oval Office bei – egal, ob Ronald Reagan oder Barack Obama am Schreibtisch saß. Modernisierung und Wachstum fördern, die Volksrepublik in internationale Institutionen einbinden, Differenzen offen benennen, im Dialog bleiben: Das waren die Konstanten. Eine schwierige Partnerschaft, so der Leitgedanke, ist allemal besser als die Konfrontation. Doch es folgten: zunehmende Ernüchterung angesichts gewaltiger chinesischer Handelsüberschüsse, Donald Trumps schroffe Polemik gegen den asiatischen Exportweltmeister, während in Michigan oder Ohio eine Fabrik nach der anderen zusperren musste; es folgten Strafzölle, Schuldzuweisungen für die Corona-Pandemie ("China-Virus") und schließlich Joe Bidens Versuch, ein Bündnis der Demokratien zu schmieden, um China etwas entgegen zusetzen.

Was konservative Hardliner heute von Nixons Öffnungspolitik halten, hat niemand deutlicher formuliert als Trumps zweiter Außenminister Mike Pompeo in einer Brandrede 2020: "Wenn wir ein freies 21. Jahrhundert wollen – nicht das chinesische Jahrhundert, von dem Xi Jinping träumt –, wird es mit dem alte Paradigma blinden Engagements mit China nicht gehen." Nixon, so Pompeo, habe selber gesagt: Er fürchte, ein Frankenstein-Monster erschaffen zu haben, indem er der Kommunistischen Partei Chinas die Welt öffnete. "Und an dem Punkt sind wir nun."

Unter Joe Biden soll die schon unter Barack Obama begonnene Neu-Orientierung der USA Richtung China eine neue Chance erhalten.
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Geschichte nicht umschreiben

Richard Haass, auch er Republikaner, wenngleich weltoffenerer Chef des Council on Foreign Relations, erwiderte in einem Essay, dass man Geschichte nicht umschreiben dürfe. Nixon und Kissinger sei es nicht um gesellschaftlichen Wandel gegangen, sondern um Geopolitik – darum, China als Gegengewicht zur UdSSR zu nutzen. "Es liegt nicht in unserer Macht, Chinas Zukunft zu bestimmen; geschweige denn, (das Land) zu transformieren." Damit sind sie prägnant abgesteckt, die Pole einer Debatte, die Amerika noch eine Weile beschäftigen dürfte.

Für Nixon war der Aufstieg Chinas übrigens schon 1972 vorhersehbar: Nach einer Sportgala in Peking – auf dem Programm standen Tischtennis und Turnen – notierte er in seinem Tagebuch: "Nicht nur wir, sondern alle Völker der Welt werden sich sehr anstrengen müssen, um den enormen Fähigkeiten, dem Ehrgeiz und der Disziplin des chinesischen Volkes gewachsen zu sein." (Frank Herrmann, 20.2.2022)